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13. November 2004

Passagen durch die Wasser des Unbewussten

Patrick Roth beendete seine dreiteilige Heidelberger Poetikvorlesung – Buchveröffentlichung

Noch im zweiten Teil seiner Vorlesung "Zur Stadt am Meer (2). Suspense" hatte Patrick Roth, Heidelberger Poetik-Dozent 2004, "Suspense" als Trennung der Gegensätze und als erreichten Spannungsprozess bezeichnet, den der Alchemist aushalten will. Im Gegensatz zur "Spannung" schließe "Suspense" stets ein Ich ein, das sich der Gegensätze bewusst ist und sie – gleichsam zwischen ihnen gekreuzigt – erleiden soll. Daher muss der kreativ Schaffende die "Suspense" des eigenen kreativen Prozesses aushalten. Dieses Erdulden führt zu einer Antwort, so dass der Alchemist oder Künstler einen gewissen Einfluss auf die widerstreitenden psychischen Inhalte hat. Das gilt jedoch nicht für den Kinobesucher/Leser, denn Film oder Buch bleiben unverändert, wie Roth zu Beginn des dritten Teils seiner Vorlesung "Zur Stadt am Meer (3). Sonnenuntergang" in der Neuen Universität ausführte.

Allerdings könnte sich beim Zuschauer/Leser nach der Rezeption das Innere verändert haben. Denn dann beginnt das unsichtbare Kino, das ungelesene Buch des Lesers vor dem Hintergrund des latenten individuellen Weltbildes. Reaktionen der Zustimmung oder Ablehnung verweisen auf dieses innere "Gefäß". Roth bezeichnete es als seine schriftstellerische Aufgabe, das Unbewusste, Unpersönlich-Numinose und Zeitlose mit dem Bewusstsein, mit dem Persönlich-Individuellen, mit dem ganz und gar Zeitlichen in Beziehung zu setzen, Schnittstellen der Bewusstwerdung dieser alle Menschen bestimmenden Gegensätze zu schaffen, zu entdecken, freizulegen. So wird das Buch nicht zum Ziel, sondern zur Passage durch die Wasser des Unbewussten, bei der die Zusammenführung der Gegensätze im Individuum – also die Wandlung – beginnen kann.

Hier ist der innerste psychische Kern – der Seelenstoff – angesprochen, den es mit allen Kräften zu schützen gilt. Denn wir befinden uns in einer Zeit der Auflösung, in einer Welt größter auseinanderstrebender Gegensätze, die das bewusste Ich gänzlich ins Unbewusste zu stürzen drohen. Die größte Gegensatzspannung besteht zwischen Leben und Tod, die quasi für das Bewusstsein und das Unbewusste stehen. Roth fragte, ob etwas "von uns" bleibt: eine Spur oder Bilder? Und er sprach davon, dass beim Sterben "Bilder des Übergangs" entstehen, durch die Sinn vermittelt wird. Es stirbt hier auch der Tod, denn in dieser letzten Vereinigung der Gegensätze entsteht etwas Drittes, etwas Unbekanntes.

Und nach der Durchwanderung faszinierender Traumbilder stellte der Poetik-Dozent die Frage: "Was ist das Unbewusste, das uns umgibt, von allen Seiten durchdringt – wenn nicht der unbekannte, der dunkle Gott?" Von ihm spreche auch C.G. Jung. Gott sei keineswegs nur eine gewaltige Lichtgestalt, sondern zugleich der graue Alltag: der unerkannte Stein, das Stück Holz im Wasser der Tonne. In diesem Szenario ist auch der Autor Patrick Roth auf der Suche.

Und er gelangt zu der Überlegung, ob der gewandelte Mensch Gott wandle. Eine solche Wandlung sah Roth dargestellt in der Frauenfigur June aus der vierten Geschichte seines jüngsten Buches "Starlite Terrace". In ihr vollziehe sich eine wahrhaft religiöse Handlung. Während der letzten Momente dieser Geschichte "ist im Kelch-Gefäß des Pools, im scheinbar unbeachteten, scheinbar ausgelebten, ausgebrannten Individuum: etwas gewandelt worden".

Zum Ausklang beschrieb Patrick Roth ein Strandpanorama aus Santa Monica, seiner konkreten "Stadt am Meer", das einen Mikrokosmos mit vielen Tiefenschichten enthielt. Darin tummeln sich die unterschiedlichsten Ausflügler, aber auch John F. Kennedy, Marilyn Monroe oder Ronald Reagan, sodann der Alltag, individuelle Schicksale oder auch Murnaus "Faust"-Film aus dem Jahre 1926. Am Ende geht die Sonne unter, aber in der letzten Sekunde vor dem völligen Eintauchen des Feuerballs im Meer zeigt sich der grüne Strahl: "Wie ein letztes Versprechen ist das, ein Versprechen im Augenblick der Auflösung, des Untergangs." Roth zufolge hatten die Alchemisten das Grün als "gesegnetes Grün" bezeichnet, weil es nach der Schwärzung kam, nach tiefster Depression.

Die vielfältig schillernden, suchend-assoziativen, aber in ihrer kühnen Konstruktion auch fesselnden Heidelberger Poetikvorlesungen Patrick Roths sollen demnächst im Suhrkamp Verlag als Buch erscheinen.
Heribert Vogt
Rhein-Neckar-Zeitung

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