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30. Oktober 2004

Der Schatz liegt im dunkelsten Dunkel

Schemenhafte Traumreise: 11. Heidelberger Poetik-Dozentur mit Patrick Roth in der Alten Aula eröffnet

Patrick Roth in Heidelberg

Patrick Roth in Heidelberg. Foto: Welker


Es war zwar so still wie auf einer "Zwölf-Uhr-mittags"-Straße – auf der Gary Cooper in dem gleichnamigen Kino-Klassiker unterwegs ist –, als Patrick Roth seine Poetik-Vorlesung hielt, aber bei weitem nicht so leer: Die Alte Aula der Universität war zur Eröffnung der 11. Heidelberger Poetik-Dozentur fast voll besetzt. Dies bestätigte den Befund von Prorektorin Silke Leopold, dass die Poetik-Dozentur längst zu einer Institution des hiesigen Kulturlebens geworden ist, die dennoch immer wieder Neues bietet. Wie auch Bürgermeister Raban von der Malsburg, der für die fördernde Stadt Heidelberg-Stiftung sprach, lobte Leopold die Veranstaltungsreihe: Mit ihr gelänge den Germanisten der sonst an Universitäten seltene Bezug zur kreativen Schreibpraxis.

So berichtete auch die Heidelberger Germanistin Dr. Michaela Kopp-Marx, die in diesem Jahr für die Poetik-Dozentur verantwortlich ist, während ihrer Einführung von Patrick Roths "Verzauberung" der Leser und von der "Macht der Bilder" in seinen Büchern, die sich vor allem auf Traum- und Kinowelten beziehen. Der Gastautor selbst bezeichnete sich im ersten Teil seiner auf drei Abende verteilten Poetik-Vorlesung "Zur Stadt am Meer (1). Traum und Alchemie" einmal als "Schüler der Schule der Bilder". Aber je tiefer er in das schemenhafte Labyrinth des Unbewussten eintauchte, desto deutlicher kam es zu einem Rollenwechsel: Patrick Roth wandelte sich immer mehr zum Lehrer, und die Zuhörer wurden zu seinen "Schülern in der Schule der Bilder".

Der in den USA lebende Patrick Roth entführte sein Publikum sogleich in das "Valley" im Norden von Los Angeles, wo ihm und seinen Mitmietern in einem Apartmentgebäude vor einem Jahr die Wohnungen gekündigt worden waren. In dieser Anlage, wie sie in Roths jüngstem Buch "Starlite Terrace" beschrieben ist, hatte der Autor mehr als zwanzig Jahre gelebt. Und nun kam das Ende eines Bewusstseins, in dem sich Roth und seine Mitbewohner eingerichtet hatten. Im Traum wie im Märchen wird das herrschende Bewusstsein oft durch einen König dargestellt. Aber dieser König muss sterben, um ein neues Bewusstsein zu ermöglichen.

Die überstandene Erdbebennacht vom 17. Januar 1994 hatte zwischen den Menschen in der Apartmentanlage ein neues Gemeinschaftsgefühl entstehen lassen, und dieser Zustand wurde neun Jahre später durch die Umwandlung der Apartments in Eigentumswohnungen beendet. – Plötzlich verdunkelt sich alles: Der König – das herrschende Bewusstsein, das erst in dieser Verdunklung bemerkbar wird – stirbt. Im Dunklen beginnt allerdings auch alles. Die Alchemisten bezeichneten diese Phase ihres Werkes als Anfang, als Schwärze, in der das abwesende Licht nur zu ahnen ist. Und die damit verbundene Freude bezieht sich auf den Sinn des Werkes, seine Richtung. Das Ziel ihres Lebens nannten die Alchemisten den "Stein": In ihm werden alle Gegensätze eins, und sie bilden einen höchsten Wert: etwas Numinoses.

Deshalb liegt der Schatz im dunkelsten Dunkel, nämlich im eigenen Schatten: Wo wir uns innerlich hassen, muss jeder Einzelne den Schatz zu gewinnen suchen. Roth verwies hier auch auf die Parallele zum "Gottesknecht", den unwertesten Niemand, in dem der Prophet Jesaja den Messias sah. Den Traum hält der Poetik-Dozent nicht nur für das wichtigste Tor zum Unbewussten, sondern auch für einen Aspekt des Steins selbst: Denn der Traum ist am Ende der Nacht scheinbar Abfall des Tages.

Nach dem Verlust der Wohnung hatte Roth folgenden Traum: Er war wieder in einem Raum des Cinema Department der University of Southern California, das er 1975 besucht hatte. Dort zog ein alter Kameramann einen unbelichteten Filmstreifen aus einer Kamera und behauchte ihn von beiden Seiten. Mit diesem dem Unbewussten entrissenen flüchtigen Stoff war für den Autor das Gefühl "Filmschule" wieder da – und zugleich jener "Spirit" der Zeit des Anfangs. Solche Traumbilder stammen aus einem Bereich, in dem der Mensch nie Herr war und nie sein wird, so dass ihm jede Nacht beim Einschlafen Macht entzogen wird – der König "Ich" steht ohne Kleider da.

Beim Aufwachen fühlte sich Roth an Karl Struss erinnert, einen alten amerikanischen Kameramann. Er hatte damals in der Filmschule den letzten großen Stummfilm "Sunrise" gezeigt, den er 1927 mit Friedrich Wilhelm Murnau gedreht hatte. Und das Behauchen des Films im Traum erinnerte den Autor an den Schöpfungsvorgang in "Genesis": Gott bläst dem Klumpen Erde Odem ein. Das Unbewusste in der Gestalt des alten Kameramanns verdeutlicht im Traum, dass der Stoff belebt werden muss. So kann das scheinbar Vergangene ein Doppelgesicht erhalten: Es sieht zurück ins Tal der Schatten und erkennt von dort die Sicht nach vorn – zur Stadt am Meer: Nach den erlebten Spannungen zog Roth vor einem Jahr nach Santa Monica. Diese Stadt bleibt für ihn ein bleibendes, noch immer unerreichtes Ziel, auf das er nun im alchemischen Sinn hinlebt.

Die beiden weiteren Poetik-Vorlesungen Patrick Roths finden am 4. und 11. November, jeweils um 19 Uhr im Hörsaal 14 der Neuen Universität statt.
Heribert Vogt
Rhein-Neckar-Zeitung

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