| 23. November 2004
Stille und Eruption
Elena Kuschnerova beim HD-Konzert des Akademischen Auslandsamtes in der Alten Aula der Universität Heidelberg
Bei der Heidelberger "Klavierwoche" konnte man ihre hohe Kunst bereits erleben, nun gastierte die russische Pianistin Elena Kuschnerova auf Einladung des Akademischen Auslandsamts der Universität beim HD-Konzert in der Alten Aula. Beseelte Gesanglichkeit und knorrig lapidarer rhythmischer Drive kam in ein äußerst stimmiges Verhältnis in Bachs Französischer Suite Nr. 5 G-dur, wurde pointierter tänzerischer Schwung erregend ausgespielt, impulsreich jeder Ton und jede Phrase ganz besonders in der furios galoppierenden Gigue. Und zwischen dem energiereichen, mitreißenden Drive verblüffte die Pianistin mit großem Feinsinn bei erlesenen dynamischen Abstufungen.
Äußerst klangsinnige Gestaltung ließ die Pianistin in drei "Lieder ohne Worte" von Mendelssohn einfließen, dies in Verbindung mit großer Sehnsucht, reicher Poesie und wunderbaren Klangnuancen. Elena Kushnerova hat ein ausgeprägtes Gespür für die besondere Stimmung eines Werkes, für die charakteristische Handschrift eines Komponisten, ohne ihren Personalstil zu verleugnen. Und so erfuhren ebenso drei Werke Debussys eine wunderbar stimmungsreiche Darstellung. Eine große Ehrfurcht vor der Stille der Natur tönte aus "Reflets dans l'eau", wobei die Pianistin mit großer Eleganz und Delikatesse die Wasserspiele glitzern ließ.
Exquisite russische Raritäten kamen nach der Pause: Nach Glinkas Nocturne f-moll folgte mit den Variationen F-dur ein überaus fesselndes Werk von Tschaikowsky. Diesem verlieh die Pianistin ebenso viel Eleganz wie virtuosen Biss, stürmende Brillanz und kraftvoll-vollgriffige Attacke. Tiefes, leicht melancholisches Gefühl brachte Kuschnerova in spannenden Wechsel mit elektrisierenden Steigerungen, kraftvoll eingravierten Rhythmen und furiosen Verdichtungen. Was in den vier Stücken von Chopin (einschließlich der Zugaben) aufs Schönste zum Tragen kam: bald erlesen traumzart, bald ungeheuer eruptiv und insistierend virtuos.
Rainer Köhl
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