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27. Dezember 2004

Ausstrahlung seit der Antike

"Mythen Europas": Schlüsselfiguren der Alten Welt – Beitrag des Heidelberger Assyriologen Stefan M. Maul

Historische Ereignisse werden meist mit bestimmten Personen assoziiert, um die sich nicht selten zahllose Anekdoten und Mythen spinnen. Ein durchaus normaler Vorgang – denn zu allen Zeiten haben sich die Menschen in Hoffnungen und Sehnsüchten, Ängsten und Konflikten Mythen gebildet und diese dann in Personen oder Geschehnisse – poetische und historische – projiziert und somit "durchgearbeitet". Doch was genau haben bestimmte Persönlichkeiten an sich, dass sie die breiten Massen so sehr faszinieren und sich gleichsam in einer kollektiven Erinnerung bewegen? Worin gründete der Erfolg solcher Schlüsselfiguren?

Als Beispiel sei an Gilgamesch – den König von Uruk – erinnert, mit dem sich der Heidelberger Assyriologe Stefan M. Maul beschäftigt, dessen Beitrag den Auftakt bildet zu einem Buch, das einzelne Gestalten der Antike in ihrer Bedeutung und ihrer epochentypischen Prägung beleuchtet. Jede Figur wird in ihrer überregionalen, überzeitlichen und herausgehobenen Ausstrahlung dargestellt; die Zeiträume und die Bedingungen werden aufgezeigt, die ihre Faszination ermöglicht haben. Die nicht selten bis heute anhaltende Strahlkraft der Einzelnen bewirkt ihre Bekanntheit. Daher ist der Ansatz des vorliegenden Werkes besonders interessant, denn in ihm wird einmal weniger die Biografie von Personen als vielmehr ihre Wirkung – in der Vergangenheit wie in der Gegenwart – dargestellt. Mitunter wird hierbei bis in biblische Zeiträume zurückgegriffen, wie das Gilgamesch-Epos beweist, dessen "Entdeckung" allein schon eine kleine Sensation darstellt.

"Im Dezember 1872 stellte der britische Assyriologe George Smith auf einer Sitzung der Londoner Society of Biblical Archaeology das Bruchstück einer Tontafel vor, das man in der assyrischen Hauptstadt Ninive im Schutt des Palastes des Assyrerkönigs Assurbanipal (668-627 v. Chr.) gefunden hatte. Das Tafelfragment, geschrieben im 7. vorchristlichen Jahrhundert, gehörte zu einer Dichtung, die in formvollendeter poetischer Sprache – in dem dem Hebräischen recht nahe verwandten Babylonischen – die Geschichte von der Sintflut und dem ‚Überaus-Weisen' erzählte. Dieser hieß in der neu entdeckten keilschriftlichen Fassung der Erzählung zwar nicht Noah, sondern Utanapischti, aber wie Noah war Utanapischti mit seiner Familie als Einziger der alles vernichtenden Flut mit Hilfe einer nach genauen Vorgaben angefertigten Arche entkommen, in der, auf göttlichen Rat, auch Tiere das urzeitliche Weltengericht überlebt hatten."

Die Ähnlichkeiten zur bekannten Geschichte Noahs sind frappierend – und machen deutlich, wie verflochten biblisches und uraltes mesopotamisches Gedankengut sind. Gleichwohl wurde auch recht schnell deutlich, dass die Erzählung kaum mehr war als eine Anekdote in einem großen Epos, das von den Abenteuern und Heldentaten Gilgameschs sang – dem sagenhaften König von Uruk, der seiner Vaterstadt die ersten Befestigungsanlagen verschaffte. Weitere Tafeln wurden gefunden, und seit 130 Jahren arbeitet die Wissenschaft nun schon am Gesamtwerk, das mittlerweile zu knapp zwei Dritteln vorliegt und auch einen Beweis dafür liefert, wie sehr die Geschichten um Gilgamesch bereits in der Antike verbreitet waren.

"Die ältesten sumerischen Erzählungen um König Gilgamesch blieben uns in Textvertretern erhalten, die Schüler zu Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. schrieben, zu einer Zeit, als das Sumerische als gesprochene Sprache weitgehend ausgestorben war. Damals erzählte man sie sich wohl schon seit Jahrhunderten. Die Geschichten um Gilgamesch, die ja nicht nur von der Frage um Leben und Tod, sondern auch davon handeln, wie sich ein durch Erfahrung klug gewordener Fürst zu verhalten hat, erfreuten sich Mitte des 2. vorchristlichen Jahrtausends größter Beliebtheit." Das hat sich bis heute nicht wesentlich geändert, wie zahlreiche Romane oder Theaterstücke des 20. Jahrhunderts beweisen.

Noch immer fasziniert die Gestalt des Gilgamesch, auch wenn wir heute nicht mehr – wie einst in Mesopotamien üblich – dem noch lange nach seinem Tod als "Gott der Unterwelt" verehrten König von Uruk das erste aus einem neu gegrabenen Brunnen geschöpfte Wasser opfern.

Letztlich macht aber nicht nur dieser, auf Gilgamesch bezogene Artikel die Ausstrahlung deutlich, die bis heute von den Schlüsselfiguren der Antike ausgeht. Bei Homer oder Alexander dem Großen, bei Caesar, Kleopatra oder Nero verhält es sich ganz ähnlich. Stets haben wir ein Bild vor Augen, das mit der Person nicht unbedingt etwas zu tun haben muss. Jedoch übt allein der Name eine Wirkung aus.

Und das vor allem ist das Besondere, was diese ungewöhnlichen Figuren ausmacht, die allesamt zur europäischen Tradition gehören – auch wenn sie zeitlich weit entfernt gelebt haben.

So ist denn der erste Band zu den "Mythen Europas", der begleitend zu einer Vortragsreihe an der Katholischen Universität Eichstätt erschien, mehr als eine bunte Liste großer Namen. Es ist ein Spiegel der kulturellen Basis der Alten Welt. Und dies vor allem dadurch, dass nicht die Biographien von Personen, sondern ihre Wirkungen im Mittelpunkt standen. Man darf also bereits jetzt auf die weiteren sechs Bände gespannt sein, welche die folgenden Epochen bis zur Neuzeit fortsetzen.
Heiko P. Wacker

Michael Neumann und Andreas Hartmann (Hrsg.): "Mythen Europas – Antike". Friedrich Pustet Verlag, Regensburg 2004. Gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 3-7917-1872-X; 230 S. 26,90 Euro.

Rückfragen bitte an
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