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10. November 2004

Über Gott und die Welt

Martin Walsers Aufsatzband "Die Verwaltung des Nichts" erschienen – Er enthält den 2003 an der Universität Heidelberg vorgetragenen Aufsatz "Vokabular und Sprache"

Liebe ist nicht nur ein Wort bei Martin Walser, sondern ein höchst komplexes Geschehen, ja, ein Grundanliegen seines Schreibens. Das kann der interessierte Leser auch heute Abend in der – allerdings schon längst ausverkauften – Stadtbücherei Heidelberg erfahren, wo Walser aus seinem jüngsten Roman "Der Augenblick der Liebe" liest; die entsprechende RNZ-Rezension erschien in der Ausgabe vom 7./8. August 2004. Man könnte vielleicht meinen, dass der Schriftsteller damit auf der aktuellen Welle der Liebesromane mitschwimmt, die bereits im zweiten Jahr anrollt. Aber schon zuvor hatte Walser den Roman "Der Lebenslauf der Liebe" (2001) veröffentlicht und damit eher als Trendsetter gewirkt.

Neben dem "Augenblick der Liebe" hat der Bodenseeautor in diesem Herbst eine Aufsatzsammlung mit dem Titel "Die Verwaltung des Nichts" vorgelegt. Sie enthält siebzehn miteinander verknüpfte Aufsätze praktisch über Gott und die Welt – einmal im übertragenen Sinn angesichts der enormen gedanklichen Spannbreite, dann aber auch im wörtlichen Sinn. So heißt es in dem 2003 an der Universität Heidelberg vorgetragenen Aufsatz "Vokabular und Sprache" einmal: "Gott ist eben nach ‚Ich' unser wichtigstes Wort… In der Verwaltung des Nichts besetzt er die glorioseste Frequenz." Was Walser unter der titelgebenden Formulierung versteht, sagt er in den letzten Zeilen dieses Essays: "Wenn ich also mit Sprache zu tun habe, bin ich beschäftigt mit der Verwaltung des Nichts. Meine Arbeit: Etwas so schön sagen, wie es nicht ist."

Deshalb begegnet man allenthalben dem Schönen, Wahren, Guten und auch dem Göttlichen – im genannten Aufsatz etwa in Bezug auf Hölderlin, der zu Walsers Lieblingsdichtern zählt: "In der Konkordanz, die wir Professor Böschenstein verdanken, habe ich nachgezählt: Im Spätwerk kommt kein Wort so häufig vor wie ‚Gott', ‚Götter', ‚göttlich', 320mal. ‚Himmel' und ‚Himmlische' 280mal… Ich habe immer nichts lieber getan als Hölderlin-Verse nachzubeten." Es seien hier die Wörter "lieber getan" hervorgehoben, denn ein Ton von Liebe, Nähe und Wärme – eine Arbeit trägt die Überschrift "Die menschliche Wärmelehre" – durchzieht sowohl die göttliche Sphäre als auch die sehr weltliche.

Und die Liebe ist immer wieder auch Thema. Gleich zu Beginn, wenn es in "Mehrere Vorreden zur Verwaltung des Nichts" heißt: "Jeder Mensch ist immer schon alles, was er sein kann. Und da er sich selber lieben muss, kann er sich nicht selber verneinen. Ohne Selbstliebe kann keiner leben. Und Liebe ist nichts als Zustimmung." Dann sei auf den wahrhaft virtuosen Aufsatz "Frauenstimmen" über das weibliche Liebesleben in der Kultur- und Operngeschichte verwiesen. Hier gelangt Walser zu folgendem Fazit: "Dass wir Nördlichen in 2000 Jahren keine einzige Frauenfigur geschafft haben, die dem Helena-Mythos gewachsen wäre, sagt etwas aus über die Rolle der Frau in der Antike und bei uns."

Als Nachbarbezirk der Liebe kann wohl das Gefühl der Zugehörigkeit angesehen werden – und auch dieses vermittelt Martin Walser in reichem Maße, wenn er mit seinen Lesern etwa den Größen Goethe, Schiller, Hölderlin oder Nietzsche auf Augenhöhe – wie es heute heißt – begegnet. Oder wenn Walser die Chemie der Emotionen mit der Molekularbiologie und Gentechnologie in Verbindung bringt. Oder wenn er die Brücke von der Bibel zur globalisierten Ökonomie schlägt: "Eine Saison lang werden uns zwei Kämpfer in erbittertem Zweikampf vorgeführt. Keiner David, beide Goliath. Sie heißen Mr. Gent und Herr Esser. Oder Vodafone und Mannesmann… Globalisieren heißt dieser Kampfsport." Die ganze unübersichtliche Szenerie der Gegenwart durchwandert der Schriftsteller mit klarem Blick und wirkt auf diese Weise durchaus identitätsstiftend.

Was für Walser die disparate Welt im Innersten zusammen hält, bleibt stets die Liebe. Sogar in Sachen Literaturkritik. Wenngleich hier ein leicht strenger Ton mitschwingt: "Damit ist auch das literarische Reden und Schreiben über Literarisches auf das schönste aufgenommen in unsere Kultur- und Sprachwelt, denn alles, was mit der Sprache gemacht wird, ist nun einmal Verwaltung des Nichts." Während die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" in diesem Buch weitgehend ausgeblendet bleibt, werden vor allem Journalisten der "Zeit" – allerdings nur sanft – als selbst ernannte "Repräsentanten des Guten" gerügt. Und dies hielt Walser keineswegs davon ab, auf der jüngsten Frankfurter Buchmesse mit "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo locker zu debattieren.

Auch vielen historischen Dingen begegnet der Autor mit Liebe. Etwa Martin Doerrys Buch "Mein verwundetes Herz" über die in Auschwitz gestorbene jüdische Ärztin Lilli Jahn, das sich Walser "in die Schule" wünscht. Oder seinerzeit der deutschen Teilung, mit der er sich – im Gegensatz zu fast allen anderen Intellektuellen – nicht abfinden konnte. Darüber spricht der Autor in seinen Ausführungen "Über ein Geschichtsgefühl", die er am 8. Mai 2002 bei einem Treffen mit Bundeskanzler Gerhard Schröder vortrug.

Walsers Gedankenstreifzüge führen nicht selten durch vermintes Gebiet, wie beispielsweise die Stichworte Paulskirchenrede, "Tod eines Kritikers", Suhrkamp oder Versailler Vertrag signalisieren. Man folgt ihm zumeist gern und neugierig, aber man muss ihm auch nicht immer folgen. Nur: Walser selbst bleibt stets trittsicher und selbstgewiss – auch wenn die Explosivität seiner Themen zunimmt.
Heribert Vogt

Martin Walser: "Die Verwaltung des Nichts". Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2004. 284 S., 22,90 Euro.

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
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und
Irene Thewalt
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Tel. 542311
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