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6. November 2004

Wer die Fichte als Speer sieht, kann abstrakt denken

Der Urgeschichtler Prof. Clemens Eibner sprach beim "Homo heidelbergensis von Mauer e.V." über die Geburt eines Wurfspeers

Prof. Clemens Eibner mit Vereinsvorsitzendem Erich Mick, Günther Riedling und Prof. Hermann Rieder (von rechts)

Prof. Clemens Eibner mit Vereinsvorsitzendem Erich Mick, Günther Riedling und Prof. Hermann Rieder (von rechts). Foto: Alex


Der Speer ist so alt wie die Menschheit – oder noch älter. Denn nicht erst der Homo sapiens sapiens kannte sich aus in der Herstellung dieser effektvollen Waffen, die der Jagd und der Verteidigung dienten. Das weiß man spätestens seit dem 400000 Jahre alten Fund von Schöningen im Braunschweiger Land. Diese Schöninger Speere, die der Braunkohlebergbau zu Tage förderte, dienten dem Wiener Prof. Clemens Eibner – er ist Experte vom Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Heidelberg – als Vorlage für die "Geburt eines hölzernen Wurfspeeres". So lautete sein Thema im Heid'schen Haus, wohin ihn der Verein "Homo heidelbergensis von Mauer e.V." eingeladen hatte.

In einem beeindruckenden Vortrag, dem sich ein praktischer Teil anschloss, vermittelte Eibner den Entstehungsprozess eines Speers mit primitivem und doch wirkungsvollem Steinwerkzeug. Um einen Speer herzustellen, bedurfte es besonderer geistiger Fähigkeiten, betonte der Referent. Zum Einstieg zeigte er das antike Bild von der Geburt der Athene, die den Menschen die "Technae"- die Künste – brachte. Die Göttin wird in diesem Bild, einen Speer in der Hand haltend, aus dem Haupt des Zeus geboren, also gleichsam aus den Gedanken des Göttervaters, was die Gewaltanstrengung des Geistes verdeutliche.

Welches Material sei für die Herstellung von Speeren verwandt worden? In Eisenzeit und Bronzezeit seien Holzspeere mit Metallblättern, mit Lanzenspitzen besetzt gewesen. Es gebe aber auch Speere ganz aus Metall. In der Altsteinzeit wurden für die Holzspeere bis zu 30 Zentimeter lange Blattspitzen aus Feuerstein geschlagen. Sie waren etwa 5 bis 6 Millimeter dick und 6 bis 7 Zentimeter breit. Mit Sehnen wurden sie an den Holzschäften befestigt. Daraus entstand eine tödliche Waffe.

Ausführlich informierte Eibner über die vier Gräberfunde von Sunghir – 150 Kilometer nordöstlich von Moskau – aus dem Jungpaläolithikum. Speere mit einem Schaft aus Elfenbein gehörten als kostbare Prestigegüter zu den Grabbeigaben. Da die Mammutzähne eingerollt waren, mussten die Menschen die Methode kennen, sie über Wasserdampf oder Feuer gerade zu richten. Damit zeigte Eibner die Entwicklung des Speers von der Waffe zum Würdezeichen auf.

Die Sensation der Schöninger Speere sei, dass tatsächlich eine halbe Million Jahre Speerentwicklung vorhanden sei. Funde von Feuersteingeräten, mit denen Holz bearbeitet worden ist, reichen bis 800000 Jahre zurück.

Eibners Grundidee war, dass das Holz für die Speere von im Wald gewachsenen Fichtenstämmchen herrührte. Das Fichtenstämmchen, das unterm dichten Blätterdach wuchs, schoss schnell empor und wies wenig Astungen auf. Dieses für die Speerherstellung ideal gewachsene Stämmchen wurde an Ort und Stelle bearbeitet. Als Werkzeug diente eine tropfenförmige Feuersteinknolle, die durch geschicktes Aufschlagen mit einem zweiten Stein aufgesplittert wurde. Damit wurde der Speer mit Spitze in Richtung Stammansatz geschält. Im mittleren Abschnitt der Altsteinzeit sei die Technik des Steinabspaltens beherrscht worden, die Spuren würden aber früher liegen.

Ein von Vereinsmitglied Günther Riedling gefertigter zwölfminütiger Film belegte in der Praxis Prof. Eibners Aussage. Mit scharfem und eingebuchtetem Steinwerkzeug bearbeitete er innerhalb von zwei bis drei Stunden ein im Wald ausgewähltes Fichtenstämmchen, bis ein Speer entstanden war. Um einen schönen Speer daraus zu machen, benötige man bis zu drei Tagen, sagte er. Der Homo heidelbergensis habe bereits über ein fortgeschrittenes Vorstellungsvermögen verfügt, denn um sich in einer Fichte einen Speer mit Form und Flugeigenschaften vorstellen zu können, sei abstraktes Denken von Nöten und auch der Besitz von Sprache.

Dem Vortrag schloss sich eine Vorführung im Aussplittern einer Feuersteinknolle an. Die meisten Fragen der Besucher drehten sich um den Feuerstein. So wurde nach dem Entstehungsprozess der aus Kieselsäure bestehenden Knolle gefragt ebenso wie nach dem Vorkommen. Die Jagd auf den Waldelefanten habe die Urmenschen auch ins Rheintal geführt, wo sie fündig wurden. Auch der in den Neckarsanden gefundene Quarzporphyr eignete sich wohl als Werkzeug.

Der Vorsitzende des Vereins Homo heidelbergensis, Erich Mick, dankte Eibner für den Gastvortrag und lud zu der nächsten Veranstaltung am 24. November ein. Hubert Maria Pfisterer wird dann mit Gedichten und Erzählungen im Heid'schen Hauses zu Gast sein. Beginn ist um 19.30 Uhr.
nah

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