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15. November 2004

Prof. Schaller erhielt Robert-Koch-Medaille in Gold 2004

Robert-Koch-Stiftung würdigt Prof. Dr. Heinz Schaller, Zentrum für Molekulare Biologie der Universität Heidelberg, für sein Lebenswerk, vor allem seine herausragenden wissenschaftlichen Pionierarbeiten auf dem Gebiet der molekularen Grundlagen der Infektion mit Hepatitis B-Virus – Hier die Laudatio von Prof. Dr. S. H. E. Kaufmann

Mit der Robert-Koch-Medaille in Gold zeichnete die Robert-Koch-Stiftung heute Professor Dr. Heinz Schaller, Zentrum für Molekulare Biologie der Universität Heidelberg, aus. Sie würdigte damit das Lebenswerk von Professor Schaller (72), emeritierter Ordinarius für Molekularbiologie und Mikrobiologie, vor allem seine herausragenden wissenschaftlichen Pionierarbeiten auf dem Gebiet der molekularen Grundlagen der Infektion mit Hepatitis B-Virus. "In Kooperation mit anderen Forschergruppen und mit Biotechnologiefirmen ist es gelungen, den ersten gentechnisch hergestellten Impfstoff gegen Hepatitis B zu entwickeln. Dies ist auch eine wirksame Prophylaxe gegen das weltweit verbreitete Leberzell-Karzinom" – so die Stiftung.

Hier der Wortlaut der Laudatio von Prof. Dr. S. H. E. Kaufmann, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Stiftung:

"Herausragende Leistungen werden erreicht, wenn einer mehr in die Tiefe geht als andere. Wenn einer mehr riskiert als andere. Wenn einer hartnäckiger seine Vision verfolgt als andere. Wenn einer von sich mehr verlangt als andere.

Mit Herrn Prof. Dr. Heinz Schaller, Emeritus am Zentrum für Molekularbiologie der Universität Heidelberg, zeichnen wir heute einen Wissenschaftler mit der Robert-Koch-Medaille in Gold aus, der all diese und noch mehr Eigenschaften in herausragender Weise vereinigt.

In der Wissenschaft werden Ehrungen für unterschiedlichste Arten von Leistungen vergeben. Der eine wird als erfolgreicher Forscher in den Grundlagenwissenschaften ausgezeichnet. Ein anderer für den Aufbau einer wissenschaftlichen Schule, womöglich gekrönt mit der Gründung eines eigenen Forschungszentrums. Wieder ein anderer, weil er sich im Grenzbereich zwischen privater und öffentlicher Forschung mit dem erfolgreichen Aufbau einer Ausgründung – oder wie wir heute auf neudeutsch gerne sagen – "start-up company" hervorgetan hat. Wieder ein anderer schließlich hat sich in der Wissenschaft durch Mäzenatentum und die Förderung vielversprechender jüngerer Wissenschaftler einen Namen gemacht.

Prof. Schaller hat sich in allen vier Bereichen um die Wissenschaft verdient gemacht: Er ist ein erfolgreicher Wissenschaftler, der ganz entscheidend die molekulare Virologie, insbesondere die Hepatitis-B-Forschung, geprägt hat und noch immer prägt. Er ist Mitgründer des Zentrums für Molekulare Biologie Heidelberg, eines der erfolgreichsten molekularbiologischen Zentren Deutschlands. Er ist Mitausgründer der Firma Biogen, einer der ersten molekularbiologischen Ausgründungen überhaupt. Ganz ohne staatliche Fördermittel und nach 25 Jahren weiterhin erfolgreich auf dem Markt ist Biogen Idec, wie die Firma seit 2003 heißt, heute der weltweit drittgrößte Hersteller im Bereich biotechnologischer Präparate. Heinz Schaller hat schließlich gemeinsam mit seiner Frau die Chica-und-Heinz-Schaller-Stiftung gegründet, die die biomedizinische Forschung an den Universitäten Hamburg und Heidelberg auf den Gebieten der molekularen Neurobiologie (das Interesse seiner Frau!) und der molekularen Infektiologie (sein ureigenes Interesse!) großzügigst fördert und unterstützt.

Eine so große Zahl an Erfolgen und Verdiensten in so unterschiedlichen Bereichen der Wissenschaften – das ist schon bewundernswert. Dafür braucht es schon eine so ganz besondere Persönlichkeit, wie Heinz Schaller eine ist.

Geboren wurde Heinz Schaller 1932 in Lörrach. 1948, nach der 11. Klasse, verließ er das Real-Gymnasium, und absolvierte eine Ausbildung als Chemielaborant bei der BASF in Ludwigshafen. Er war dort sechs Jahre lang tätig. Offenbar war er trotz der anstrengenden Schichtarbeit bei der BASF nicht völlig ausgelastet, denn 1953 machte er "nebenher" in einer Spezialprüfung nachträglich das Abitur, und studierte dann ab 1954 Chemie an der Universität Heidelberg.

Heinz Schaller erlernte das wissenschaftliche Arbeiten bei Friedrich Cramer in Heidelberg, wo er 1960 zum Dr.rer.nat. promovierte. Danach nahm seine Karriere ihren steilen Weg. Erst einmal ging Heinz Schaller als Postdoc zum späteren Nobelpreisträger Prof. Gorbind Khorana in Madison in den USA. Hier kam ihm seine solide chemische Ausbildung besonders zu Nutze. Er entwickelte die grundlegenden Technologien, die noch heute zur DNS- und RNS-Synthese eingesetzt werden, nämlich die Verwendung von Schutzgruppen, die die DNS/RNS-Bausteine während der Synthese vor ihrem Abbau schützen.

Wieder in Deutschland zurück, nahm Heinz Schaller 1963 am Max-Planck-Institut für Virusforschung in Tübingen eine Wissenschaftler-Stelle an, zunächst bei Prof. Georg Schramm. Ab 1968 wurde er dann unabhängiger Gruppenleiter. Am Max-Planck-Institut wurde seine Liebe zur Biologie geweckt, genauer gesagt zur Virologie. Heinz Schaller begann mit Bakteriophagen und der Nukleotid-Analyse dieser Pflanzenviren. Er charakterisierte die Enzyme, die an der DNS-Synthese beteiligt sind, und studierte neue Methoden der DNS-Replikation in zellfreien Systemen. Seine erste Doktorandin war Frau Nüsslein-Vollhard, die spätere Nobelpreisträgerin, die das Toll-System entdeckt hatte und nach deren Ausruf "toll!" die Toll-like Rezeptoren, für die der diesjährige Robert-Koch-Preis verliehen wird, benannt sind.

Heinz Schaller hat weitere zahlreiche erfolgreiche Virologen und Molekularbiologen ausgebildet. Neben Frau Nüsslein-Vollhard übrigens auch meinen obersten Dienstherren, den derzeitigen Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, Peter Gruss, und mehrere Lehrstuhlinhaber im Fach Virologie und Molekularbiologie an deutschen Universitäten. Dabei habilitierte sich Heinz Schaller nie. Ein interessanter Aspekt der Hochschulkarriereplanung – gerade heute, wo über Abschaffung bzw. Beibehaltung der Habilitation kontroverser denn je – sogar vor dem höchsten Gericht – diskutiert wird. Dennoch wurde Heinz Schaller 1974 zum Professor an die Universität Heidelberg berufen, der er 26 Jahre treu blieb. In dieser Zeit gründete er das Zentrum für Molekulare Biologie an der Universität Heidelberg, kurz ZMBH. Das war 1982. Im Jahr 2000 wurde er emeritiert – der Universität und dem ZMBH blieb er treu bis heute, denn als Gruppenleiter ist er dort weiter aktiv und produktiv. Auch in der Heidelberger Zeit machte sich Heinz Schallers enorme Agilität rasch bemerkbar. Bevor er das ZMBH gründete, "übte" er schon einmal: 1978 rief er, wie schon erwähnt, gemeinsam mit Partnern die Firma Biogen ins Leben.

Sie erinnern sich an den bereits zitierten Satz von Louis Pasteur: "Wissenschaft und die Anwendung der Wissenschaft sind miteinander verbunden wie die Frucht mit dem Ast." Heinz Schaller verkörpert diese enge Verknüpfung zwischen Grundlagenwissenschaft und wirtschaftlichem Erfolg in paradigmatischer Weise, und er begann damit vor über einem Vierteljahrhundert, als die Trennung zwischen Akademia und Industrie noch viel strikter war – als noch keiner von den gegenseitig befruchtenden Aktivitäten sprach -, und als es noch keine Anreize durch Steuergelder gab. Er tat den Schritt und er war damit erfolgreich – und zwar auf beiden Gebieten, der Wissenschaft und ihrer Anwendung.

Während dieser Zeit verliebte sich Heinz Schaller immer mehr in die "richtige" Virologie, also in die pathogenen Viren, insbesondere Hepatitis B-Viren und Maul-und-Klauenseuche-Viren. Er arbeitete nun in "seiner" Firma Biogen und in Heidelberg an der Klonierung sowie der rekombinanten Expression und Isolierung der wichtigsten Proteine von Hepatitis B-Viren und Maul-und-Klauenseuche-Viren. Die Methode der Expression für Hepatitis B-Virus-Oberflächenantigene – das sei nur nebenher erwähnt – stellt bis heute die Grundlage für den weltweit verwendeten rekombinanten Hepatitis B-Impfstoff dar. Ein ganz entscheidender Befund – nicht nur aus der Sicht der Grundlagenwissenschaft, sondern auch aus der Sicht der medizinischen Anwendung. Die Liebe zum Hepatitis B-Virus ging nicht mehr verloren. Heinz Schaller wandte sich aber von der Virusseite ab und der Wirtsseite zu. Er untersuchte nun verstärkt die Vermehrung der Viren in Wirtszellen und den Einfluss der Viren auf die Wirtszellen auf molekularer Ebene – insbesondere die Signaltransduktion in infizierten Zellen.

Bei solchen Erfolgen begann man sich übrigens auch in Berlin – wen wundert das – für Heinz Schaller zu interessieren, wie ein Ausriss aus der Berliner Morgenpost zeigt.

Heinz Schaller erhielt im Jahr 1984 den Ruf an das Berliner Genzentrum, das gemeinsam von Berliner Senat und Schering AG konzipiert und aufgebaut werden sollte. Dennoch griff der Zeitungsbericht hier etwas vor, denn da schien man schon ganz sicher zu sein, Schaller würde nach Berlin kommen. Ich hoffe, der Schmerz über seine Absage ist vergessen und verziehen. Der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Späth wusste nämlich die Abwerbung zu vermeiden und setzte – erfolgreich! – dagegen! So konnte Heinz Schaller "sein" Zentrum für Molekulare Biologie in Heidelberg mit der Infusion von (man höre und staune) 30 (!) zusätzlichen Stellen deutlich verstärken. Das waren noch Zeiten, die man als Wissenschaftler heute gerne auch einmal erleben würde.

Begleitet wird Heinz Schaller heute von seiner Frau Chica, Mitstifterin der Chica-und-Heinz-Schaller-Stiftung zur Förderung biomedizinischer Forschung. Mindestens so eindrucksvoll wie alle anderen bisher genannten Aktivitäten sind die der Stiftung des Ehepaars Chica und Heinz Schaller. Somit werden auch Sie mit ausgezeichnet, Frau Schaller. Die Stiftung hat das Ziel, die biomedizinische Forschung speziell an den Universitäten Hamburg und Heidelberg zu unterstützen und fördert Wissenschaftler und Projekte aus den Gebieten molekulare Neurobiologie und Molekulare Infektiologie. Ich erspare mir die Aufzählung der vielfältigen Förderinstrumente und Stipendien, die die Stiftung anbietet. Folgendes Zitat macht viel deutlicher, was der Schaller'schen Stiftung eigentlich am Herzen liegt: "Die Stiftung erreicht ihre Ziele durch unbürokratische Finanzierung innovativer Maßnahmen, die in der gegenwärtigen Universitätsstruktur nur begrenzt realisierbar sind." Chica und Heinz Schaller wissen bestens, worüber sie reden. Bewundernswert ist, dass sie es nicht beim Beklagen von Defiziten belassen, sondern aktiv werden und handeln. Wenn dies in unserem Land Schule machen würde – manche Probleme wären nur noch halb so groß!

Es fällt schwer, all diese Erfolge zusammen zu fassen, weil sie den Rahmen einer üblichen Laudatio sprengen. Ich will es mit dem Zitat von Charles Garfield versuchen. Den Wissenschaftlern ist Garfield als Gründer des Institutes for Scientific Information bestens bekannt. Garfield ist nicht nur der "Erfinder" des Citation-Index, das von vielen Wissenschaftlern gefürchtete, aber häufig eingesetzte Beurteilungsinstrument von wissenschaftlicher Qualität. Garfield hat auch eine Untersuchung über Leistungsträger durchgeführt. Dabei kam er zur Unterscheidung folgender drei Gruppen: "Einige Leute setzen Dinge um, andere beobachten, wie Dinge passieren, und eine dritte Gruppe schließlich fragt sich, was passiert ist."

In Deinem Lebenswerk, lieber Heinz, hast Du bewiesen, dass Du zur Gruppe gehörst, die Dinge umsetzt, Dinge möglich macht, und zwar immer zur gleichen Zeit, nicht eins nach dem anderen. Deine eigene wissenschaftliche Leistung, Dein Wissenschaftsmanagement, das in der Gründung des ZMBH gipfelte, Dein Engagement in der Wirtschaft, mit dem Du eine überaus erfolgreiche Firma ins Leben gerufen hast, Dein Mäzenatentum, mit welchem Eure Stiftung exzellente junge Wissenschaftler in ihrer Arbeit großzügig unterstützt – jeder einzelne dieser Punkte würde die Verleihung der Robert-Koch-Medaille in Gold 2004 rechtfertigen.

Dein Humor und Deine häufig auch ironische Kritik, die ich selbst bestens kennen lernen konnte, als ich 1988 zu Berufungsverhandlungen am ZMBH mit Dir mehrfach zusammentraf, machen den Umgang mit Dir immer zu einem intellektuellen Genuss. Ich hoffe, Du wirst auch weiterhin so aktiv bleiben und damit allen – aber ganz besonders den Politikern – beweisen, dass Wissenschaftler auch über das Alter von 65 Jahren hinaus große Leistungen vollbringen können. Solange sie Spaß daran haben, und ganz besonders, wenn sie nicht nur ihre eigene Forschung, sondern auch die Förderung des Nachwuchses so engagiert vorantreiben wie Du. Ich freue mich außerordentlich und gratuliere Dir im Namen der Robert-Koch-Stiftung von ganzem Herzen zur Robert-Koch-Medaille 2004" (Prof. Kaufmann).

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
http://www.uni-heidelberg.de/presse

Marion Haberland
Tel. 0214 3053094
marion.haberland@bayerhealthcare.com


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