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2. Dezember 2004

Eine philosophische Fahrt ins Abenteuer

Spannend: Russische und Heidelberger Wissenschaftler organisieren in Moskau ein Symposium über Karl Jaspers – Prof. Reiner Wiehl vom Philosophischen Seminar der Universität im Programm-Komitee

Mediziner und Philosoph: Karl Jaspers

Mediziner und Philosoph: Karl Jaspers (Jahrgang 1883) war in Heidelberg zunächst in der Psychopathologie tätig, bevor er hier 1922 auf einen Lehrstuhl für Philosophie berufen wurde.

Was zeichnet einen Philosophen aus? Es ist die geistige Offenheit für das Neue. Und so ist es auch bei Reiner Wiehl. Der emeritierte Heidelberger Professor für Philosophie war früher Direktor des Philosophischen Seminars der Universität und ist heute Präsident der Karl-Jaspers-Stiftung, die weltweit als Kapazität gilt, was die Forschung über den deutschen Philosophen betrifft. Als also Prof. Reiner Wiehl gefragt wurde, ob er bei der Organisation eines deutsch-russischen Symposiums über Karl Jaspers mitwirken wolle, zögerte er nicht lange und sagte zu: "Das wird eine Fahrt ins Abenteuer. Ich bin neugierig, was die Russen mit Karl Jaspers machen."
Moskauer Gebäude statt, in dem früher die Komintern (Kommunistische Internationale) und später das Institut für Marxismus und Leninismus ihren Sitz hatten.

Kurioserweise findet die geplante Jaspers-Konferenz in dem Moskauer Gebäude statt, in dem früher die Komintern (Kommunistische Internationale) und später das Institut für Marxismus und Leninismus ihren Sitz hatten. Fotos: privat


Die Initiative zu der Konferenz ging von der Staatlichen Sozialwissenschaftlichen Universität Moskau aus. Sie hat seit 1995 einen Kooperationsvertrag mit der Fachhochschule Heidelberg der SRH (Stiftung Rehabilitation Heidelberg). An Prof. Peter Schmidt von der SRH-Fachhochschule ging denn auch die Bitte, ob er deutsche Philosophen für eine Konferenz gewinnen könne. Schließlich hat Karl Jaspers ja in der Neckarstadt gelebt und gelehrt. Und dank des Engagements von Prof. Schmidt, Prof. Wiehl und Dr. Thomas Fuchs ist ein Programm erstellt worden, bei dem Wissenschaftler aus Russland, Deutschland, Österreich und aus der Schweiz sich in Moskau an einen runden Tisch setzen werden. Unter anderem werden Dr. Hans Saner, Bernd Weidmann, Dr. Giandomenico Bonanni, Dr. Ulrich Diehl, Privatdozent Knut Eming, Prof. Alfred Kraus und Prof. Christoph Mundt dabei sein, dazu Prof. Helm Stierlin, der Karl Jaspers persönlich kannte.

Witzigerweise findet die Konferenz in dem Gebäude statt, in dem früher die Komintern (Kommunistische Internationale) und später das Institut für Marxismus und Leninismus ihren Sitz hatten. Prof. Wiehl sagt dazu nur: "Karl Jaspers war ein entschiedener Gegner des Kommunismus."

Karl Jaspers wurde 1883 in Oldenburg geboren und ist dort aufgewachsen. Er studierte Medizin in Berlin, Göttingen und Heidelberg, seine Dissertation machte er mit "summa cum laude". Von 1909 bis 1915 war er Volontärassistent in der Heidelberger Psychiatrischen Klinik. Aufgrund einer schweren Erkrankung konnte er den normalen Klinik-Alltag nicht mitmachen. Aber er durfte an allen Besprechungen und Diskussionen teilnehmen, er konnte seine Fälle selbst auswählen und bekam ein eigenes Zimmer. "Diese Freiheit erkaufte er sich mit dem Verzicht auf jegliches Gehalt", schreibt Hans Saner in seiner Biografie.

Ein Autodidakt auf dem Lehrstuhl

Mit 28 Jahren erhielt Jaspers den Auftrag, ein Lehrbuch über Psychopathologie zu schreiben. Zwei Jahre später lag das Werk "Allgemeine Psychopathologie" vor und machte den Autor sofort berühmt. "Die Psychopathologie war nun als Wissenschaft konstituiert", so Saner. Natürlich wird dieses Thema auf der Tagesordnung der Konferenz stehen. Daneben wird Karl Jaspers als Philosoph gewürdigt. Im Selbststudium erarbeitete sich der Mediziner die großen Werke von Spinoza, Lukrez, Schopenhauer, Nietzsche, Kant und später Kierkegaard und Hegel. "Als Philosoph ist Karl Jaspers ein Autodidakt", erklärt Prof. Wiehl. Und war deshalb umstritten, doch 1922 wurde er auf den zweiten Lehrstuhl für Philosophie in Heidelberg berufen.

Karl Jaspers war mit der Jüdin Gertrud Mayer verheiratet. So wurde er 1933 von der Heidelberger Universitätsverwaltung ausgeschlossen, 1937 entlassen, und 1938 erfolgte ein Publikationsverbot. Er und seine Frau lebten in der ständigen Angst vor dem Abtransport in ein Konzentrationslager, sie trugen Zyankali bei sich, um der Verhaftung im Notfall durch den Freitod zu entgehen. Im März 1945 erfuhr Jaspers, dass er und seine Frau im April abtransportiert werden sollten. Am 30. März wurde Heidelberg von den Amerikanern besetzt. Saner zitiert den Philosophen: "Ein Deutscher kann es nicht vergessen, dass er mit seiner Frau sein Leben den Amerikanern verdankt gegen Deutsche, die im Namen des nationalsozialistischen deutschen Staates ihn vernichten wollten."

Die Angst vor dem Abtransport

Nach dem Krieg wurde Jaspers für kurze Zeit umjubelt. Aber er wehrte sich: "Wir Überlebenden haben nicht den Tod gesucht. Wir sind nicht, als unsere jüdischen Freunde abgeführt wurden, auf die Straße gegangen und haben geschrieen, bis man auch uns vernichtete. Wir haben es vorgezogen, am Leben zu bleiben mit dem schwachen, wenn auch richtigen Grund, unser Tod hätte nichts helfen können. Dass wir leben, ist unsere Schuld. Wir wissen vor Gott, was uns tief demütigt." 1948 verließ Karl Jaspers Heidelberg und ging nach Basel, wo er 1969 starb. Die Frage der Schuld wie auch die späten, politischen Jaspers-Schriften werden auf der Konferenz diskutiert werden. Karl Jaspers wurde unter anderem mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, mit dem Erasmus-Preis und dem Orden "Pour le mérite".

Das Fach "Philosophie" ist für alle Studenten in Russland im ersten und zweiten Semester ein Pflichtfach. Früher wurden der Marxismus und Leninismus gelehrt, aber was steht heute auf dem Plan? Wird aus Karl Jaspers einfach ein (neuer) Ideologe gemacht? Hoffentlich nicht. "Seine Philosophie ist ein vernünftiges Denken. Es ist die Erziehung des Menschen zu Freiheit und Mündigkeit", sagt Prof. Wiehl. Das Russisch-Deutsche Symposium über Karl Jaspers findet vom 1. bis 5. Juni 2005 in Moskau statt. Informationen: Prof. Peter Schmidt, Telefon: 06221/882821 oder Peter.Schmidt@fh-heidelberg.de – empfehlenswert ist die Jaspers-Biografie von Hans Saner, erschienen im Rowohlt Taschenbuch Verlag, Euro 6,50.
Marion Gottlob

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
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und
Irene Thewalt
Pressestelle der Universität
Tel. 542311
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