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23. Oktober 2004

"Wechselwirkungen – Planung und Selbstorganisation einer Universität"

Festvortrag von Prof. Dr. Karlheinz Meier anlässlich der Jahresfeier der Universität Heidelberg

"Magnifizenz, hochverehrte Gäste der Universität, liebe Kolleginnen und Kollegen, meine sehr verehrten Damen und Herren,

Als mich der Rektor vor einigen Monaten darum bat, die Festrede auf der Jahresfeier 2004 zu halten, war mir dies Ehre und Herausforderung zugleich. Natürlich soll es dabei um die vergangenen drei Jahre meiner Rektoratszeit gehen. Meine Zuständigkeit für "Entscheidungssysteme" macht die Sache allerdings nicht ganz einfach. Das Thema klingt nach trockener Organisationstheorie. Vielleicht werden gar einige unter Ihnen in diesem Moment die Entscheidung bedauern, an einem so wunderschönen Heidelberger Herbsttag in die Alte Aula gekommen zu sein. Ich werde jedoch versuchen, dieses Thema etwas unkonventionell anzugehen.

Entscheidungen treffen wir alle jeden Tag. Richtige und falsche Entscheidungen formen und beeinflussen unser Umfeld. Eine Universität, zu deren Aufgaben insbesondere die Gestaltung der Zukunft junger Menschen und die Entwicklung neuer Gedanken gehört, muss Entscheidungen ganz besonders ernst nehmen. Dass meine bisherige Aufgabe nun gar etwas mit Systemen zu tun hatte, denen wir Entscheidungen anvertrauen wollen, macht die Sache besonders unheimlich.

Entgegen Ihren Erwartungen werde ich diesem Festvortrag aber zunächst eine überraschende Wende gebe. Seit dem 1. Oktober bin ich wieder vollständig mit Leib und Seele als Physiker in Forschung und Lehre am Kirchhoff-Institut für Physik tätig. Es kommt für mich in den nächsten Monaten darauf an, mir selbst wieder eine stabile Brücke für den Übergang vom Hochschulmanagement in die Wissenschaft zu bauen. Ich möchte heute mit Ihnen einmal eine solche Brücke gemeinsam betreten. Unser Weg wird uns dabei zunächst auf die Seite der Wissenschaft führen, bevor wir uns in der zweiten Hälfte wieder der Lenkung einer Universität und speziell auch der Frage von Entscheidungen zuwenden werden. Den Moment des Bruches zwischen diesen beiden Bestandteilen meines Festvortrages werden Sie deutlich verspüren. Hoffentlich entdecken Sie jedoch dabei auch gewisse Verbindungen.

Ich beginne also den ersten Teil mit einer vielleicht zu allgemeinen, aber meiner Meinung nach richtigen und wichtigen Behauptung: Wir leben in unglaublich spannenden Zeiten. Der zu erwartende Erkenntnisgewinn naturwissenschaftlicher Grundlagenforschung wird in den kommenden zehn Jahren alles übersteigen, was in vergleichbaren Zeitspannen der Vergangenheit erfolgt ist. Die vor uns liegende Zeit wird durchaus vergleichbar sein mit der Kopernikanischen Wende vor etwa 450 Jahren, in der die Erde ihre zentrale Rolle im Universum verlor.

Eine solche Aussage ist leicht gemacht, aber schwer begründet. Lassen Sie mich trotzdem in der Kürze der hier zur Verfügung stehenden Zeit den strukturierten Versuch einer Begründung versuchen.

Sie alle in diesem Raum haben sich mit Sicherheit schon mehrfach die drei großen Fragen gestellt, auf die ich im Folgenden eingehen möchte. Es sind die entscheidenden Fragen, aus deren jeweils aktuellen Antworten wir uns alle ein mehr oder weniger zufrieden stellendes Weltbild schaffen. Um drei Dinge soll es also hier gehen: DAS GROSSE, DAS KLEINE und DAS KOMPLEXE und in genau dieser Reihenfolge wollen wir uns nun diesen Fragen widmen.

I. DAS GROSSE: Eine möglichst vollständige und selbstkonsistente Beschreibung des Universums, seiner Größe, seiner Entstehungsgeschichte und seiner zu erwartenden Entwicklung war seit Anbeginn des menschlichen Denkens eine zentrale Herausforderung der Naturphilosophie. Die jeweils aktuellen Weltmodelle waren dabei immer durch die mathematischen und apparativen Möglichkeiten der jeweiligen Zeit bestimmt. Das von Kopernikus konzipierte Bild eines heliozentrischen Sonnensystems wurde anschließend durch die Beobachtungen eines Tycho Brahe, die phänomenologische Interpretation eines Johannes Kepler und die theoriebildenden Generalisierungen eines Isaac Newton zu einer nachprüfbaren und akzeptierten Realität. Welchen Grund haben wir nun gerade heute anzunehmen, dass sich auf diesem Gebiet in den kommenden zehn Jahren grundlegend neue Erkenntnisse ergeben werden? Der eigentlich Grund hierfür liegt nach meiner Auffassung in der Verfügbarkeit völlig neuer Technologien zur Beobachtung des Universums. Wir beobachten den Himmel heute praktisch im gesamten Spektrum elektromagnetischer Strahlung von Radiowellen bis zur Gammastrahlung und sogar durch Elementarteilchen, die aus den Tiefen des Kosmos zu uns gelangen. Satelliten helfen uns, die störenden Einflüsse der Erdatmosphäre zu überwinden. Ungeheure Datenmengen aus einer Vielzahl verschiedener Beobachtungen können auf immer leistungsfähigeren Massenspeichern aufbewahrt und von immer leistungsfähigeren Computern verarbeitet, visualisiert und mit Simulationen verglichen werden. Die sich immer klarer abzeichnenden Resultata dieser Beobachtungen und ihre Interpretationen sind faszinierend und beunruhigend zugleich. Das Universum sieht in seiner Gesamtheit völlig anders aus, als wir dies noch vor wenigen Jahren geglaubt haben. Die unvorstellbare Zahl von etwa 1023 Sternen – dies entspricht lustigerweise in etwa der Anzahl der Moleküle in einer Milchtüte – ist für seine gesamte Energiedichte etwa so wichtig wie die Zinsen auf einem guten Bankkonto. Nur etwa vier Prozent des Universums besteht aus leuchtender oder zumindest reflektierender Materie. Wir selbst gehören übrigens auch dazu. 96 Prozent sind dagegen völlig unsichtbar und teilen uns Beobachtern ihre Existenz nur durch indirekte Einflüsse auf neueste und hochpräzise Beobachtungen mit. Etwa ein Viertel dieser unsichtbaren, dunklen Bestandteile bilden ähnliche Klumpen und Cluster wie unsere sichtbare Welt dies in Form von Galaxien tut. Jedoch ist nicht klar, welche Objekte sich hier gegenseitig anziehen. Offensichtlich erhalten wir gerade jetzt fundamental neue Erkenntnisse über die Struktur unserer Welt, deren theoretische Interpretation im Sinne eines neuen Weltbildes auch in nächster Zukunft durch immer ausgefeiltere Beobachtungstechniken verbessert werden wird. Heidelberger Wissenschaftler sind auf beiden Seiten, also Theoriebildung und Beobachtung, stark engagiert. Interessanterweise wird aber auch die Forschung in den irdischen Labors Beiträge zu diesem Thema liefern. Dazu wenden wir uns sogleich der zweiten der drei großen Fragen zu.

II. DAS KLEINE: Welche Bausteine sind für die mikroskopische Struktur der Materie zuständig. Gibt es so etwas wie die kleinsten, unteilbaren Bausteine? Welche Wechselwirkungen veranlassen diese Bausteine, sich zu so regelmäßigen und konsistent wiederholbaren Strukturen wie Protonen, Neutronen, Atomen, Molekülen und Kristallen zu verbinden? Auf diese Fragen hat die Elementarteilchenphysik im Verlauf der letzten 30 Jahre in einer beispiellosen und wohl organisierten experimentellen und theoretischen Attacke eine wunderschöne, konsistente und zunächst vollständige Antwort gefunden: das Standardmodell der Elementarteilchenphysik. Zwölf elementare Teilchen kommunizieren über vier verschiedene Wechselwirkungen auf komplizierte, aber sehr gut verstandene Weise untereinander. Bis zu unvorstellbar kleinen Abständen von 10-18 Metern ist die Welt der kleinsten Teilchen mit dem Standardmodell sehr gut verstanden. So lässt sich gar die Entstehung des – wenn auch kleinen – sichtbaren Teils des Universums unter Verwendung dieses Standardmodells bis hinunter zu sagenhaften 10-35 Sekunden nach dem Urknall nachvollziehen. Unsere zweite große Frage also vollständig beantwortet? Leider nicht. Paradoxerweise fehlen gerade Antworten auf die offensichtlichen Fragen: Warum sind schwere Dinge träge? Warum sind verschiedene Elementarteilchen verschieden träge? Die Trägheit und ihre Verknüpfung mit dem Konzept der Kraft und der Änderung von Geschwindigkeit wurde bereits von Isaac Newton in seiner Principia 1687 überzeugend eingeführt und war eine entscheidende Ingredienz für das Verständnis der Planetenbewegungen. Ein tief greifendes Verständnis dieser geheimnisvollen Eigenschaft auf dem Niveau der Elementarteilchen steht jedoch noch aus. Aber das ist noch nicht alles: Warum sind die Wechselwirkungen so verschieden? Könnte es sein, dass bei noch kleineren Abständen alle Kräfte gleich werden? Erste experimentelle Daten weisen darauf hin. Wie sieht es mit der Struktur des Raumes aus? Sind die uns vertrauten drei Raumdimensionen vollständig oder sieht die Welt anders aus, wenn man nur genauer hinschaut? Genau diese Fragen beschäftigen die Elementarteilchenphysik heute und deren Beantwortung könnte vielleicht auch Brücken zur ersten großen Frage und dort speziell nach dem Ursprung der dunklen Materie bauen. Sind für diese Fragen die nächsten zehn Jahre interessant? Können gerade wir jetzt neue Antworten erwarten? Gewiss! Bereits im Jahr 2007 wird am Europäischen Forschungszentrum CERN in Genf, wiederum unter signifikanter Heidelberger Beteiligung, der "Large Hadron Collider" in Betrieb gehen und erstmals einen experimentell fundierten Blick auf die genannten Fragestellungen werfen. Warum passiert dies gerade jetzt? Nun, die Elementarteilchenphysik stellt wie wahrscheinlich keine andere Wissenschaft extreme apparative Anforderungen, die häufig über die verfügbaren Technologien hinausgehen. Supraleitung, Mikroelektronik, vernetztes Rechnen mit Datenströmen, die den weltweiten Telefonverkehr weit übertreffen, sind Herausforderungen, die erst jetzt erfüllt werden können. Dieses weltweit größte wissenschaftliche Unterfangen mit vier Experimenten mit jeweils 1000 oder gar mehr Wissenschaftlern wird uns in wenigen Jahren völlig neue Einblicke in die Welt der kleinsten Teilchen geben. Dass das CERN gewissermaßen nebenbei gegen Ende der 80ger Jahre das World Wide Web zur Befriedigung des damals schon enormen Kommunikationsbedarfs erfunden hat, sei hier nur am Rande erwähnt. Aber gibt es neben dem Großen und dem Kleinen noch eine dritte große Frage?

III. DAS KOMPLEXE: Speziell auf der Erde finden wir Strukturen von unglaublicher Komplexität. Diese Komplexität äußert sich zunächst einmal durch sehr große Zahlen. Der Körper eines Menschen besteht aus 100 000 Milliarden Zellen, Das Gehirn besteht aus 100 Milliarden Nervenzellen, die durch 100 000 Milliarden Verknüpfungen miteinander kommunizieren. Die Entstehung dieser Strukturen steht zunächst einmal in Einklang mit den Erhaltungssätzen der Physik, jedoch passierte hier mehr als nur die Umsetzung von Sonnenenergie in chemische Verbindungen. Die genannten Strukturen weisen einen geradezu unglaublichen Grad von innerer Koordination und Ordnung auf. Jedem von uns drängen sich damit unmittelbar zwei Fragen auf: Wie funktionieren diese biologischen Netzwerke auf molekularer, zellulärer oder Systemebene und wohl noch viel spannender: Durch welche Mechanismen sind sie entstanden? Als größte Herausforderung gilt hier sicher die Aufklärung der Funktionsprinzipien des Gehirns, seiner hocheffizienten, aber noch völlig ungeklärten Methoden neuronaler Informationsverarbeitung oder gar die Frage nach dem freien Willen oder nach den Bewusstsein. Sind nun auch bei dieser dritten großen Frage nach DEM KOMPLEXEN wiederum gerade die nächsten zehn Jahre von besonderer Bedeutung? Ich bin davon überzeugt. Auch hier, wie schon bei den beiden ersten großen Fragen, ist die apparative Entwicklung, die Möglichkeit objektive und nachvollziehbare Experimente durchzuführen, die treibende Kraft. Mikroskopie und Spektroskopie auf den Zeitskalen der Wärmebewegung von Molekülen, Brain Imaging und die atemberaubende Entwicklung der Simulationstechnologie auf Computern oder Computernetzen erlauben erstmals eine systematische und quantitative Erforschung und Beschreibung komplexer Vorgänge in lebenden Systemen. Die Erwartung wesentlicher Fortschritte wird auch durch das kürzlich erschienene und sehr lesenswerte Manifest der Gehirnforscher in Deutschland dokumentiert, das wiederum mit entscheidender Heidelberger Beteiligung entstand.

Drei große Fragen und viele neue Technologien als Unterstützung bei ihrer Beantwortung. Aber vergessen wir einmal einen Moment die Technologie. Ich bin sicher, Sie alle haben sich selbst schon genau diese Fragen gestellt. In irgendeiner Form trägt wohl jeder unter uns eine oder mehrere Antworten mit sich herum. Viele unserer Antworten sind dabei mit Sicherheit religiös geprägt. Die große übergeordnete Frage danach, wie all dies entstanden ist: DAS GROSSE, DAS KLEINE und DAS KOMPLEXE konnte praktisch seit Beginn des menschlichen Denkens immer vollständig durch die Vorstellung einer übergeordneten Planung und Lenkung beantwortet werden. Jede andere Möglichkeit war unvorstellbar.

Wo aber ist denn nun eigentlich die zu erwartende kopernikanische Wende, von der ich zu Anfang sprach? "Wir sind nicht das Wichtigste", sagen uns die Astrophysiker heute. Aber das ist doch eigentlich nichts Neues. Genau so, nur natürlich noch etwas eingeschränkter, hat es auch bereits Nikolaus Kopernikus im Jahr 1542 formuliert.

Der Begriff einer zu erwartenden Wende in unserem Weltbild ist meiner Ansicht nach viel fundamentaler und in einem weitaus größeren Sinne zu sehen. Erstmals zeichnet sich, zumindest in Umrissen, ein durchgehend konsistentes Bild der Entstehung von Strukturen vom Urknall bis zur Biologie auf der Erde ab.

Wir kennen heute zumindest grundsätzlich alle Wechselwirkungen, die über kurze Distanzen die Strukturbildung antreiben. Der erforschte Weg führt uns dabei von den Quarks über die Nukleonen, die Atomkerne, Atome, Moleküle, Makromoleküle, Zellen bis hin zu Organismen oder neuronale Netzwerke. Bemerkenswert ist dabei jedoch, dass es neben dem synthetisierenden Ansatz aus den durch das Reduktionsprinzip gefundenen Konstituenten und ihren Wechselwirkungen seit einigen Jahren auch erste überzeugende Modelle für eine eigenständige Strukturbildung gibt. Diese Strukturbildung erfolgt dabei immer ohne zentrale Steuerung durch ein globales übergeordnetes Kontrollsystem, sondern nach dem Prinzip der Selbstorganisation.

Diese Erkenntnis soll auch Anlass sein, noch einmal kurz über das Modewort Komplexität nachzudenken und ihm eine klare Definition zu geben.

Strukturen sind komplex, wenn sie allein durch einen als Emergenz beschrieben Prozess der Selbstorganisation ohne zentrale Planung entstehen. Komplexe Systeme müssen dabei nicht einmal besonders kompliziert sein. Die auch ästhetisch ansprechenden Muster von Atomen auf Metalloberflächen sind ein Beispiel für selbstorganisierte komplexe Systeme, obwohl deren Entwurf einem Ingenieur im Prinzip keine besonderen Schwierigkeiten bereiten würde.

Kompliziertheit hat dagegen eine völlig andere Bedeutung. Komplizierte Dinge umgeben uns alle jeden Tag. Das Räderwerk einer Kirchturmuhr, die Mikrochips in Ihrem Telefon, der Sourcecode von Windows XP oder das Mautsystem auf deutschen Autobahnen sind Beispiele für komplizierte Systeme. Der entscheidende Unterschied zu komplexen Systemen besteht darin, dass alle komplizierten Systeme von einem übergeordneten System – in den meisten Fällen wohl einem Ingenieursteam – geplant und realisiert wurden.

Dass Selbstorganisation zu erstaunlichen Dingen fähig ist, beweisen die genannten biologischen Systeme. Der Prozess ihrer Entstehung ohne zentrale Steuerung gehört vermutlich zu den spannendsten Forschungsobjekten der modernen Naturwissenschaften.

Welche Rolle spielt die Universität? Die Universität ist nach meiner festen Überzeugung der einzige Ort, an dem die genannten drei großen Fragen, ihre gesellschaftlichen und sozialen Bezüge sowie ihre historische Einordnung zu einem gemeinsamen Bild verschmolzen werden können. Ein Bild, das dann mit Fug und Recht als "Weltbild" bezeichnet werden kann.

Nun aber ist es Zeit für den bereits zu Anfang meiner Ausführungen angekündigten Bruch. Hat das bisher Gesagte eigentlich etwas mit Entscheidungssystemen zu tun? Nun, es scheint verführerisch, auch den Organismus Universität auf seine Fähigkeit zur Selbstorganisation abzuklopfen. Zu beantworten wäre hier die Frage: Sind wir als Universitätsmitglieder eher die Rädchen im sorgfältig geplanten Getriebe einer Kirchturmuhr oder eher sich selbst plastisch vernetzende Organellen, getrieben durch die vielfältigen Wechselwirkungen innerhalb der Universität und mit Forscherkollegen weltweit?

Hätten wir so ganz spontan die Wahl, uns zu entscheiden, wäre die zweite Möglichkeit vermutlich sympathischer. Ist vielleicht weniger, vielleicht sogar gar keine Planung und stattdessen mehr Selbstorganisation der goldene Weg für die Weiterentwicklung der Universität?

Leider muss ich uns alle an dieser Stelle in ein wenig enttäuschen. Die Universität ist nach meiner in den vergangenen Jahren gewonnenen Überzeugung kein sich selbst organisierendes Universum und sie sollte auch keines werden. Gründe dafür liefert uns bereits das natürliche Vorbild:

– Im Gegensatz zum großen Universum ist die Universität kein in sich abgeschlossenes System. Wir befinden uns in steter und starker Wechselwirkung mit der Außenwelt, die uns täglich beeinflusst. Wenn überhaupt, findet die Selbstorganisation nur auf einer wesentlich höheren Ebene statt und dieser Prozess ist nur schwer nachvollziehbar.

– Selbstorganisation führt nicht zwingend zum Erfolg. Brandon Carter hat im Jahr 1973 – lustigerweise dem Jahr des 500. Geburtstages des Nikolaus Kopernikus – auf die unglaublich präzise Abstimmung der Parameter unseres Universums hingewiesen. Sein daraus entstandenes "Anthropisches Prinzip" sagt uns in grob vereinfachter Form, dass wir Menschen unter Umständen einfach nur "Glück gehabt" haben. Auf ein solches Risiko kann sich eine Universität aber wohl kaum einlassen.

– Selbstorganisation dauert lange. Die Entstehung des Universums liegt 14,5 Milliarden Jahre zurück, die Erdgeschichte begann vor 4,5 Milliarden Jahren.

Um das Thema Planung oder weniger Planung rankt sich seit vielen Jahren eine äußerst umfangreiche und nicht immer aufschlussreiche hochschulpolitische Diskussion. Die Autonomie wollen dabei eigentlich immer alle. Autonomie bedeutet wohl in der Konsequenz weniger zentrale Planvorgaben. Aber mit der Autonomie ist es so eine Sache. Wer soll eigentlich autonomer werden? Wessen Planungseinfluss auf wen soll reduziert werden? Bedeutet Autonomie nicht auch mehr persönliche Verantwortung für das eigene Tun? Und seien wir einmal ehrlich: Ist nicht manchmal eine fehlgeschlagene Planung von oben auch ganz willkommen?

Die Universität Heidelberg war in diesen Fragen nicht untätig. Im Gegenteil. In den vergangenen sechs Jahren hat sie ein viel beachtetes Projekt zur dezentralen Ressourcenverantwortung auf die Beine gestellt und erfolgreich durchgeführt. Es waren vor allem Alt-Kanzler Kraft und Alt-Kanzlerin Gräfin vom Hagen, die das teilweise durch die Volkswagenstiftung finanzierte IMPULSE-Projekt initiiert und praktisch in die Tat umgesetzt haben. Die Betreuung des Projektverlaufes von Wissenschaftlerseite erfolgte durch die jeweils zuständigen Prorektoren. Im Verlauf der sechs Jahre waren dies interessanterweise zwei theoretische und ein experimenteller Physiker. Heute nun wird ein Chemiker, mein Kollege Peter Comba, diese Aufgabe von mir übernehmen. Ich wünsche ihm an dieser Stelle gutes Gelingen und erinnere mich dabei an eine etwas modifizierte Schülerweisheit: "Physik ist, wenn es nicht gelingt; Chemie ist, wenn es kracht und stinkt". Genau so wird es wohl nicht ablaufen, jedoch sind andere Denkweisen in einem Projekt immer gut und nützlich.

Aber, was ist eigentlich bisher passiert im Heidelberger IMPULSE-Projekt? Die grundsätzliche Idee lautete: Dezentralisierung auf Institutsebene. Also doch: eine gewisse Hoffnung auf Selbstorganisation in den Einheiten, die die umfänglichen finanziellen und personellen Ressourcen der Universität im Sinne ihrer Ziele nutzen.

Die Idee gründet sich auf der sehr einsichtigen Erfahrung, dass Entscheidungen auf der Detailebene nicht sinnvoll und auch nicht kompetent von einem Universitätsmanagement gefällt werden können. Die Entscheidung über die Abbestellung einer Zeitschrift, über die Beschaffung eines Videobeamers oder die Finanzierung einer Dienstreise gehört nicht auf den Tisch der Rektoratsrunde. Die Entscheidung darüber, wie die knapper werden Ressourcen zu verteilen sind, welche Bereiche gestärkt, geschwächt oder gar abgebaut werden sollen aber schon.

Nach sechs Jahren Projektdauer, einem Drittmittelaufwand von 2,5 Millionen Euro und einer noch weitaus höheren Investition durch die Universität selbst ist es an der Zeit zu bilanzieren. Hier ist meine ganz persönliche Bewertung des IMPULSE-Projektes unter vier Aspekten, die ich für besonders wichtig halte:

I. Die Freiheit auf dezentraler Institutsebene. Note SEHR GUT. Dieser Aspekt ist ausgesprochen positiv zu bewerten. Die vielen Zwänge von zweck- und zeitgebundenen Finanztöpfen waren kontraproduktiv und sind erfolgreich reduziert worden. Persönlich würde ich mir noch mehr Mut der Nutznießer in den Instituten bei der Nutzung der neuen Möglichkeiten wünschen.

II. Ressourcenverteilung. Note PROBLEMATISCH. Wohl entgegen den ursprünglichen Planungen verwaltet das Budgetierungsmodell ein fallendes Gesamtbudget der Universität. Ein Modell erzeugt jedoch keine Ressourcen. Diese eigentlich banale Tatsache konnte nicht immer und überall vermittelt werden. Die Anklage "Ich werde besser und bekomme weniger" ist nachvollziehbar, aber natürlich unvermeidlich. Hier muss vor allem mehr Aufklärungsarbeit betrieben werden. Das Modell muss technisch durch eine leider notwendige Deckelung ergänzt werden.

III. Interne Kommunikation. Note INTERESSANT. Das wohl einzigartige Heidelberger Konzept der Verhandlungen zwischen Rektorat und Instituten hat letztendlich mehr und vor allem Anderes bewirkt als ursprünglich geplant. Die Verteilung oder Umverteilung der letzten Reserven ist hier nicht das zentrale Thema. Vielmehr geht es um ein Innehalten im täglichen Institutsbetrieb, um eine Rückschau und um notwendige und nützliche Gedanken über die Zukunft.

IV. Dezentrale Verantwortung. Note PROBLEMATISCH und VORTEILHAFT zugleich. Dieser Aspekt ist gewissermaßen das Fleisch des IMPULSE Projektes. Die Idee der kurzen Wege für die Entscheidung über den täglichen Ressourceneinsatz war und ist gut. Problematisch ist der zusätzliche Bedarf an geschultem und kompetentem Personal zur lokalen Mittelverwaltung. An dieser Stelle müssen Universitätsleitung, Universitätsverwaltung und Institute gemeinsam Lösungen finden. Die Bildung größerer, aber wissenschaftlich sinnvoller Einheiten ist eine Möglichkeit und wird derzeit vielerorts umgesetzt. Im Gegensatz zum allgemein üblichen Ruf nach weniger Verwaltung bin ich persönlich der Überzeugung, dass die Universität Heidelberg hier Nachholbedarf hat. Der Wissenschaftler an der Schreibmaschine ist leider die Regel, jedoch keine besonders sinnvolle Nutzung teurer Investitionen.

Wie geht es weiter ? Dieser Teil meines Vortrags fällt mir gewissermaßen besonders leicht, da ich nun leicht Vorschläge machen kann, für deren Umsetzung ich nicht mehr geradestehen muss. Vielleicht sind Sie aber trotzdem interessiert, kurz etwas darüber zu hören, welche Erwartungen ich an die zukünftige Entwicklung der Ruperto Carola habe.

Die beschrieben Freiheit, die Möglichkeit Ressourcen frei und ohne kompliziertes Regelwerk einsetzen zu können, wird sich leider schon sehr bald stark relativieren. Die Reduktionen im laufenden Solidarpakt, neue Verpflichtungen wie kostenträchtige Akkreditierungen, der notwendige aber teure Generationenwechsel und zu erwartende Kürzungen bei den Landeszuweisungen im Rahmen der interuniversitären Mittelverteilung werden bei praktisch gleichbleibenden Personalaufwendungen aus der Freiheit eine Freiheit "im Prinzip" werden lassen. Diese Entwicklungen sind im Wesentlichen berechenbar und unausweichlich. Es ist an der Zeit, über Auswege nachzudenken.

Neue Mittel wären eine offensichtliche und erfreuliche Lösungsmöglichkeit. Studiengebühren, mehr Drittmittel und Stiftungen sind nur drei konkrete Beispiele, über deren Rolle und Wichtigkeit für die zukünftige Finanzierung der Universität nachgedacht werden muss. Und dann gibt es da noch das Eliteprogramm der Bundesregierung. Von Umfang und Konzept wäre dieses Programm ein geradezu ideales Saatkorn für ein wenig Selbstorganisation in der Universität. Es wäre meiner Ansicht absolut essentiell, mit einem solchen Programm primär neue Strukturen zu schaffen und Defizite zu beseitigen, die die vorhandene Kreativität täglich ausbremsen. Konkret schlage ich vor: Verbesserung der dezentralen Serviceeinrichtungen in den Instituten, intensive Betreuung von weniger Studierenden statt Massenvorlesungen, Schaffung von wissenschaftlichem Wagniskapital zur Förderung junger Nachwuchswissenschaftler.

Ich wünsche der Universität von Herzen alles Gute und viel Kraft beim Wettbewerb um die Mittel des Eliteprogramms. Und wenn es dann doch nicht klappen sollte? Dann wird die Universität gezwungen sein, eine durchaus schmerzhafte und schwierige Diskussion zu führen. Ich bin persönlich fest davon überzeugt, dass die Ruperto Carola bei quasi konstantem Budget mit berechenbaren zukünftigen Verlusten die gegenwärtige Qualität nicht in der vollen Breite der gegenwärtigen Fächer wird erhalten können.

Planung, Selbstorganisation und Wechselwirkungen waren Themen meines Festvortrages. Ich habe bisher davon abgesehen, ein Zitat eines großen Denkers vorzutragen, der zu diesem Thema etwas beizutragen hätte. Vor kurzen hörte ich im Autoradio zwar keinen großen Denker, aber ein schönes Lied. "You can't manufacture a miracle" sang dort ein gewisser Robbie Williams, den wohl nur diejenigen unter uns kennen, die Kinder im Teenageralter haben. Dieser Text ist besonders dann bemerkenswert, wenn man die Betonung auf das Wort "manufacture" legt. In der Tat können wir, kann insbesondere die Universitätsleitung, keine Wunder "herstellen". Aber meine Antwort auf Herrn Williams würde in etwa so lauten: "You may well be able to prepare a miracle".

Zum Abschluss meines Vortrages danke ich meinem Kollegen Magnifizenz Hommelhoff für die Gelegenheit, in dieser wichtigen Zeit Mitglied seines Rektorats gewesen zu sein. Es war eine neue und spannende Erfahrung, die Universität einmal aus dieser Perspektive zu sehen und vielleicht auch ein wenig zum Guten beeinflusst zu haben.

Es ist mir ein ganz besonderes persönliches Anliegen, lieber Herr Hommelhoff, Ihnen für das überaus große, nahezu übermenschliche Engagement herzlich zu danken, mit dem Sie sich buchstäblich rund um die Uhr für die Belange der Ruperto Carola einsetzen und für das ich Sie sehr bewundere. Universitäten brauchen Menschen wie Sie! Ich hoffe und wünsche mir, dass wir auch zukünftig im Gespräch bleiben werden.

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
http://www.uni-heidelberg.de/presse

und
Irene Thewalt
Pressestelle der Universität
Tel. 542311
presse@rektorat.uni-heidelberg.de


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