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19. November 2004

Alle dürfen aus Fehlern lernen...

... nur Schüler nicht – Buch "Lernen und Leistung" der Heidelberger Forschergruppe vorgestellt

Dickes Lob aus berufenen Munde: "Lesen" empfahl der renommierte Bildungsforscher Wolfgang Edelstein allen, die sich mit dem Sinn und Unsinn heutiger Schulsysteme befassen wollen. Lesen sollen sie das Buch "Lernen und Leistung" von Professorin Rose Boenicke, Hans-Peter Gerstner, Antje Tschira und Martin Wetz. Das Buch der Heidelberger Forscher ist gerade bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft in Darmstadt erschienen.

Die PISA-Studie...

Keine Frage, die PISA-Studie schwebt auch über diesem Werk. Hat sie doch bitter klar gemacht, dass die deutschen Schüler in Sachen langfristigem Wissensaufbau ziemlich alt aussehen. Ein Viertel der 15-Jährigen kann demnach einen Text nicht sinnverstehend lesen. "Hier", so heißt es in dem Buch, "deutet sich eine Spaltung der Gesellschaft an". Doch die Autoren belassen es nicht bei allgemeinem Wehklagen. "Das ist das einzige mir bekannte Buch, das die Problematik in allgemein lesbarer Form beleuchtet und Alternativen aufzeigt", lobt Professor Edelstein. Der Mann kann das einschätzen, schließlich war der heute 75-Jährige lange Leiter des Max-Planck-Institutes für Bildungsforschung.

Angesetzt wird bei einer wenig beachteten Binsenweisheit: Alle Kinder sind von Natur aus lernbegierig. Seltsamerweise verliert sich das meistens nach den ersten Schuljahren. Den Grund dafür sehen die Heidelberger Erziehungswissenschaftler darin, dass Lernen und Leistung in Deutschland zu eng gekoppelt ist. "Wir lernen alle durch Fehler", pflichtet Edelstein bei, "im deutschen System sind aber Fehler strafbar". Wenn Lernsituationen zu Prüfungen werden, besteht die Gefahr des "Kulissenlernens" anstatt langfristigen Wissensaufbaus.

Deshalb empfindet er das deutsche System als gegen die Schüler gerichtet. Für einen großen Irrweg halten er und die Heidelberger Arbeitsgruppe das dreigliedrige Schulsystem mit seiner frühzeitigen Selektion. "Das ist weltweit ein Unikum", wettert Edelstein. Historisch gesehen hatte die Mehrgliedrigkeit den Sinn, die Kinder "unterschiedlichen Lebenswegen" zuzuordnen. "Bildungsverlierer" zu erzeugen, war im 19. Jahrhundert sogar funktional, damit es genügend Leute gab, die schwere, schlecht bezahlte Arbeit verrichten konnten. Das ist aus heutiger Sicht natürlich ziemlich unsinnig und passiert doch Tag für Tag, meint Edelstein. "Ein Drittel fallen in der Sekundarstufe unter den Tisch".

Er ist sich mit den Autoren einig, dass in der Bundesrepublik nach dem PISA-Schock schon wieder droht, ein falscher Weg eingeschlagen zu werden. Druck, Drill, ständige Leistungskontrolle und frühzeitige Selektion werde als Heilmittel gesehen. Dabei funktioniert das nicht, wenn es um verständnisorientiertes Lernen gehen soll, belegen Forschungen. Und gerade das wurde in der PISA-Studie beleuchtet.

Edelstein sieht in der Krise durchaus eine Chance. Schließlich steht nicht nur die Struktur des bundesdeutschen Schulsystem auf dem Prüfstand, sondern auch die der Arbeitswelt, die Geburtenrate und die Zukunft des Sozialsystems. "Möglicherweise bietet sich in diesem Kielwasser ein zeitliches Fenster für eine reformpädagogische Diskussion", sagt er. Anregungen gibt es genug. So haben beispielsweise die vielgerühmten Finnen ursprünglich die Einheitsschule aus Ostdeutschland übernommen, diese aber komplett verändert. Entscheidend dafür ist laut Edelstein ein "Blickwechsel". In Deutschland stierten alle auf den Unterricht als Kerngeschäft, dabei gehe es um die Lernprozesse der Schüler. Die gelte es zu fördern, wo es nur möglich ist.

...schwebt über dem Werk

"Dass Lernen auch Spaß machen darf", schreibt auch das Autorenquartett, "gehört in Deutschland fast schon zu den Tabuthemen". In Schweden hingegen sei es eine Selbstverständlichkeit, dass sich Kinder in der Schule wohlfühlen sollen. Dass in Deutschland der Rückblick auf die Schulzeit bei vielen mit Erbitterung verbunden ist, hält sich über die Jahrzehnte hartnäckig. Auch ein Indiz dafür, dass sich das System in einer grundlegenden Krise befindet.

Doch "Lernen und Leistung" bleibt nicht bei der Analyse stehen, sondern zeigt, dass es auch anders geht. Und das erstaunlicherweise gerade an Schulen, die unter schwierigsten Bedingungen arbeiten.
Kirsten Baumbusch


Rose Boenicke und andere, Lernen und Leistung, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, ISBN 3-534-17453-4.

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
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und
Irene Thewalt
Pressestelle der Universität
Tel. 542311
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