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7. Januar 2005

Unsterblichkeit und Gottesnähe

Axel Michaels: "Die Kunst des einfachen Lebens. Eine Kulturgeschichte der Askese"

Der ursprünglich griechische Begriff "Askese" lässt sich mit "Übung" übersetzen, womit das Training und die Enthaltsamkeit von Athleten gemeint ist. Erst später bezog sich die Askese ganz allgemein auf die Enthaltsamkeit im ethischen Sinn: wie das Vermeiden bestimmter Speisen und Getränke, die Abkehr von geschlechtlichen Beziehungen – und letztlich die völlige Abwendung von weltlichen Freuden im Tun und im Denken – mit dem Ziel der inneren Sammlung und Vergeistigung von Triebregungen und unbewussten Energien. Finden kann man die Askese jedoch in vielen Religionen. Besonders ausgeprägt ist sie im Hinduismus, im Buddhismus und auch im Christentum, wie Axel Michaels, der als Professor für Klassische Indologie am Südasien-Institut der Universität Heidelberg lehrt, in seinem aktuellen Buch darlegt.

"Asketen wollen ihren Körper kontrollieren und überwinden. In zahlreichen Übungen kasteien und malträtieren sie sich. Sie stehen oder sitzen jahrelang auf einem Fleck oder gar auf einer Säule, sie messen mit ihrer Körperlänge kilometerlange heilige Strecken aus, sie schlagen sich mit Peitschen und Ketten blutig, sie fasten oder leben monodiätisch, das heißt von nur einem Nahrungsmittel, sie liegen in Dornengestrüpp oder auf Nagelbrettern, sie harren in eisiger Kälte aus oder in der Mitte eines Kreises von Feuern mit der Sonne über ihnen, sie hausen in dunklen Zellen und schlafen auf harten Pritschen. Ihre Leibfeindlichkeit, ihr Leiden kennt keine Grenzen, der Selbstmord wird mitunter nicht nur hingenommen, sondern gewollt. Askese ist in weiten Teilen langsames Sterben, Sterben im Leben, Abtöten der Sinne, Auslöschen des Lebenswillens. Ein Asket vertrocknet bei lebendigem Leib."

Natürlich erhöht sich der Asket mit solcher Selbstvernichtung auch über die Gesellschaft, die angesichts zur Schau gestellter Extreme als bedauernswert materialistisch und am vergänglichen Körper hängend gesehen werden kann. Prinzipiell jedoch weiß der Durchschnittsmensch mit derart gelebter Daseinsverneinung nur sehr wenig anzufangen, hinterfragt doch der Asket so vieles, für das gerade die westliche Welt tagtägliche Strapazen auf sich nimmt. Warum Heirat, Kinder, Haus, Hab und Gut? Wozu leben, lieben, arbeiten? Was ist der Sinn dahinter? Diese Fragen stellten sich Asketen in vielen Kulturen. Und sie fanden Antworten, die sie meist sehr radikal umsetzten. So bedeutet ein asketisches Leben meist ein Leben in Keuschheit, Armut und Abgeschiedenheit, in einer kargen Gemeinschaft mit Ordensbrüdern und -schwestern, mit Gelübden und Kasteiungen wie Fasten, Schweigen oder lebenslanger Pilgerschaft. Kurz – Asketen negieren die verschiedenen Aspekte des "normalen" Daseins in mitunter bizarr erscheinender Form. "Wenn es für Menschen normal ist zu essen, sich zu kleiden, die Haare zu schneiden oder zu heiraten, so müssen Asketen fasten (nicht oder wenig essen), nackt herumlaufen, die Haare nicht (oder ganz) schneiden und keusch leben. Nur indem der sterbliche Körper nicht mehr zählt, gewinnt der Asket Unsterblichkeit und Gottesnähe – oder er hat zumindest teil daran."

Mit zahlreichen Beispielen führt Axel Michaels in die verschiedenen Aspekte dieser asketischen Opposition zur Gesellschaft ein. Dabei beschränkt sich der Indienkenner jedoch keineswegs nur auf den asiatischen Raum, sondern nimmt sich auch den zahlreichen asketischen Begebenheiten des Christentums an, wie der Fall des Franz von Assisi zeigt: "Selbstgewählte Nacktheit symbolisiert den radikalen Bruch mit den Konventionen und der Gesellschaft. Eine solche deutliche Abkehr von der Welt hat 1207 Franziskus von Assisi, der Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers, demonstriert, als er sich vor dem Palast des Bischofs von Assisi nackt auszog und seinem Vater die Kleider und Geld vor die Füße legte."

Radikaler Bruch mit Konventionen

Der Autor arbeitet in diesem Zusammenhang die Unterschiede zwischen dem Selbstverständnis des Asketen und dem, was als "normal" empfunden wird, anhand zahlreicher Beispiele heraus. Ob es nun um den Schlaf geht oder die Nahrungsaufnahme, die Sexualität oder eben die Bekleidung – die Welt eines Asketen ist ein ganz eigener Kosmos. Indes ist auch dieser nicht frei von Problemen, die sich unter anderem durch die Aufkündigung gesellschaftlicher Normen ergeben. So setzen sich Asketen, die Frau und Kinder zurücklassen, natürlich deren Zorn aus, während beispielsweise junge indische Asketen Gefahr laufen, sich den Unbill der Ahnen zuzuziehen, die erst mit der Geburt der nächsten Generation Frieden im Jenseits finden können. Und auch das Betteln zum Lebensunterhalt birgt ein gewisses Konfliktpotential, leistet doch der Asket keinen direkten Beitrag zum Nahrungserwerb einer Gesellschaft, von der er versorgt werden muss.

Axel Michaels gelingt es letztlich, das Phänomen der Askese sehr differenziert darzustellen. Die zahlreichen Beispiele aus der Realität dienen ihm dabei nicht nur als Anschauungsmaterial. Sie stellen auch eine gelungene Bereicherung des ebenso informativen wie lesbaren Buches dar. Denn letzten Endes ist Askese nicht nur die Kunst der Weltüberwindung; sie ist auch eine vielen Religionen immanente Besinnung auf die wesentlichen Werte des Lebens.

Besinnung auf wesentliche Werte

Insofern rundet das Schlusskapitel zu modernen Formen des Konsumverzichts und der Öko-Askese das Buch sehr gut ab: "Ein Ausstieg aus dem kapitalistischen Hamsterrad vermag in der Tat dazu verhelfen, dass es sich ein wenig langsamer dreht und in der so entstandenen Muße neue Antworten auf alte Fragen gefunden werden können, die auch die Entsager aller Kulturen und Religionen immer wieder gestellt haben: Wozu leben, lieben, arbeiten? Dabei gilt die schlichte Formel der Einfachheit: weniger ist mehr. Weniger arbeiten, konsumieren, reisen, essen, schenken, sich kleiden bedeutet mehr Zeit, Ruhe und Raum. Aber ein Ausstieg sollte nicht sein, um ‚mehr' Zeit zu ‚haben', sondern um sich – in guter asketischer Tradition – bewusst zu werden, dass Leben nicht der unbegrenzten Verfügbarkeit des Menschen ausgesetzt ist. Das Leben einfach leben und verlassen zu können, ist eine Kunst. Im selbstgewählten Verzicht liegt ein Stück dieser Demut und Dankbarkeit gegenüber dem Leben."
Heiko P. Wacker
Rhein-Neckar-Zeitung

Axel Michaels: "Die Kunst des einfachen Lebens. Eine Kulturgeschichte der Askese". Verlag C. H. Beck, München 2004. 192 S., Softcover, ISBN 3-406-51107-4; 11,90 Euro.

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
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und
Irene Thewalt
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