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15. November 2004

Erste Erfolge im Kampf gegen resistente Erreger

Wissenschaftler des Kompetenznetzwerkes Baden-Württemberg stellen neue HIV-Schnelltests, Ergebnisse aus Bevölkerungsstudien und der Erforschung von Abwehrmechanismen vor

Prof. Dr. Hans-Georg Kräusslich vom Hygiene-Institut der Universität Heidelberg

Prof. Dr. Hans-Georg Kräusslich vom Hygiene-Institut der Universität Heidelberg, Sprecher des Kompetenznetzwerks "Resistenzentwicklung humanpathogener Erreger". Foto: Petra Pflanz, Medienzentrum des Universitätsklinikums Heidelberg.

Exzellente Grundlagenforschung und umfangreiche Studien in der Bevölkerung bieten hervorragende Ansätze, um den Vormarsch resistenter Erreger, die gegen immer mehr Medikamente gefeit sind, zu stoppen.

Dies hat eine Internationale Tagung des Kompetenznetzwerk "Resistenzentwicklung humanpathogener Erreger" gezeigt, die am 12.-14. November 2004 in Heidelberg stattgefunden hat. Dort stellten Wissenschaftler der Universitäten Heidelberg, Ulm, Tübingen und Freiburg erste Ergebnisse ihrer Verbundforschung vor: u.a. neue Schnelltests auf resistente Aids-Erreger HIV, Bevölkerungsstudien, die zeigen, dass vielfach resistente Staphylokokken-Stämme keine weite Verbreitung in der Bevölkerung haben, und neue Ansatzpunkte, wie gefährliche Biofilme aus Erregern auf Kunststoff-Implantaten "geknackt" werden können.

Das Kompetenznetzwerk wird seit 2002 von der Landesstiftung Baden-Württemberg für drei Jahre mit ca. 3,5 Millionen Euro gefördert. Im Rahmen dieses Netzwerkes haben sich Forschungsgruppen aus vier Universitäten des Landes in 13 Teilprojekten zum Ziel gesetzt, die zugrunde liegenden Mechanismen von Medikamentenresistenz zu verstehen und diagnostische Methoden zum raschen, sicheren und kostengünstigen Nachweis der Resistenz zu entwickeln.

Einziger Forschungsverbund zur Resistenzentwicklung von Erregern in Deutschland

Sprecher und Koordinator des Netzwerkes ist Professor Dr. Hans-Georg Kräusslich, Leiter der Abteilung Virologie und Geschäftsführender Direktor des Hygiene-Instituts am Universitätsklinikum Heidelberg. "Dem Kompetenznetz kommt eine besondere Bedeutung zu," sagte er bei einer Pressekonferenz im Rahmen der Tagung. Derzeit gebe es in Deutschland keinen Sonderforschungsbereich der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und kein Programm des Bundesministerium für Forschung und Bildung, das sich mit dem außerordentlich wichtigen Thema der Resistenzentwicklung befasst.

Resistenzentwicklung zahlreicher Mikroorganismen ist ein dringendes Problem, das vor allem die Versorgung schwerstkranker Patienten in Universitätskliniken und Krankenhäusern der Maximalversorgung betrifft. In zunehmendem Umfang hat es Einfluss auf die tägliche Arbeit in Arztpraxen und anderen Einrichtungen der Krankenversorgung.

Problemkeim sind die vielfach resistenten Staphylokokken (MRSA)

Prof. Dr. Reinhard Marre vom Universitätsklinikum Ulm

Prof. Dr. Reinhard Marre vom Universitätsklinikum Ulm bei der Pressekonferenz am 12. November in Heidelberg. Foto: Petra Pflanz, Medienzentrum des Universitätsklinikums Heidelberg.

Ein "Problemkeim" sind die Staphylokokken: Die weit verbreiteten bakteriellen Erreger besiedeln die Schleimhäute und verursachen gefährliche Infektionen, z.B. der Haut, bis hin zur Sepsis (Blutvergiftung). In den vergangenen Jahren hat die Zahl der Erreger, die gegen herkömmliche Antibiotika unempfindlich sind, erheblich zugenommen, insbesondere in Krankenhäusern, wo gefürchtete Infektionen mit Staphylokokken vorkommen können, die gegen fast alle Antibiotika resistent sind (Methicillin-resistente Staphylococcus aureus, MRSA).

Dies ist vor allem das Resultat einer ungezielten und wenig konsequenten Antibiotika-Therapie der Bevölkerung: Werden die Erreger unnötig, mit den falschen Antibiotika oder nicht lange genug behandelt, entwickeln sich Veränderungen des Erbmaterials, die sie unempfindlich gegen die Therapie machen und ihr rasches Wachstum begünstigen.

MRSA sind in der Allgemeinbevölkerung kaum verbreitet

Verschiedene Studien im In- und Ausland haben gezeigt: Bis zu 20 Prozent der Staphylokokkenstämme in Kliniken sind gegen mehrere Antibiotika resistent. Staphylokokken, die gegen eine Vielzahl von Antibiotika resistent sind (MRSA), werden in der Allgemeinbevölkerung jedoch seltener angetroffen, als dies die Daten aus den Kliniken vermuten lassen. Dies ist das Ergebnis einer Studie, die im Rahmen des Kompetenznetzes Resistententwicklung an den Universitäten Ulm und Heidelberg durchgeführt wurde und erstmals wissenschaftlich fundierte Aussagen zur Verbreitung vom MRSA in der deutschen Bevölkerung zulässt. Die Studie wurde im August 2004 in der Zeitschrift "Epidemiology and Infection" veröffentlicht. Sie hat zudem gezeigt, dass in der Bevölkerung verbreitete Staphylokokken meist unempfindlich gegen das klassische Antibiotikum Penicillin G sind.

Federführende Autoren der Studie sind Professor Dr. Reinhard Marre, Ärztlicher Direktor der Abteilung Medizinische Mikrobiologie und Hygiene am Universitätsklinikum Ulm, und Professor Dr. Herrmann Brenner, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Deutschen Zentrum für Alternsforschung an der Universität Heidelberg.

Die Wissenschaftler untersuchten Abstriche der Nasenschleimhaut von insgesamt 627 zufällig ausgewählten Patienten über 40 Jahren, die wegen unterschiedlicher Beschwerden einen Hausarzt aufgesucht hatten. Mehr als ein Viertel der Patienten (152) waren Staphylokokkenträger; davon waren 68.3 Prozent resistent gegen Penicillin G, 8.3 Prozent gegen das Antibiotikum Erythromycin.

Hygiene im Krankenhaus und Screening von Risiko-Patienten empfohlen

Nur ein Patient war mit einem Stamm besiedelt, der gegen das Antibiotikum Oxacillin resistent war und zu der gefürchteten Gruppe der MRSA gehört. Es handelte sich dabei um einen 65jähirgen, der an Diabetes und chronischem Nierenversagen litt und längere Klinikaufenthalte hinter sich hatte. Die Studienergebnisse belegen zudem, dass frühere Antibiotika-Therapien und Krankenhausaufenthalte das Risiko erhöhen, Träger von resistenten Krankheitserregern zu werden. Auch in Altersheimen sind, wie eine frühere Heidelberger Studie gezeigt hat, etwa 1 Prozent der Bewohner MRSA-positiv (http://idw-online.de/pages/de/news56418).

"Krankenhäuser sollten vor allem durch strikte persönliche Hygiene des Personals dafür Sorge tragen, dass die multiresistenten Erreger nicht verbreitet werden", erklärte Professor Marre bei einer Pressekonferenz im Rahmen der Tagung. Zusätzlich empfahl er, Risiko-Patienten für MRSA-Befall bei der Aufnahme ins Krankenhaus zu screenen.


Literatur: Marre R, Brenner H et.al.: Prevalence and determinants of nasal colonization with antibiotic-resistant Staphylococcus aureus among unselected patients attending general practitioners in Germany. Epidemiol. Infect (2004), 132, 655-662.

(Der Originalartikel kann bei der Pressestelle des Universitätsklinikums Heidelberg unter
contact@med.uni-heidelberg.de angefordert werden)

Bei Rückfragen:
Professor Dr. Hans-Georg Kräusslich:
06221 / 56 5002 (Sekretariat)
E-Mail: Hans-Georg_Kraeusslich@med.uni-heidelberg.de

PD Dr. Matthias Dittmar:
E-Mail: Matthias_Dittmar@med.uni-heidelberg.de

Professor Dr. Reinhard Marre:
E-Mail: reinhard.marre@medizin.uni-ulm.de

Weitere Pressetexte zur Tagung finden Sie im PDF-Format online unter: www.med.uni-heidelberg.de/aktuelles/Downloads/ pressekonferenzen/pressemappe_pk-12-11-04.zip

Rückfragen bitte an:
Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
des Universitätsklinikums Heidelberg
und der Medizinischen Fakultät
der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 45 36
Fax: 06221 / 56 45 44
Handy: 0170 / 57 24 725
E-Mail: Annette_Tuffs@med.uni-heidelberg.de
www.med.uni-heidelberg.de

Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg


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