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7. Dezember 2004

Max Weber repräsentierte den Heidelberger Geist

Die auf 40 Bände angelegte Gesamtausgabe seiner Werke ist zur Hälfte erschienen – RNZ-Gespräch mit dem geschäftsführenden Herausgeber Rainer Lepsius

Der bedeutende Heidelberger Sozialwissenschaftler Max Weber

Der bedeutende Heidelberger Sozialwissenschaftler Max Weber vertrat das liberale deutsche Bürgertum. Foto: Archiv

Die große Max-Weber-Gesamtausgabe, die an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München beheimatet ist, ist mittlerweile in 20 Bänden erschienen. Zur Halbzeit äußerte sich der geschäftsführende Herausgeber Rainer M. Lepsius zur Bedeutung dieses hervorragenden Heidelberger Wissenschaftlers.

Herr Professor Lepsius, Sie hielten kürzlich auf dem Münchener Symposium "Faszinosum Max Weber" einen Vortrag über die Beziehungen dieses Wissenschaftlers zu München. Aber Weber hat doch nur kurz in München gelebt.

Seit 1897 hatte er einen Lehrstuhl für Nationalökonomie in Heidelberg, den er 1903 aus gesundheitlichen Gründen aufgab. Seither war er ein überaus produktiver Privatgelehrter. 1919 folgte er dem Ruf auf eine Professur an die Universität München. Er lebte dort ein knappes Jahr und starb 1920, mit 56 Jahren, an einer Lungenentzündung. Seine Witwe, Marianne Weber, zog nach seinem Tod wieder nach Heidelberg in die alte Wohnung in der Ziegelhäuser Landstraße, wo sie den Nachlass von Max Weber edierte und ihr berühmtes Buch "Max Weber. Ein Lebensbild" schrieb. Das Münchener Jahr Webers tritt im Vergleich zu den mehr als 20 Jahren seines Lebens in Heidelberg natürlich zurück. Aber heute hat München durch die Arbeitsstelle bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften für die Max Weber-Gesamtausgabe eine große Bedeutung. Diese Arbeitsstelle ist dem Engagement des Münchener Weber-Forschers Johannes Winckelmann zu verdanken.

Der Heidelberger Soziologe Rainer M. Lepsius ist geschäftsführender Herausgeber der Max-Weber-Gesamtausgabe.

Der Heidelberger Soziologe Rainer M. Lepsius ist geschäftsführender Herausgeber der Max-Weber-Gesamtausgabe. Foto: Welker

Welche Funktion haben Sie bei diesem Projekt?

Ich bin der geschäftsführende Herausgeber; weitere Herausgeber sind Wolfgang Schluchter (Heidelberg), der kürzlich verstorbene Historiker Wolfgang J. Mommsen (Düsseldorf) sowie Horst Baier (Konstanz). Die Max-Weber-Gesamtausgabe erfolgt arbeitsteilig an verschiedenen Orten unter dem Dach der Bayerischen Akademie.

Es gibt in Heidelberg auch einen institutionellen Zweig der Edition.

Hier existiert eine Arbeitsstelle, die sich im Wesentlichen mit der Edition der Briefe beschäftigt, die ich gemeinsam mit Wolfgang J. Mommsen herausgebe. – Bislang sind 20 Bände erschienen. Das ist etwa die Hälfte der auf 40 Bände geplanten Edition.

Blick vom Salon des Max-Weber-Hauses in der Ziegelhäuser Landstraße über den Neckar auf das Schloss.

Blick vom Salon des Max-Weber-Hauses in der Ziegelhäuser Landstraße über den Neckar auf das Schloss. Dieser Salon von Max und Marianne Weber bildete den Mittelpunkt der Heidelberger Intellektuellen. Foto: Welker

Wie ist die Ausgabe inhaltlich strukturiert?

Es gibt drei Abteilungen: Schriften und Reden, Briefe sowie die Vorlesungsnotizen und -nachschriften. In der ersten Abteilung werden die Werke Max Webers in zeitlicher und sachlicher Ordnung textlich gesichert und inhaltlich – soweit erforderlich – kommentierend ediert. Zu diesen zählen insbesondere seine Untersuchungen zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Altertums, zur ostelbischen Agrarverfassung und die einflussreichen Aufsätze zur Methodologie der Sozial- und Kulturwissenschaften. Es schließen sich die Arbeiten zur Religionssoziologie an, angefangen mit der berühmten Studie "Die protestantische Ethik und der ‚Geist' des Kapitalismus" und fortgeführt in den vergleichenden Untersuchungen zur Wirtschaftsethik der Weltreligionen. Ein weiterer großer Werkteil umfasst seine Beiträge zum Sammelwerk "Grundriss der Sozialökonomik" unter dem Titel "Wirtschaft und Gesellschaft". Sie enthalten eine Grundlegung der Soziologie als handlungstheoretisch orientierte Analyse von Vergemeinschaftungsformen sowie der Ordnungsmächte Recht, Religion, Wirtschaft und politischer Herrschaft. In der Abteilung Briefe wird die wissenschaftliche, politische und persönliche Korrespondenz Webers, soweit überliefert, erstmals veröffentlicht. Sie vermittelt ein eindrucksvolles Bild von seinen Positionen, persönlichen Kontakten und damit zur Kulturgeschichte des deutschen Bildungsbürgertums. Die Vorlesungsnotizen und -nachschriften vervollständigen das Bild über Webers wissenschaftliche Arbeit.

Weber war allerdings nicht lange aktiver Professor in Heidelberg.

Er hielt nur bis 1899 Vorlesungen. Seine Rolle im intellektuellen Milieu Heidelberg von 1897 bis 1919 war aber überaus prägend. Er repräsentierte den Kern dessen, was man den ‚Heidelberger Geist' nennt.

Er war Mitglied einer bedeutenden Familie.

Max Weber war der ältere und dominante Bruder von Alfred Weber, der viel länger als ordentlicher Professor in Heidelberg wirkte und auch noch nach 1945 einen großen Einfluss auf die Universität Heidelberg ausübte. Beide Brüder vertraten vielfach gemeinsame Positionen in wissenschaftlichen und politischen Kontroversen.

Der berühmte Salon wurde nach Max Webers Tod noch lange – bis nach dem Zweiten Weltkrieg – von seiner Frau Marianne fortgeführt.

Die Salongeselligkeit im Max-Weber-Haus, in welches das Ehepaar 1910 einzog, war eine Idee Marianne Webers. Alle Interessierten waren während des Semesters an Sonntagnachmittagen willkommen. Der Salon gab Weber, der sehr zurückgezogen lebte, Sichtbarkeit und Gelegenheit zur Kommunikation und Diskussion. Zu den Webers kamen zahlreiche Kollegen, auch viele jüngere Akademiker, außerdem Mitstreiterinnen von Marianne Weber, die das Haupt der Frauenbewegung in Heidelberg war, sowie durchreisende Freunde. Der Salon war ein Mittelpunkt der Heidelberger Intellektuellen.

Der Salon war auch ein liberales Sammelbecken.

Weber und seine Freunde gehörten zu dem liberalen, demokratisch gesonnenen Teil des deutschen Bürgertums. Sie wollten aus dem autoritätshörigen Wilhelminismus ausbrechen, unterstützten die Emanzipation der Frau, eine Sozialpolitik unter Einschluss der Arbeiterbewegung und die Parlamentarisierung des Regierungssystems. Sie befürworteten eine Weltgeltung Deutschlands in Wirtschaft und Kultur, aber keine militärischen Expansionen, wie sie von vielen im Ersten Weltkrieg gefordert wurden. Die Mehrheit der Konservativen vertrat im Gegensatz dazu nationalistische Positionen und verteidigte den Status quo der obrigkeitsstaatlichen Ordnungen im Kaiserreich. Heidelberg gehörte seinerzeit zu den liberalen deutschen Universitäten, wie auch Baden das demokratischste unter den deutschen Ländern war. Dies machte die Ruperto Carola zu einer national führenden Universität.

Welche Wirkungen hatte Max Weber auf die wissenschaftliche Welt?

Er war ein Vertreter des methodischen Individualismus. Die Subjekte des historischen Prozesses sind handelnde Menschen, nicht Kollektive wie etwa die Nation. Außerdem unterschied er in der Tradition des südwestdeutschen Neukantianismus zwischen dem normativ Gewünschten und dem tatsächlich Bestehenden. Daher trat er auch für die Werturteilsfreiheit ein: Unter dem Namen der Wissenschaft dürfe man keine Werturteile abgeben, sondern nur intersubjektiv überprüfbare Aussagen machen. Max Weber gehörte zu den Wissenschaftlern, welche Weltkulturen verglichen – was auch jetzt, im Hinblick auf den "Kampf der Kulturen", wieder aktuell geworden ist.

Worin bestand Max Webers politische Bedeutung?

Er war ein scharfer Kritiker Wilhelms II. und seines Regimes, insbesondere im Ersten Weltkrieg, und beklagte die mangelnde politische Kultur des deutschen Bürgertums. Weber orientierte sich am englischen Parlamentarismus und lehnte die Beamtenherrschaft ab. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges warb er für ein parlamentarisches Regierungssystem und die Anerkennung der Parteien als zentrale Träger der politischen Kultur. Hätte Weber länger gelebt, wäre er sicher ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus geworden.

Welche Fragen hätte Max Weber in der heutigen globalisierten Welt gestellt?

Weber war überzeugt, dass der Kapitalismus eine Schicksalsmacht der Weltgeschichte ist. Er würde nach den Folgen für die Lebensführung fragen: Wie können die Verhältnisse organisiert werden, so dass möglichst viele Menschen selbstbestimmt ihren Kulturidealen folgen können?
Heribert Vogt
Rhein-Neckar-Zeitung

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
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und
Irene Thewalt
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