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13. Dezember 2004

Von den Grenzen der Vernunft

Der Philosoph Michael Theunissen wurde in der Alten Aula der Universität mit dem Heidelberger Karl-Jaspers-Preis 2004 geehrt

Als einen "Denker des umständlich Genauen", der "mikroskopische Interpretationstechniken" anwende und sich wie kein anderer deutscher Philosoph mit Gott und Göttern beschäftige, bezeichnete der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf (München) den Philosophen Michael Theunissen, der unter anderem von 1971 bis 1980 an der Universität Heidelberg und anschließend bis zu seiner Emeritierung 1998 an der FU Berlin lehrte.

Wie Oberbürgermeisterin Beate Weber und Rektor Peter Hommelhoff mit ihren Grußworten so ging insbesondere auch Theunissen in der Alten Aula während seiner Danksagung auf den großen Heidelberger Philosophen Karl Jaspers ein, zu dessen Gedächtnis der mit 5000 Euro dotierte Karl-Jaspers-Preis alle drei Jahre von Stadt sowie Universität Heidelberg vergeben wird. Und Michael Theunissen setzt nun die illustre Reihe der Jaspers-Preisträger mit Namen wie Hans-Georg Gadamer, Jürgen Habermas, Emmanuel Lévinas, Paul Ricœur, Robert Spaemann und Jean Starobinski fort.

Laudator Graf unterstrich, dass mit dem Jaspers-Preis ein wissenschaftliches Werk von internationalem Rang und politischem Geist ausgezeichnet wird. Unter dem Titel "Leben als Fragmentkunstwerk" näherte er sich dem Werdegang Theunissens, der 1932 in Berlin geboren wurde. Prägend wurde das Engagement seiner Eltern, die im innerprotestantischen Kirchenkampf seit 1933 für die Bekennende Kirche sowie den politischen Widerstand eintraten und verfolgte jüdische Bekannte versteckten. Diese Erfahrungen verliehen Theunissens Denken einen religiösen Grundton.

Die frühe Lektüre-Begegnung mit Sören Kierkegaard wird zum Schlüsselerlebnis. Arbeiten zu Melancholie oder Verzweiflung spiegeln die Sensibilität für die Leidenserfahrung von Menschen wider. Die spätere Beschäftigung Theunissens mit dem Werk Hegels hat der heutige Heidelberger Philosoph Rüdiger Bubner als eine Theologisierung Hegels bezeichnet. Immer wieder betont Theunissen die Grenzen der philosophischen Vernunft und fordert das Gespräch mit der Theologie.

Graf zufolge kam Theunissen 1971 in das stark von kulturrevolutionären Linksintellektuellen bewegte Heidelberg. Dieter Henrich lehrte hier seit 1965, Ernst Tugendhat seit 1966. Und der Jaspers-Preisträger Habermas hat darauf hingewiesen, dass das Dreigestirn Henrich, Tugendhat, Theunissen damals die philosophische Landschaft in hellstes Licht getaucht hat und "in Gadamers Heidelberg den Mittelpunkt des Philosophierens in Deutschland" bildete. Auch knüpfte Theunissen hier Kontakte zur Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST). Und möglicherweise waren die Wirkungen Theunissens mit seinem christologisch entfalteten Konzept der kommunikativen Freiheit in der protestantischen Theologie ebenso stark wie in der Philosophie. Wichtig ist hier die Denkfigur des Im-anderen-bei-sich-selbst-sein, welche unter der gegenwärtigen Entfremdung auf Liebe und Freiheit zielt.

"Moderne als Passionsort" war ein weiterer Abschnitt der Laudatio überschrieben. In seinen kritischen Zeitdiagnosen attestiert Theunissen der modernen bürgerlichen Gesellschaft vielfältige Pathologien. Entscheidend ist der Aspekt der sündhaften Selbstverfehlung des modernen einzelnen, seiner falschen narzisstischen Selbstverwirklichung. Und diese Sicht hat sich in den letzten Jahren verdüstert, bedingt durch die zunehmende Zerstörung des christlichen Weltbildes, die bereits im 19. Jahrhundert begonnen hat. So besteht eine Leerstelle für eine Idee der Ganzheit, die einst durch einen metaphysischen Gott repräsentiert wurde. Und Rettung kann nur durch ein neues Denken von Gott kommen.

Schließlich sprach Graf unter dem Titel "Protoprotestanten in Hellas" von Theunissens Rückkehr zur Heidegger'schen Zeitvergessenheit und seinem Bekenntnis zur religiösen Philosophie. Von zentraler Bedeutung ist hier Theunissens Werk über Pindar; der Philosoph will die Oppositionen von griechischem und christlichem Denken überwinden. Entscheidend ist der Begriff des "Kairos" – des "günstigen Augenblicks" -, der von Stefan George und Friedrich Gundolf her eine Heidelberger Signatur hat. Zeit wird so gefasst, dass man sich weder ins Unendliche verliert noch bloß im Endlichen verharrt.

In seinen Dankesworten kam Michael Theunissen auf Karl Jaspers zu sprechen, zu dem er in seiner Freiburger Studienzeit während der fünfziger Jahre bisweilen nach Basel fuhr: So lernte er Jaspers' Denken zwischen Martin Heidegger in Freiburg und Karl Barth in Basel kennen. Vor allem Jaspers' Versuch einer Wiedereinsetzung der Philosophie in ihre Rechte führt zur Unterscheidung von christlichem und philosophischem Glauben, die für Theunissen stets wichtig geblieben ist.
Heribert Vogt
Rhein-Neckar-Zeitung

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