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7. Oktober 2004

Sprache der Troubadoure gerät in Vergessenheit

Führende Kultursprache des Mittelalters akut vom Aussterben bedroht – Forschungsstelle "Altokzitanisches und Altgaskognisches Wörterbuch" der Heidelberger Akademie der Wissenschaften stellt aus – Universitätsbibliothek Heidelberg ab dem 20. Oktober, Montag bis Freitag von 8.30 bis 22 Uhr, samstags von 9 bis 19 Uhr

Gotischer Pfeilersaal auf Burg Quéribus

Gotischer Pfeilersaal auf Burg Quéribus – der letzten Bastion des Katharerwiderstands (eingeblendet: Handschrift mit einem Katharer-Ritual auf Okzitanisch 13. Jhd.). Von den Höfen Okzitaniens aus fanden die kunstvollen Gesänge der Troubadoure rasch in ganz Europa Verbreitung.


Jeden Sommer fallen Heerscharen von Touristen in den "Midi", den sonnigen Südwesten Frankreichs, ein. Doch kaum einer von ihnen nimmt diese Region in ihrer enormen kulturgeschichtlichen Bedeutung wahr. Selbst wer nach ihr sucht, tut sich damit von Jahr zu Jahr schwerer. Das hier früher vorherrschende Okzitanisch ist auf dem Rückzug. Nur noch zwei Millionen aktive Sprecher gibt es. Und auch von diesen sind die meisten fortgeschrittenen Alters, leben abgeschieden auf den Lande. "Trotz einiger Lockerungen in der französischen Schul- und Kulturpolitik zur Verbesserung der Stellung dieser alten Sprache schwindet die Bedeutung des Okzitanischen immer drastischer", so Dr. Nicoline Winkler. "Was heute kaum mehr jemand weiß, ist, dass das Okzitanische einst die führende Kultursprache Europas war. Von ihr gingen im Mittelalter die entscheidenden Impulse in fast allen Bereichen aus!"

Satan schickt seine Dämonen aus

"Satan schickt seine Dämonen aus, um die Liebhaber zu verschwenderischen Gelagen und unzüchtigen Umwerbungen der Damen zu verleiten." Aus dem Bilderzyklus des Breviari d'Amor von Matfré Ermengaud, einem 34.000 Verse umfassenden Lehrgedicht. (14. Jhd.)


Mit einer kleinen Ausstellung im ersten Stock der Heidelberger Universitätsbibliothek wollen Winkler und Tiana Shabafrouz von der Forschungsstelle "Altokzitanisches und Altgaskognisches Wörterbuch" der Heidelberger Akademie der Wissenschaften an die Blütezeit der okzitanischen Kultur erinnern. Vergleichbar dem Französischen, entwickelte sich das Okzitanische aus dem Vulgärlatein. Soldaten und Händler brachten es um das Jahr 150 n. Chr. in die Region. Die frühere und intensivere Romanisierung der südlichen Provinzen führte aber dazu, dass sich hier ganz andere Sprachformen ausbildeten als im übrigen Gallien. Die große Stunde des Okzitanischen schlug im Mittelalter. Nach dem Untergang der antiken Literaturen wurde es als erste Volkssprache für die Poesie entdeckt: "Wir können uns seine Bedeutung heute kaum noch vorstellen. Katalanen, Italiener und Franzosen ahmten die Troubadoure und ihren kunstvollen Duktus nach. Aber auch die deutschen Minnesänger wären ohne ihre okzitanischen Vorbilder gar nicht denkbar", so Winkler.

Weshalb es zu diesem enormen Aufschwung des Okzitanischen kam, ist bis heute nicht restlos aufgeklärt. Neben der Nähe der arabischen Hochkultur in Spanien, einem durch lange Friedenszeiten erstarkten Bürgertum, könnte es der kulturfördernden Haltung des Adels zu danken sein. Um 1100 beginnt die Troubadourlyrik mit Wilhelm IX., Herzog von Aquitanien. Er steht am Anfang einer ganze Reihe von berühmten Dichtersängern. Diese Liebesdichtung beeindruckte etwa den jungen Dante so sehr, dass er das Okzitanische vor seinen Schwestersprachen Französisch und Italienisch als die "vollkommenere und süßere Sprache" rühmte. Die okzitanischen Kanzonen und feingeschliffenen Gedichte werden schon bald überall vorgetragen und imitiert. Mit ihnen verbreitet sich in wenigen Jahrzehnten eine verfeinerte, bewusst der Kunst zugewandte Lebensart an den Höfen Europas.

Doch so fulminant der Aufstieg, rund 200 Jahre später beginnt der kaum weniger rasante Niedergang der gesamten Region – und damit auch des Okzitanischen als Hochsprache. Der ungewöhnlich grausame Kreuzzug gegen die Albigenser, der einflussreichsten Katharersekte, läutet ihr Ende ein. Der französische König nutzt den 1209 von Papst Innozenz III. ausgerufenen Religionskrieg und annektiert kurzerhand weite Teile des militärisch geschwächten Südens. 1229 muss sich dieser den Invasoren aus Paris geschlagen geben. "Die Arbeit an dem immer noch auf dem Rückzug befindlichen Okzitanischen gehört heute zu einer der dringlichsten Aufgaben der Sprachwissenschaft", ist sich Winkler sicher.

Die Ausstellung ist im ersten Stock der Universitätsbibliothek Heidelberg ab dem 20. Oktober, Montag bis Freitag von 8.30 bis 22 Uhr sowie samstags von 9 bis 19 Uhr zu sehen. In drei Vitrinen sind Faksimiles alter Handschriften, mittelalterliche Stadtansichten und Urkunden sowie Nachbauten von Musikinstrumenten aus der Zeit der Troubadours zu sehen. An Textbeispielen wird überdies die Arbeit des Wörterbuchprojekts verdeutlicht.

Rückfragen bitte an
Dr. Johannes Schnurr
Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
der Heidelberger Akademie der Wissenschaften
Tel. 06221 54 34 00, Fax 06221 54 33 55
johannes.schnurr@urz.uni-heidelberg.de

oder
Dr. Nicoline Winkler
Forschungsstellenleiterin
Altokzitanisches und Altgaskognisches Wörterbuch
Tel. 06221 54 31 56
daodag@urz.uni-heidelberg.de

Allgemeine Rückfragen von Journalisten auch an:
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
http://www.uni-heidelberg.de/presse

und
Irene Thewalt
Pressestelle der Universität
Tel. 542311
presse@rektorat.uni-heidelberg.de


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