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4. November 2004

Rektor: Wissenschaft muss sich "doch mit lauterer Stimme" zu Wort melden

Beim "Heidelberger Abend" deutliche Kritik von Rektor Prof. Hommelhoff an der "Zukunftsinitiative Rhein-Neckar-Dreieck" und der Wissenschaftspolitik des Landes

Deutliche Kritik an der "Zukunftsinitiative Rhein-Neckar-Dreieck" und der Wissenschaftspolitik des Landes übte der Rektor der Universität Heidelberg, Prof. Dr. Peter Hommelhoff, heute beim traditionellen "Heidelberger Abend" mit der Industrie- und Handelskammer in der Stadthalle aus. Hier seine Rede im Wortlaut:

I.
"Wie in jedem Jahr so empfinden die Universität Heidelberg und ihre Angehörigen auch in diesem den traditionellen Abend der Industrie- und Handelskammer Rhein-Neckar als ein köstliches Geschenk: Wo, denn hier, können Wirtschaft und Wissenschaft, Bürger und Universität, Politik, Verwaltung und Forschung so ungezwungen in harmonischer Atmosphäre zum Gespräch zusammenkommen? Dafür danke ich den Repräsentanten der Industrie- und Handelskammer im Namen der Ruperto Carola sehr und habe mich von Herzen gefreut, dass sich Rektorat und Hoher Senat der Universität Heidelberg entschlossen haben, Ihnen, sehr verehrter, lieber Herr Präsident Eirich, die Würde eines Ehrensenators zu verleihen. In engagierter Nachfolge Ihres unvergessenen Amtsvorgängers Klaus Fleck ist es Ihnen ein besonderes und immer wieder tatkräftig umgesetztes Anliegen, die Unternehmen des Kammerbezirks und ihre Vertreter mit den wissenschaftlichen Einrichtungen der Region und ihren Angehörigen im Dialog zusammenzubringen – sei es im kleinen Kreis oder weithin wahrnehmbar öffentlich. Deshalb hat die Ruprecht-Karls-Universität Ihnen als dem unermüdlichen Motor eines lebendigen und fruchtbaren Dialogs zwischen Wissenschaft und Wirtschaft in der Rhein-Neckar-Region, in der Bundesrepublik einzigartig, mit der Verleihung der Ehrensenatorenwürde den gebührenden Dank abstatten wollen. – Diese Ehrung hat die Universität vor gut zehn Tagen anlässlich ihrer Jahresfeier zusammen mit der für den Nobelpreisträger Professor Hoffmann vollzogen. Erlauben Sie mir bitte, meinen Dank und meine Gratulation vor diesem erlauchten Kreis noch einmal in aller Öffentlichkeit zu wiederholen.

II.
Lieber Herr Eirich, Sie leben uns dies immer wieder vor: Die Beziehungen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft – zumeist inspirierend und bereichernd – sind zuweilen aber auch schwierig und fragil; deshalb bedürfen sie stets aufs Neue auf beiden Seiten sorgfältiger Pflege in gegenseitig respektvollem Umgang. Leider gebricht es daran der Zukunftsinitiative Rhein-Neckar-Dreieck weithin. Als Institution in der Region hat sich die Universität Heidelberg gern mit dem Ziel engagiert, dies Gebiet mit all' seinen Chancen in der Bundesrepublik und darüber hinaus bekannt zu machen und für seine Stärken mit zu werben. Denn mit den Universitäten Heidelberg und Mannheim, mit der Hochschule für Jüdische Studien und mit der Fachhochschule Mannheim, alle untereinander und mit den Universitäten in Karlsruhe und Darmstadt vielfältig vernetzt, zählt das Rhein-Neckar-Dreieck mit zu den stärksten Wissenschaftsregionen in Deutschland und gemeinsam mit anderen Einrichtungen im Raum zu den bedeutendsten Gesundheitsregionen. Diesen Anspruch werden neue Aktivitäten in den nächsten Wochen ein weiteres Mal bundesweit erkennbar untermauern – direkt neben der im Bau befindlichen, weltweit einzigartigen Schwerionenanlage zur Behandlung Krebskranker. Wahrlich: die Zukunft dieses Gebietes und seine Chancen liegen ganz wesentlich in den wissenschaftlichen Einrichtungen an Neckar und Rhein.

Dem ist die Zukunftsinitiative Rhein-Neckar-Dreieck schon bei ihrem Zusammentreffen mit den Ministerpräsidenten der drei Bundesländer nicht gerecht geworden, als die Wissenschaft in ihren Verlautbarungen schlicht ausgeblendet blieb, noch bei ihrer Repräsentanz in den Leitungsgremien der Zukunftsinitiative, noch angemessen bei der öffentlichen Werbung für sie, noch bei der Durchführung einzelner Aktivitäten. Vielleicht sollten die Verantwortlichen sich der Frage zuwenden, ob das Rhein-Neckar-Dreieck seine Universitäten braucht – und wie diese Frage umgekehrt zu beantworten wäre.

III.
Die Wissenschaft und ihre Einrichtungen müssen sich offenbar doch mit lauterer Stimme als im akademischen Diskurs üblich zu Worte melden, um auch in der Landespolitik Gehör zu finden. Denn das Glück, dass der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg voll' Stolz im In- und Ausland seinen "Hohen Schulen" das Loblied singt und anlässlich großer Ereignisse in der Geisteswelt (wie beim 100. Geburtstag Hans Georg Gadamers) selbst in der Universität gehaltvoll das Wort ergreift, dies Glück mit all' seiner Emotionalität wird sich nicht in alle Zukunft fortschreiben lassen. Reine Sachpolitik ist nunmehr angesagt – voller Beunruhigung:

Gewiss – Wirtschafts-, Finanz- und Arbeitsmarktpolitik müssen in einem ehemals prosperierenden Bundesland, das nun schwere Haushaltsprobleme plagen, die Kernfelder künftiger Regierungspolitik sein. Aber all' dies ohne Hochschulpolitik als zusätzlichen Kernbestandteil, um Baden-Württemberg im föderalen Wettbewerb weiterhin als Spitzenregion zu gestalten? Will das Land jenes Pfund, das es sich mit seinen sieben Universitäten unter den besten zwölf in Deutschland mit kluger, maßvoller, andauernder und nachhaltiger Wissenschaftspolitik in langen Jahren selbst mitgeschaffen hat, will das Land dies Pfund leichter Hand verschenken? Oder weiter noch: Müssen die exzellenten Universitäten in Baden-Württemberg gar befürchten, dass sich das Land so geballte Exzellenz nicht leisten kann oder schlimmer noch: gar nicht leisten will?

Sollte das so sein, müssten wir im Interesse der Universitäten, ihrer Wissenschaftler und Studierenden, aber auch der Standorte sehr schnell darüber sprechen, ob es bei der Neuordnung des Föderalismus in Deutschland nicht klüger wäre, einige Universitäten nach dem Vorbild eidgenössischer Hochschulen in die Obhut des Bundes zu verlagern, statt sie, wie es der Hamburger Universität momentan droht, Schritt für Schritt ihrer Exzellenz zu berauben, während außeruniversitäre Forschungseinrichtungen wie etwa bestimmte Max-Planck- oder Fraunhofer-Institute im Gegenzug Stück für Stück sich zu Forschungs-basierten, wenn auch stärker spezialisierten Graduate Schools fortentwickeln.

Aber das wird hoffentlich in Baden-Württemberg nicht ernsthaft zu befürchten sein. Vielmehr entspricht es dem unternehmerischen Weitblick und Mut seiner Bürger, sich darbietende Chancen wahrzunehmen und diese beherzt zu nutzen. Was bedeutet das für die Hochschul- und Wissenschaftspolitik? Das Land besitzt zwischen Neckar und Bodensee herausragende Universitäten, aber auch Fachhochschulen in relativ großer Zahl. Eine solche Struktur wiederholt sich auf der Erde nur an wenigen Stellen – etwa in Kalifornien mit seinen weltweit führenden Staatsuniversitäten zwischen San Diego und Berkeley. In den vergangenen Jahrzehnten waren es diese Universitäten und die Privatuniversität Stanford, die Kalifornien zu einem der stärksten Wirtschaftsmotore auf der Welt formten – eine glückliche Verbindung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, wie sie vor hundert Jahren und mehr vergleichbar in Deutschland die Chemie zur Weltspitze führte.

Daher wäre es gewiss an der Zeit, für Baden-Württemberg noch intensiver über innovative Organisationsformen nachzudenken, um Unternehmen, insbesondere die kleinen und mittleren des Landes noch stärker auch aus den Hochschulen heraus zu beflügeln – etwa durch gemeinsame Labore auf dem Campus. Die Universität Heidelberg ist bereit, sich am gemeinsamen Nachdenken zu beteiligen. Denn eines steht fest: Mit der Veränderung einiger hochschulrechtlicher Rahmenbedingungen allein lassen sich Exzellenz, Elite und weltweite Wettbewerbsfähigkeit nicht herbeizaubern.

IV.
Ganz wesentlich hierfür ist vor allem Geld – Geld, das die Politik in ihre erfolgreichen Hochschulen muss einsetzen wollen, um sie in der Bundesrepublik an der Spitze zu halten und sie überdies zu befeuern, in der Europa- und Weltliga zur dortigen Spitze aufzuschließen. Aber auch auf Seiten der Universitäten bedarf es neuer, bislang nicht betretener Wege, um die notwendigen Finanzmittel zu erschließen. Die Universität Heidelberg ist im Altklinikum Bergheim auf diesen Weg eingebogen und möchte auf ihm weiter voranschreiten, um als nächstes die notwendigen Neubauten für die Physik – intelligent refinanziert – voranbringen zu können. Dankbar vermerken Universität und Universitätsklinikum, verehrter Herr Erster Bürgermeister von der Malsburg, wie aufgeschlossen bei alledem die Stadt Heidelberg mit ihnen kooperiert. Wie überhaupt das Verhältnis zwischen diesen Beteiligten insgesamt und durch und durch nur als vorzüglich gekennzeichnet werden kann – wenn auch mein Stadt-bekanntes Lieblingsthema noch ungelöst ist, aber die gute Stimmung heute Abend nicht trüben soll.

V.
Eine gute Stimmung, die wir Ihnen, sehr verehrter Herr Präsident Eirich, und der Industrie- und Handelskammer Rhein-Neckar verdanken. So hoffen wir alle zuversichtlich, dass Ihr Nachfolger im Amte dereinst diese gute Tradition mit demselben Engagement fortführen möge.

Ich wünsche Ihnen allen, meine Damen und Herren, einen anregenden Abend. Lassen Sie sich vor allem von den Kurzvorträgen Heidelberger Nachwuchswissenschaftler anregen und danach vom Konzert. Für all' dies sage ich den Akteuren schon jetzt herzlichen Dank."

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
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