Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
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15. November 2004

Rektor Prof. Hommelhoff: "Eliteuniversitäten in Deutschland: ein Irrweg?"

Der Rektor der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Hommelhoff, hielt heute den Eröffnungsvortrag zum Studium Generale des Wintersemesters 2004/2005 – Hier seine Rede im Wortlaut

I.
Für Deutschlands Universitäten begann das Jahr 2004 mit einem Paukenschlag: Nachdem zunächst der SPD-Bundesvorstand zur Überraschung aller die Idee eines "Wettbewerbs um Eliteuniversitäten in Deutschland" lanciert hatte, griff die Bundesregierung diese Initiative auf und lobte hierfür die für die permanent finanzklammen Universitäten unvorstellbare Summe von jährlich € 50 Mio. über fünf Jahre für bis zu fünf Wettbewerbssieger aus. Aus universitärem Blickwinkel geschaut schien dies Wettbewerbs-Programm überaus verheißungsvoll: Es versprach zusätzliches Geld, und zwar gezielt für die Universitäten, ihre Forschung und Lehre, also nicht für die außer-universitären Forschungseinrichtungen, die den Universitäten schon seit langer Zeit ihre besten und vielversprechendsten Wissenschaftler abwerben. Um die Dimension dieses Zusatzgeldes zu verdeutlichen: Mit ihm hätte die Universität Heidelberg quer über ihre zwölf Fakultäten hinweg 25 auch apparativ gut ausgestattete Stiftungs-Lehrstühle (nicht bloße Professuren) und dazu mindestens 30 Graduiertenkollegs einrichten können, um dann immer noch über € 20 Mio. pro Jahr für andere Zwecke disponieren zu können. Damit war das Bundeskonzept eines Elitewettbewerbs tatsächlich darauf angelegt, einer kleinen Zahl von Spitzenuniversitäten unter den circa 100 Universitäten in Deutschland den Weg zur Europa- und Weltliga wenigstens finanziell zu bahnen. Vor allem aber hat der Vorstoß der Bundesregierung geholfen, die Stimmung zu Gunsten der Universitäten zu drehen: Die Öffentlichkeit traut ihnen wieder etwas zu; das Zerrbild von den faulen Professoren verschwand in der Versenkung: Die Bundesinitiative hatte den Universitäten zu großen Teilen ihre in den sechziger und siebziger Jahren verlorene Würde zurück gegeben.

Das weitere Schicksal des Elitewettbewerbs ist bekannt: Seine Konzeption stieß auf den breitflächigen Widerstand der Bundesländer, und zwar bemerkenswert auch auf den Widerstand jener Länder, die sich gute Chancen ausrechnen konnten, dass eine ihrer Universitäten im Wettbewerb den Lorbeer erringen könnte. Deshalb verständigten sich die Wissenschaftsminister der Länder und des Bundes politisch klug, weil friedenstiftend, auf ein gemeinsames Zweistufen-Konzept, das auf kofinanzieller Grundlage einer größeren Zahl von Universitäten die Möglichkeit eröffnen sollte, im Wettbewerb mit Spitzenleistungen zusätzliche Finanzmittel zu attrahieren. Obwohl dieser fachministerielle Kompromiss nach meiner Kenntnis unterschriftsreif war, würgten ihn einige Ministerpräsidenten brutalstmöglich ab – wohl, weil ein neues Kofinanzierungs-Projekt von Bund und Ländern im Föderalismusstreit das Länderziel vernebelt hätte, die Kofinanzierung nach Art. 91a des Grundgesetzes ersatzlos zu streichen – wie es in der letzten Woche nun auch der baden-württembergische Ministerpräsident eingefordert hat.

Danach ist es um den Elitewettbewerb unter Deutschlands Universitäten still geworden. Nach Einschätzung moderat Hoffnungsvoller soll ihm im Januar 2005 grünes Licht gegeben werden, nach der Befürchtung anderer wird der Wettbewerbsgedanke dahinsiechen, um sodann sang- und klanglos beerdigt zu werden. Das wäre angesichts der so einnehmenden Behauptung der Bundesländer, Hochschulpolitik sei eines ihrer zentralen Gestaltungselemente im Föderalismus, nicht bloß ein erbärmliches Eingeständnis deutscher Schwäche im internationalen Bildungswettbewerb (was trauen wir uns eigentlich noch zu?), sondern darüber hinaus politischer Hochverrat der Bundesländer an ihren Universitäten: Demotivation schwächt Leistungswillen.

Aber nicht verzagen: "Noch ist Polen nicht verloren." Nutzen wir die verbliebene, wenn auch knapp bemessene Zeit, um noch einmal die Grundfrage zu reflektieren: Führt der Weg zu deutschen Eliteuniversitäten in die Irre? Dies soll hier in fünf Abschnitten geschehen: Zunächst wird die universitäre Ausgangslage auszumessen, danach die Frage zu behandeln sein, ob es der Elitegedanke verdient, revitalisiert zu werden. In den beiden nachfolgenden Abschnitten geht es um Eliteforschung und Elitestudien an Universitäten. Und zum Abschluss sollen Organisation und Finanzierung von Eliteuniversitäten gestreift werden.

II.
Die Ausgangslage scheint in Finsternis gehüllt: Wer in der deutschen Wirtschaft eine Topkarriere starten will, darf sich nicht mit dem hausbackenen Diplom einer Universität in Berlin oder Frankfurt begnügen, wirkliche Aussichten verschafft ihm erst ein MBA aus St. Gallen, Fontainebleau oder Wharton. Vergleichbar sieht's bei den internationalen Anwaltssozietäten aus: Mit dem Doktortitel aus Heidelberg oder München hat längst schon der LLM von Harvard, Berkeley, Columbia oder NYU gleichgezogen, wenn dieser nicht sogar wegen des Fachenglischs und seiner Beherrschung vorgezogen wird. Und in den Natur- und Lebenswissenschaften zeugt der Zug deutscher Nachwuchswissenschaftler ins Ausland, bevorzugt in die USA, nach Einschätzung der Politik und der ihr folgenden Medien ("brain drain") von der Unfähigkeit der Universitäten in Deutschland, ihren besten Absolventen attraktive Zukunftsperspektiven zu eröffnen. – Alles in allem ein düsteres Bild von der offenbar mangelnden Leistungsfähigkeit deutscher Universitäten und von ihrer evident fehlenden Leistungsbereitschaft, die sich auch und zuletzt in der Tatsache niederschlägt, dass, wenn schon einmal ein Nobelpreis einem Deutschen zufällt, dieser entweder im Ausland forscht oder an einer außeruniversitären Einrichtung.

Den Grund für diese Misere werden viele in zwei Kennzeichen der deutschen Universitätslandschaft sehen: im Phänomen der anonymen Massenuniversität und in der darauf beruhenden Gleichheit aller Universitäten in Deutschland. In Hörsälen, in denen der Dozent die Studierenden nur noch als konturenlose Masse wahrnimmt, in überfüllten Seminaren lässt sich der einzelne Student mit seinen Anlagen, Fähigkeiten und Neigungen schwerlich erkennen und fördern. Unter solchen Bedingungen machen Studium, aber auch Lehre keinen Spaß, entsteht nicht jenes Engagement aus Freude im Umgang mit den jungen Leuten, das einen amerikanischen Nobelpreisträger im Alter eines deutschen Emeritus flugs nach seiner Ehrung in Heidelberg in die USA zurücktreibt, damit er am Montagmorgen seine Vorlesung in Ithaka fortsetzen kann. Unter den Bedingungen der deutschen Massenuniversität dagegen fungiert Forschung als Labsal und Erholung von den Strapazen einer ungeliebten Lehre mitsamt all' ihren Prüfungen.

Aber dennoch ist das Bild deutscher Universitäten bei genauerem Hinsehen so düster nicht: Trotz massenuniversitärer Ausbildung gelingt es ihnen immer wieder und in bemerkenswerter Zahl, Spitzenbegabungen ins Ausland, namentlich in die USA, zu entsenden, die in internationalen Aufbaustudiengängen die ersten Plätze erobern oder als postdocs in den amerikanischen Spitzenuniversitäten unter allen ausländischen Nachwuchswissenschaftlern das drittgrößte Kontingent stellen. So schlecht kann die Universitätsausbildung in Deutschland offensichtlich doch nicht sein.

Auch in der universitären Einheitssuppe haben sich längst schon, wenn auch weithin unbemerkt, differenzierte Schichtungen abgesetzt. So lassen sich forschungsbetonte Universitäten (20 % der Universitäten erobern 60% der DFG-Gelder) von stärker lehrbezogenen unterscheiden oder regionale von international ausgerichteten. Andererseits stehen binnen-integrierten Volluniversitäten, von denen manche zudem (wie etwa Berlin, Heidelberg und München) mit anderen Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen vielfältig vernetzt sind, Ein-Fach-Hochschulen gegenüber oder Teiluniversitäten (wie zum Beispiel Konstanz oder Paderborn) mit einem nur beschränkten und überdies zuweilen eher zufällig zusammengewürfelten Fächerspektrum. Nicht selten erst angestoßen durch die gesetzliche Vorgabe, Struktur- und Entwicklungspläne aufzustellen, bemühen sich derzeit viele Universitäten darum, ihre Aktivitätsbereiche, ihre Kernkompetenzen (wie vornehmlich die Technischen Universitäten) bewusst zu beschreiben und damit ihr ein wenig verschwommenes Profil so markant zu schärfen, dass sie noch fähiger werden, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen im nationalen Wettbewerb und darüber hinaus auch im europäischen und im internationalen mithalten zu können.

Daraus folgt: die angeblich so verrotteten Universitäten in Deutschland sind längst schon in breiter Front aufgebrochen, um international wieder Anschluss zu gewinnen, sind mittlerweile zu Hoffnungsträgern avanciert. Aus Stagnation gelöst ist die deutsche Universitätslandschaft heftig in Bewegung geraten; Sachkenner sprechen gar von einem Paradigmenwechsel. Daher stellt sich die Frage: Was könnte insoweit der Elitegedanke leisten? Könnte er die deutschen Universitäten oder doch zumindest eine größere Zahl von ihnen auf dem Weg zum Ziel internationaler Vergleichbarkeit beflügeln und befeuern? Lohnt es sich also, den Elitegedanken zu revitalisieren?

III.
An dieser Stelle die Verknüpfung zwischen Elite und Universitäten einstweilen zu lösen, um die verbleibende Zeit mit der Ideengeschichte des Elitebegriffs und seinen vielfältigen Definitionen auszufüllen, dies wäre ein Leichtes, brächte uns jedoch auf dem Hauptweg keinen Meter voran. Deshalb stütze ich mich mit Hubert Markl auf den aus dem Französischen überkommenen Wortsinn. "Danach zählen zu Eliten jene Menschen, die durch besondere Fähigkeiten – vermeintlich oder wirklich – ausgezeichnet gesellschaftliche Anerkennung und gegebenenfalls damit verbundene Vorteile genießen und daher durch Macht, Überzeugungskraft oder als Vorbild Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen nehmen, typische (Entwicklungen) mit gesellschaftlichen Faktoren eng verbunden." Soweit Markl.

1. Vor diesem Hintergrund kommen von den drei Erscheinungsformen der Elite, nämlich der Funktions-, Wert- und Machtelite im Kontext der Universitäten allein die Funktions- und die Wertelite als Leitsterne in Betracht, auf keinen Fall dagegen die Machtelite. Nicht umsonst umrundet das Siegel der Stanford University der Satz "wo der Wind der Freiheit weht" – übrigens in deutsch. Universitäre Machtelite widerspräche dem alle Universitätsangehörige umgreifenden Kollegialitätsprinzip, das sogar im Gewande professioneller Hochschulleitungen nicht aufgegeben werden darf, solange das Ziel verfolgt wird, die einzigartigen Leistungspotenziale innerhalb des bottom up-Systems "Universität" immer wieder zu stimulieren und zu stärken. Vermachtungen würden die deutschen Universitäten aus dem europäischen und dem internationalen Wettbewerb heraus katapultieren; das hat auch die Universität Heidelberg im Dritten Reich bitter erfahren müssen.

2. Zur universitären Funktionselite zählt mithin die Gesamtheit derer, die in ihrem jeweiligen Fachgebiet herausragen – entweder durch eigene hervorragende Leistungen oder (am besten allerdings: und) durch die Koordination fremder Leistungen mit exzellentem Ertrag. Es sind die Besten ihres Fachs: der begnadete Operateur und Klinikchef, der mit seinen Teams wissenschaftlich angeleitet die Operationsmethoden zum Wohle seiner Patienten kontinuierlich zu verbessern sucht; der engagierte Physikochemiker, der mit seinen Arbeitsgruppen in der Grundlagenforschung unter Einbezug der Instrumente und Methoden anderer Disziplinen zu neuen Erkenntnissen vorstößt, die überdies den Charme haben, sich praktisch verwerten zu lassen; oder jener Wirtschaftsrechtler, der den eruptiven Umbruch, den Kapitalmärkte und Internationalisierung bei den kleinen und mittleren Unternehmen hervorrufen, im Zusammenwirken mit den Vertretern anderer Disziplinen in europaweiten Netzwerken wissenschaftlich zu durchdringen und mitzugestalten versucht. – Indes: kann wissenschaftliche Expertise allein Überzeugungskraft entfalten, vorbildlich auf gesellschaftliche Entwicklungen Einfluss nehmen? Offenbar muss noch etwas dazu kommen.

Hören wir noch einmal Hubert Markl mit seiner Rede vor dem Bremer Tabakskollegium 1988: "Erst wenn der Erfolg einer Elite zum dauerhaften Erfolg der Gemeinschaft beiträgt, aus der sie hervorgeht, kann sie sich wirklich ihres Ranges rühmen." Oder knapper: "Es ist für alle vorteilhaft, wenn die Eliten ihren Vorteil nicht auf Kosten, sondern zum Nutzen anderer suchen." Also: wahre Elite erfordert ein hinreichendes Maß Altruismus, erfordert wertbezogenes Handeln, das seine Folgen in der Gesellschaft mitbedenkt (Bundesverfassungsgericht). Eine Funktionselite wird bloß dann als Elite wahrgenommen, wenn sie zugleich als Wertelite erscheint. Kenner der Universitäten, ihrer Fakultäten und Institute werden es bestätigen: Fachliche Exzellenz des Einzelnen gepaart mit intellektueller Rechtschaffenheit (J. Limbach) allein genügen nicht; erst wenn diese zugleich dem Institut, der Fakultät oder gar der Universität zugute kommen, deren Ruf mehren, strahlt das so mitbegründete Ansehen zurück auf den Einzelnen und lässt ihn zum Teilhaber einer Elite werden. Es sind die Werte, die eine Universität aus ihrer Grundidee, aus ihrer Tradition, aus dem Großen der Vergangenheit heraus in der Gegenwart verkörpert, die aus bestimmten Universitätsangehörigen eine Elite formen helfen können, diesen Angehörigen in der Gesellschaft Ausstrahlung verleihen, weil ihr Tun dieser und ihrem Wohl dient. Oder mit der Formel des Humboldt-Präsidenten Mlynek: Name und Nimbus einer Universität müssen fortwährend mit neuem Leben beseelt werden, damit Eliten entstehen und wachsen.

3. Ziel sollte es nach allem im Hochschulbereich sein, Werte-basierte Funktionseliten heranbilden zu können – dies gewiss nicht flächendeckend in allen Hochschulen der Republik, aber doch unter Rahmenbedingungen, die es jenen Universitäten und Hochschulen frei stellen, die dafür gute Voraussetzungen aufweisen, die es sich zutrauen, ein solches Ziel zu erreichen. Anderen Hochschulen, ihren Präsidenten und Rektoren mag es dann unbenommen bleiben, Eliteorientierung mit der Begründung abzulehnen, jene führe unvermeidbar zur Privilegierung und sozialen Absonderung, zur Eitelkeit, sich zu einer nicht näher definierten Elite zählen zu wollen, die nur allzu leicht in geistige Trägheit und blasierte Überheblichkeit entarten könne (G. Schwan).

Ohne die Gefahren einer Elite-Orientierung bagatellisieren zu wollen, sollten diese Hochschulen, die den Elitegedanken umsetzen wollen, sich nicht entmutigen lassen. Denn gegenseitiger Beobachtung, Kontrolle und Kritik vielfältig ausgesetzt werden sich nur jene Universitäten nicht lächerlich machen, sondern Respekt, Anerkennung und Ansehen unter ihresgleichen im Lande und darüber hinaus erwerben, deren Leistungsträger "klug" handeln: mit intellektuellem Mut aus Urteilsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein in Mäßigung. Wer statt auf Elite auf Spitzenleistungen setzt, verkennt das Gemeinschaftliche des Elitegedankens und seinen Gemeinschaftsbezug.

Der Kritik am Gedanken der Eliteuniversitäten in Deutschland lässt sich vor allem jedoch mit den gesammelten Erfahrungen widersprechen: Die Abkehr von diesem Gedanken hat uns über mehrere Jahrzehnte hinweg bloß graues Mittelmaß beschert (unter den 50 angesehensten Universitäten weltweit findet sich nur einmal eine deutsche), hat keineswegs die Zahl derer markant erhöht, die aus "unterprivilegierten" Familien stammend ein Studium aufnehmen (im Gegensatz zu anderen vor Deutschland liegenden Staaten), hat zu einem großen (und völlig unverdienten) Ansehensverlust der deutschen Wissenschaft geführt und hat schließlich die Position deutscher Hochschulen im europäischen und internationalen Wettbewerb enorm geschwächt: Wir können es uns wahrhaft nicht länger leisten, deutsche Steuergelder ohne Sinn und Verstand zu verbrennen – so, wie dies erneut mit der flächendeckend obligatorischen Akkreditierung der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge zu geschehen droht. Statt dessen akkreditiere man die Universität Heidelberg; alles Weitere folgt aus Erfahrung und Verantwortung.

4. Somit kann die Ausgangsfrage bereits an dieser Stelle klar und eindeutig beantwortet werden: Es beschreitet keineswegs einen Irrweg, wer für Eliteuniversitäten auch in Deutschland streitet. Ganz im Gegenteil: nur wenn sich hierzulande eine Mindestzahl von Hochschulen, insbesondere von Universitäten zum Elitegedanken bekennt und sich an ihm ausrichtet, haben die deutschen Hochschulen in ihrer Gesamtheit die Chance, im internationalen Bildungswettbewerb aufzuschließen, mitzuhalten und sich in diesem Wettbewerb zu behaupten. Ohne Flaggschiffe kommt die ganze Flotte nicht in Fahrt. Denn nur in ihrem in hoher Fahrtstufe sich sprudelnd aufbäumenden Kielwasser haben die deutschen Hochschulen insgesamt die Chance, international wahr- und ernstgenommen zu werden – so wie die Gesamtheit der amerikanischen. Konsequent müssten auch jene Länderwissenschaftsminister, die primär auf einzelne Fachbereiche oder Institute als Exzellenzgeneratoren setzen, die Existenz von Eliteuniversitäten und anderen Elitehochschulen akzeptieren. Denn allein im Konvoi mit den Flaggschiffen haben spritzige Kleineinheiten Chance auf international visibility, auf Strahlkraft in der Welt – oder wissenschaftspolitisch mit Max Einhäupl formuliert: Qualitätskonzentration wirkt selbstverstärkend.

Allerdings ist es mit diesem Bekenntnis zum Elitegedanken allein nicht getan; er muss (wenn schon nicht für alle Hochschularten, so doch an dieser Stelle zumindest) für die Universitäten näher entfaltet und konkretisiert werden: zunächst für die Forschung und für die Lehre und sodann für die Organisation von Eliteuniversitäten und für ihre Ressourcen.

IV.
Forschung verschafft Ansehen – vor allem, wenn sie medial publiziert durch einen Innovationspreis des Bundespräsidenten, einen Max-Planck-, Lautenschläger-, Leibniz- oder gar durch einen Nobelpreis ausgezeichnet wird und über die Person des Preisträgers hinaus der Institution, der dieser angehört, Ansehen verleiht – insbesondere, wenn dies wiederholt geschieht: Große Forschungspreise sind die wahren Elitegeneratoren; keine Universität verzichtet darauf, sich ihrer Nobelpreisträger zu rühmen: weder Heidelberg, noch Würzburg, weder Berlin, noch München.

1. Welches aber sind die Rahmenbedingungen für Preis-trächtige Universitätsforschung? Um sie zu bestimmen, bedarf es nicht unbedingt des sehnsuchtsvollen Blicks in die Vereinigten Staaten; schon der auf die außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Deutschland, auf die Max-Planck- und die Fraunhofer-Institute oder auf die Zentren der Helmholtz-Gemeinschaft liefert hinreichenden Aufschluss: Hier können sich die Wissenschaftler ganz auf die Forschung konzentrieren, werden nicht durch überbordende Lehr- und Prüfungsverpflichtungen belastet, erfahren in der Verwaltung ihrer reichlich bemessenen Ressourcen weitgehende Entlastung durch eine professionelle Administration und können großzügig sowohl Stipendien, als auch Forschungs- und Kongressreisen finanzieren. Diese Forschungseinrichtungen sind auf internationalem Spielfeld aufgestellt; ihre Wettbewerber sind die berühmten Universitäten und anderen Einrichtungen rund um den Erdball. Die meisten Nobelpreise, die Forscher in Deutschland in den letzten Jahrzehnten erringen konnten, haben Angehörige dieser Institutionen eingeheimst.

Forschungsförderung für Eliteuniversitäten: Sollte sie sich an der außeruniversitärer Einrichtungen orientieren? Ja und nein. Beginnen wir mit dem Geld: Universitätsforschung muss (vor allem auf dem Weg über die Deutsche Forschungsgemeinschaft) deutlich besser finanziert werden; wie dramatisch sich die Verhältnisse im Verlaufe der Zeit zu Lasten der Universitäten verschoben haben, demonstriert ein Prozentvergleich: 45 % Universitätsanteil bei der öffentlichen Forschungsfinanzierung stehen 55 % Anteil der Außeruniversitären gegenüber. Bei der apparativen und personellen Ausstattung der Forschungsplätze wollen die Universitäten ebenso auf Augenhöhe mithalten können wie bei der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses durch Stipendien und Stellen. Den notwendigen Aufwuchs müssen die Bundesländer ihren Universitäten finanzieren. Vor diesem Hintergrund wäre der Länderausstieg aus der Kofinanzierung des Art. 91a Grundgesetz, also der Verzicht auf Bundesgeld, nur als Holzweg zurück zum (Nord-) Deutschen Bund vor 1871 zu qualifizieren. Finanzpolitisch ist aber leider auch dem Hochschul-stolzen Landesvater zu widersprechen: Zu einer vollständigen, dauerhaften und dynamischen Verlagerung der Bundesmittel für den Hochschulbau auf die Länder würde es bei reinlicher Kompetenzabgrenzung, so steht zu befürchten, schon deshalb nicht kommen, weil dieser Betrag verrechnet würde mit den Einsparungen der Länder bei der bisherigen Kofinanzierung der Max-Planck-Gesellschaft und der Helmholtz-Gemeinschaft. – Zurück zu den außeruniversitären Forschungseinrichtungen: Beispielhaft ist ihre Administration; deshalb sollten sich die Universitäten, vor allem die Forschungs-orientierten nach und mit eigenen Kräften darum bemühen, ihre Wissenschaftler vom Professor bis zum Doktoranden noch viel stärker von Verwaltungsaufgaben zu entlasten.

Grundsätzlich keine Entlastung sollten dagegen Universitätslehrer im Bereich Lehre und Prüfung erfahren. Denn darin liegt der spezifische Wettbewerbsvorteil der Universitäten gegenüber den Außeruniversitären: der Umgang mit den Studierenden von Anfang an, ihre Motivation, ja: Begeisterung zu wissenschaftlichem Arbeiten, das Erkennen und Fördern der besonders Begabten, ihre Überleitung zum wissenschaftlichen Nachwuchs. Wer an dieser Aufgabe als Wissenschaftler nicht seine helle Freude hat, wechselt besser an eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung. An Universitäten, auch an Forschungs-orientierten, darf es keine reinen Forschungsprofessuren geben. Freilich – das waren Überlegungen zum Grundsatz; zur Überlast in Lehre und Prüfung, an die sich Wissenschafts- und Finanzminister einträchtig gewöhnt haben, wenig später näher.

2. Eine durchgreifend verstärkte Finanzierung universitärer Forschung: wer soll das bei 100 Universitäten in Deutschland bezahlen? Gewiss keine gleichmäßige Verstärkung nach dem Gießkannenprinzip, durchaus aber gleiche Chancen für alle Universitäten im Wettbewerb um die aufgestockten Forschungsgelder – also gerade so, wie es der zwischen den Wissenschaftsministern vereinbarte Elitewettbewerb vorsieht. Allerdings sollte man sich keinen Illusionen hingeben: Wenn bisher schon bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft 20 Universitäten die Masse der Forschungsgelder auf sich vereinigen, dann wird es auch künftig bei einem Wettbewerb um verstärkte Forschungsgelder eine kleinere Zahl von Empfängerinstitutionen geben und eine größere Zahl von Universitäten, die wenig oder nichts bekommen.

3. In der Tat wird der Abschied von der scheinbaren Gleichheit aller Universitäten in Deutschland wohl eine der wesentlichen Konsequenzen aus dem Elitewettbewerb sein. Aber ohne das auch politisch breit abgesicherte Bekenntnis zu Differenzierungen haben die deutschen Universitäten insgesamt, hat das deutsche Hochschulsystem keine Chance, im internationalen Bildungswettbewerb Boden gut zu machen. Andererseits bedeutet Differenzierung keineswegs, dass Universitäten, die nicht zu den elitären gehören, minderwertig wären. Sie können ihre Stärken anderweit ausbilden und herausstellen. Um das an einem Beispiel zu verdeutlichen: Deutschland braucht gute Richter und Rechtsanwälte auch für das Massengeschäft der familienrechtlichen Prozesse, der Mietstreitigkeiten und des Verbraucherschutzes – alles ohne internationalen Bezug. Für die Rechtspflege in diesem Bereich ist vollständig ungeeignet, wer die Feinheiten der international corporate finance beherrscht und seinem Verhandlungspartner in New York in geschliffenem Englisch Paroli bieten kann. Generalisierend: unverändert braucht es in Deutschland eine akademische Breitenausbildung auf hohem Niveau.

Andererseits wird Differenzierung unter den Universitäten mit dem Ziel erforderlich werden, die staatlichen Ressourcen noch Effekt-voller zu fokussieren. Muss nicht auch in der Verbindung zwischen Forschung und Lehre bei den einzelnen Universitäten unterschieden werden? Um diese Frage anhand der Medizin zu exemplifizieren: Sollte es nicht Universitäten samt Universitätsklinika geben, die sich vordringlich auf die wissenschaftlich fundierte Ausbildung der jungen Mediziner konzentrieren und Forschung begrenzt in dem Umfang betreiben, wie sie für die Ausbildung vorzüglicher Praktiker erforderlich ist, also nicht Forschung um der Forschung willen? Aber mit dieser Frage, die zu neuen innovativen Lösungen führen könnte, muss es an dieser Stelle sein Bewenden haben.

V.
Kommen wir zur Lehre: Sie genießt kein Ansehen, verschafft dem Wissenschaftler im Gegensatz zur Forschung kaum Renommee im Kreis seiner Fachgenossen. An alledem haben auch die hier und dort ausgelobten Lehrpreise nichts Entscheidendes ändern können. Indes – hier gilt es, mit geschärftem Blick zu schauen – gerade um der Eliteuniversitäten willen. Denn wo finden nach Einschätzung der Öffentlichkeit Elitestudien statt? in Deutschland an der European Business School in Reinhartshausen oder in Koblenz/Vallendar oder an der Bucerius Law School in Hamburg und im Ausland etwa in Fontainebleau oder an den Grandes Écoles in Frankreich – sämtlich Einrichtungen, die nicht mit ihren Forschungen Ruhm erworben haben. Daraus folgt: Eliteuniversitäten können sich auch über die Lehre qualifizieren; es sind ihre Lehrbedingungen, die den Elitestatus begründen, nicht die Forschung.

1. Im Zentrum solch' elitärer Lehrbedingungen stehen geringe Studierendenzahlen im Verhältnis zum einzelnen Dozenten, die berühmt-berüchtigte Betreuungsrelation. Wenn der Hochschullehrer nur einer Gruppe von 20 – 30 Studierenden gegenübertritt, dann ergeben sich ganz selbstverständlich vollständig andere Lehr- und Lernbedingungen als in einer Vorlesung oder Übung mit 300 – 400 Teilnehmern – einer anonymen Masse, aus der sogar didaktische Genies nur einige Wenige zum aktiven Mitmachen, zum Gespräch stimulieren können. In kleinen Universitäts-Kursen dagegen mündet das zunächst vom Dozenten initiierte und auf ihn bezogene Gespräch sehr bald in einen Diskurs unter allen Studierenden aus. Bis zu 30 Namen lassen sich leicht memorieren, erlauben persönliche Ansprache, Ansprache der Lücken und Schwächen und vermitteln dem Dozenten sehr schnell das Gefühl seiner Mitverantwortung für den Erfolg oder Misserfolg seiner einzelnen Studenten. Über deren Leistungen und Erfolge wird er sich dann ebenso von Herzen freuen wie über die Misserfolge ärgern. Unter solchen Lehr- und Lernbedingungen wäre es für die Dozenten eine berufliche Katastrophe, für die Hochschulleitung überdies Anlass zum harten Durchgreifen, wenn in den Abschlussexamina zwischen 25 und 35 % der Teilnehmer Jahr für Jahr durchfielen. In den juristischen Staatsexamina ist dies seit Jahrzehnten die allseits klaglos akzeptierte Normalität. Wenn das schon das Selbstverständnis der Hochschullehrer nicht sonderlich tangiert, dann sollten sich wenigstens die Steuerzahler aufregen, mit welcher Chuzpe Jurafakultäten und staatliche Prüfungsämter in trauter Eintracht Steuergeld vergeuden.

Elitestudiengänge erfordern also ein hohes Betreuungsverhältnis von eins zu vier bis eins zu sechs. Alles Weitere ergibt sich sodann nahezu von selbst: die Auswahl der besten Studierenden und die Konzentration auf sie; straff durchorganisierte Curricula mit sinnvoll eingebauten Praxis- und Auslandsmodulen; kontinuierliche Rückkoppelung und gegebenenfalls Nachsteuerung der studentischen Leistungen; und für die Zeit nach dem Studium: career services und Alumni-Netzwerke – old boys and girls-networks, der (nach Einschätzung der Beteiligten) wohl größte Vorteil von Elitestudien in Eliteeinheiten. Die ENA-Absolventen an den Schalthebeln Frankreichs sind nur eines von vermehrbaren Beispielen.

2. Können deutsche Universitäten in einem solchen Wettstreit überhaupt mithalten? Konzeptionell allemal; denn sie verfügen im Vergleich zur Masse der kleinen Eliteschulen über strukturelle Vorteile, die sie allerdings beherzt ausspielen müssen, aber auch ausspielen können müssen: der erste Vorteil liegt in der Verbindung von Forschung und Lehre, der zweite in der Interdisziplinarität, die schon während des Studiums eingeübt werden kann, und der dritte Vorteil liegt im wissenschaftlichen und so wissenschafts-basiert ausgebildeten Nachwuchs. Wo sind dagegen die Forschungserfolge in Koblenz-Vallendar, der European Business School, der Bucerius Law School oder in Witten-Herdecke? wo sind ihre doctores? wo ihre Habilitierten?

An diesen strukturellen Vorteilen müssen sich jene Universitäten ausrichten, die mit Eliteanspruch auch ihre Studiengänge als Elitestudien konzipieren und organisieren wollen. Die neue Bachelor-/Masterstruktur würde es durchaus erlauben, ja sogar nahelegen, Elitestudiengänge zu konzipieren – in Heidelberg etwa einen Bachelor/Masterstudiengang "Angewandte Informatik", der hochbegabte und vorzüglich in diesem Gebiet vorgebildete junge Leute hinführt zu einem der Exzellenzzentren der Ruprecht-Karls-Universität, zum "Institut für Wissenschaftliches Rechnen". Allerdings erfordert ein solcher Elitestudiengang Rahmenbedingungen, die noch nicht sämtlich sichergestellt sind: (geringe) Mittel, damit die Professoren und Dozenten in den Schulen der Region und weit darüber hinaus für einen solchen Studiengang werben können; Eignungsfeststellungs- und Auswahlverfahren schon für den Bachelor-Studiengang mit akzeptiert hohen Eingangsschwellen; kleine "Klassen", die auch dann nicht mit weniger Geeigneten zwangsweise aufgefüllt werden, wenn die Kapazitäten nicht vollständig ausgelastet sind; Übergang in die Masterphase allein für die wirklich Geeigneten, also keine staatlich vorgegebenen Verhältniszahlen nach dem Motto: "mindestens 50, aber höchstens 70 % der erfolgreichen Bachelorabsolventen müssen in die Masterphase übernommen werden."

3. Damit wird erneut deutlich: Im Mittelpunkt des Problems und seiner Bewältigung steht die Betreuungsrelation, das Zahlenverhältnis von Studenten zu Dozenten. Ohne durchgreifende Verbesserungen an dieser zentralen Stelle bleiben Eignungsfeststellungs- und Auswahlverfahren in gleicher Weise bloßes Randwerk wie die neue Studiengangsstruktur, Zwischenprüfungen und Beratungsstunden. Ebenso wird der Zuruf an die Professoren in Massenuniversitäten verhallen, sie sollten sich ("verdammt noch mal") intensiver um ihre Studenten kümmern, Freude daran finden, den wissenschaftlichen Nachwuchs auszubilden und zu pflegen. Indes – unter den Bedingungen der Massenuniversität wird es zu keinem Mentalitätswandel kommen, nicht zu einer Motivation wie der des vorhin erwähnten Nobelpreisträgers.

Warum, so wird jetzt mancher ungeduldig fragen, warum wird denn die Betreuungsrelation nicht durchgreifend verbessert? Lassen sich die Verhältnisse nicht mit einem Federstrich optimieren? Das geht schon deshalb nicht, weil über die Betreuungsrelation nicht die Wissenschaftsminister allein entscheiden, sondern nur zusammen mit dem Finanzminister, wenn dieser nicht überhaupt die Federführung hat. Denn mit der Betreuungsrelation wird festgelegt, welche Leistungen der Staat von seinen Hochschulen für welche Ressourcenzuteilung erwartet; es geht mit anderen Worten um den return of investment. Diese Leistungen werden freilich in der Lehre primär und nahezu ausschließlich quantitativ bemessen (zum Beispiel: "bei 20 Professoren 3.000 Studierende") und allenfalls ergänzend grob qualitativ ("wieviele Studienanfänger haben das Examen überhaupt geschafft?"). Vor diesem Hintergrund versteht es sich, dass der Staat schon aus politischen, dann aber auch aus verfassungsrechtlichen Gründen (Berufsfreiheit) nicht flächendeckend zu kleinen "Kursen" an den Universitäten, zur Kleingruppen-Ausbildung übergehen kann. Denn der Abbau von Studienplätzen wäre gigantisch und vollständig inakzeptabel.

4. Wie aber soll unter diesen Umständen die Betreuungsrelation auf Elitestudiengänge ausgerichtet werden können? Nun: wenn schon nicht flächendeckend, dann wenigstens punktuell. Den einzelnen Universitäten muss die Freiheit gewährt werden, Elitestudiengänge mit angemessener Betreuungsrelation unter zu definierenden Bedingungen einzurichten. Davon muss gegebenenfalls auch das Bundesverfassungsgericht überzeugt werden. Und die zusätzliche Finanzierung? momentan wohl nur aus Spendenmitteln der Wirtschaft und von anderen Dritten; danach kämen Studiengangs-bezogene Studienbeiträge der Studierenden und Stipendien Dritter in Betracht. Und schließlich könnten sich auch die Bundesländer entschließen, eine bestimmte Zahl von Elitestudiengängen zu finanzieren; die Mittel hierfür müssten den Universitäten als Wettbewerbspreis ausgelobt werden.

Ein so konzipierter Einstieg in universitäre Elitestudiengänge wäre mit einer ganzen Reihe von Vorteilen verbunden, die heute bloß punktiert werden können: Erprobung von Elitestudiengängen, ihrer Vorraussetzungen und Auswirkungen, insbesondere auf das Verhalten der Lernenden, aber auch der Lehrenden; Verknüpfung der Elitestudiengänge mit strukturierten Promotionsprogrammen; Beginn des Wettbewerbs mit Eliteschulen im In- und Ausland auf gleicher Augenhöhe (mit der Bucerius Law School die Kräfte zu messen, würde gewiss manchen Juraprofessor in Heidelberg beflügeln); Aufbau und Implementierung von Elitenetzwerken; Kosten- und (qualitative) Ertragserprobungen.

Nicht zuletzt wäre der punktuelle Einstieg in Elitestudiengänge an staatlichen Universitäten überdies dringend geboten, um ein Gegengewicht gegen den politischen Trend zu setzen, bei abnehmenden Finanzmittelzuweisungen die Zahl der Studierenden noch weiter zu erhöhen, die Akademisierung voranzutreiben. Zunehmender Vermassung muss in Deutschland zumindest partiell der Elitegedanke auch für das Studium entgegengesetzt werden können.

VI.
Zum Abschluss noch einige wenige Überlegungen zur Organisation von Eliteuniversitäten und zu ihrer Finanzierung.

1. Das Konzept der Eliteuniversitäten mit Eliteforschung und Elitestudien stößt nicht zuletzt deshalb auf ausgeprägte Reserve und Vorbehalte in der breiten Öffentlichkeit, weil viele in ihm ein Attentat auf das Prinzip von der Gleichheit aller Universitäten sehen und mit allem Nachdruck für die égalité universitaire eintreten. Aber bei genauerem Hinsehen hat sich die deutsche Universitätslandschaft, wie vorhin dargelegt, schon längst vielfältig ausdifferenziert – wenn auch bislang eher unbemerkt als gezielt angesteuert.

Und weiter: diese Einheits-averse Vielfalt in der deutschen Hochschullandschaft ist lediglich der Zwischenbefund in einem wissenschaftspolitischen Prozess, den die Wissenschaftsministerien der Länder und des Bundes intensiv mit der Aufforderung stimulieren, im Wettbewerb der Bildungseinrichtungen je eigenständige Profile auszubilden. Zu solchen Differenzierungen im Wettbewerb gehört dann auch die zwischen jenen Universitäten, die sich um den Status einer Eliteuniversität im europa- und weltweiten Wettbewerb bemühen, und jenen anderen, die ihr Profil betont in Richtung Breitenausbildung ausformen.

2. Als Eliteeinrichtungen werden weltweit wahrgenommen nur die Universitäten als Ganzes, nicht ihre einzelnen Fakultäten oder Universitätsinstitute, wenn auch auf diesen in ihrer Summe Ruf und Ansehen der Universität beruhen. Man spricht von Oxford, Cambridge und vor allem Harvard, aber nicht von der Harvard Medical School oder der Kennedy School for Governance. Wenn aber nur Universitäten die Aussicht haben, im weltweiten Elitewettbewerb mitzuspielen, dann müssen die deutschen noch viel stärker als bisher geschehen mit den sie umgebenden außeruniversitären Forschungseinrichtungen auf vielen Ebenen kooperieren. Denn allein mit Hilfe der zusammengefassten Leistungspotentiale hat Deutschland in mittlerer Sicht eine Chance, in den Kreis der internationalen Wettbewerber vorzustoßen, in der Champions-League "mitzumischen". Es müssen Forscher- und Forschungsverbünde zwischen Universitäten auf der einen Seite und den Max-Planck-, Helmholtz-, Fraunhofer- und Leibnizeinrichtungen auf der anderen noch viel intensiver vorangebracht werden, gemeinsame Arbeitsgruppen aus Nachwuchswissenschaftlern und Promotionskollegs, aber (gewiss sehr behutsam und überlegt) wohl auch gemeinsame Masterprogramme in noch zu definierenden Bereichen.

Auf diese Weise wird nicht bloß die Ertragskraft deutscher Steuergelder optimiert. Vor allem werden im abgestimmten Zusammenwirken der jeweiligen Stärken bislang brachliegende Synergiepotentiale erschlossen: Interdisziplinär orientierte Universitäten verbinden sich mit hochspezialisierten Einrichtungen außeruniversitärer Forschung zum Vorteil der Forscher, des wissenschaftlichen Nachwuchses und der Allgemeinheit. Damit wird zugleich wenigstens teilweise jene Zersplitterung aufgehoben, die das deutsche Forschungspotential im internationalen Wettbewerb benachteiligt. Und die Universitäten in Deutschland werden vor der Gefahr bewahrt, zu bloßen Lehranstalten nach sowjetischem Vorbild zu degenerieren, während die Forschung in außeruniversitären Akademien zusammengefasst wird.

3. Würdigen kann und sollte man diese Kooperationen zwischen Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen schließlich unter finanziellen Aspekten. Die Bundesländer wären gar nicht der Lage, breitflächig jene Ressourcen zur Verfügung zu stellen, die eine größere Zahl von Universitäten braucht, um sich für den internationalen Wettbewerb zu rüsten. Nach der jüngsten Prognos-Studie werden je Universität mehr als 100 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich benötigt; in Baden-Württemberg müsste der Jahresetat des Wissenschaftsministers mithin um deutlich mehr als eine halbe Milliarde Euro aufgestockt werden. Auch aus diesem Grunde ist das Leistungspotential der außeruniversitären Forschungseinrichtungen ebenso unverzichtbar wie der von der Bundesregierung ausgerufene und hoffentlich sehr bald auch in den Konsens der Länder eingebundene Elitewettbewerb der deutschen Universitäten. Seine Ergebnisse versprechen nämlich Aufschluss darüber, in welche Universitäten zu investieren sich lohnt, um in die Europa- und Weltliga aufzuschließen. Ohne zusätzliche Ressourcen wird ein solcher Vorstoß freilich selbst dann nicht gelingen, wenn außeruniversitäre Leistungspotentiale hinzukommen. In der Wissenschaft ist es wie in der Wirtschaft: erfolgreiche Marktakteure brauchen Geld, immer mehr Geld. Deshalb wird die Entscheidung jedes einzelnen Bundeslandes, ob und wieviele Champions es sich unter seinen im Elitewettbewerb erfolgreichen Universitäten leisten will, eine der wesentlichen wissenschafts- und finanzpolitischen Weichenstellungen der nächsten Jahre sein. Dabei sollte man sich in der Politik keinen Illusionen hingeben: Die hier eingeforderte Wettbewerbsfähigkeit deutscher Universitäten kann und darf nicht in der Hauptsache aus Studiengebühren finanziert werden; sie können die notwendige Verstärkung der Finanzmittel allenfalls abrunden.

Damit sind wir bei jenen Verantwortungsträgern angelangt, deren Entscheidungen für den Gedanken "Eliteuniversitäten in Deutschland" neben der des Wissenschaftsministers von ganz wesentlichem Gewicht sind: beim Finanzminister innerhalb der Landesregierung und bei den Haushältern im Landtag. Gerade in Baden-Württemberg mit der Vielzahl seiner hervorragend platzierten Universitäten müssen wir auch sie dafür gewinnen, alle Chancen, die die Universitäten ihrem Land so reichlich bieten, beherzt zu nutzen. Im Interesse des gesamten Landes.

VII.
Und welchen Nutzen hätten die Angehörigen vom Erfolg ihrer Universität im Elitewettbewerb? Nach meiner festen Überzeugung alle in reichem Maße: die Studierenden hätten in kleineren Kursen ein rundum besseres Lernklima und durchweg mehr Freude am Studium, hätten bessere Möglichkeiten des internationalen Austauschs und insgesamt bessere Chancen, insbesondere bessere Startbedingungen im Beruf. Letzteres gilt in gleicher Weise für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Schließlich die Professoren: welche Vorteile mögen sie ziehen? Sie könnten sich auf ihre Kernaufgaben in Forschung, Lehre und Begleitung des wissenschaftlichen Nachwuchses konzentrieren, wären für ihre Studierenden attraktiver, könnten leichter internationale Doktoranden gewinnen und hätten noch bessere Chancen, ihre Schüler zu platzieren. In der Forschung hätten sie als Angehörige einer siegreichen Eliteuniversität spürbar verbesserten Zugang zu internationalen Ansprechpartnern, aber auch zu Subsidien aus öffentlicher oder privater Hand.

Kurzum: mit einem Sieg im Elitewettbewerb würden wir allesamt gewinnen. Deshalb sollten wir, die Angehörigen der Ruperto Carola, uns gemeinsam mit allen Kräften darum bemühen, den Sieg davonzutragen.

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
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