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16. Oktober 2004

Auf der Suche nach den verlorenen Ritualen

Kongress "Ritual und Grenzerfahrung" in der Neuen Universität eröffnet – Vorträge, Workshops, Gongklänge und Konstantin Wecker

Mit Klavierklängen von Professor Rolf Verres, Gongschlägen, jeder Menge leckerer Äpfel zur Stärkung, interessanten Vorträgen und einem Konstantin-Wecker-Konzert wurde gestern der Kongress "Ritual und Grenzerfahrung" in der Neuen Universität eröffnet; Veranstalter ist die Abteilung für Medizinische Psychologie des Universitäts-Klinikums. Die Medizinischen Psychologen sind mit mehreren Projekten an dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Sonderforschungsbereich "Ritualdynamik" beteiligt; seit Mittwoch hatten bereits mehrere Workshops einzelne Themen des Kongresses, etwa Trauer- oder Trennungsrituale, aufgegriffen.

Während Oberbürgermeisterin Beate Weber in ihrem Grußwort noch rätselte, wie viel Prozent seiner Zeit ein Mensch wohl täglich mit Ritualen verbringe, gab Professor Wilhelm Schmid wenig später die Antwort. "Etwa zwei Drittel bis vier Fünftel des Tages verbringt der Mensch mit ritualisierten Handlungen", so der Professor aus Erfurt. Und das sei auch gut so: denn Rituale ersparen es uns, unentwegt neue Entscheidungen treffen zu müssen. "Ohne feste Formen wird das Leben schwierig, wenn nicht unmöglich", so Schmid in seinem Grundsatzreferat.

Rituale berühren den Menschen in seinem Inneren; das unterscheidet sie von Routine, die meist als leer und langweilig erlebt wird. Rituale hingegen geben Sinn, entheben den Menschen für eine Weile der Vergänglichkeit und sind in Krisenzeiten und an Wendepunkten des Lebens besonders wichtig. "Rituale geben dem Einzelnen Halt, und sie schaffen soziale Zusammenhänge", so Professor Schmid, der auch an der Staatlichen Universität Tiflis/Georgien lehrt und von dort gleich ein Beispiel mitbrachte.

In dieser vormodernen Gesellschaft sind beispielsweise Trauerrituale beim Tod eines Angehörigen seit Jahrtausenden tradiert, kaum verändert und dennoch sehr lebendig. Wie kraftvoll sie dennoch wirken, berichtetet Schmid aus eigener Anschauung. In unserer westlichen, postmodernen Kultur hingegen hätten sich der Einzelne und die Gesellschaft von vielen Ritualen befreit mit dem Erfolg, "dass die Verzweiflung der Befreiten wachse und man sich auf die Suche nach neuen Ritualen machen müsse".

Gemeinschaft stiftende Rituale wirkten gegen die Vereinzelung, die Einsamkeit des Individuums werde so für eine bestimmte Zeit aufgehoben, so Schmid. "Denn Rituale verlaufen in einer zyklischen Zeit, in der nicht jede Sekunde zählt, sie kehren zuverlässig wieder und vermitteln so Geborgenheit". Das sei auch einer der Gründe, warum Kinder Rituale innig lieben und größten Wert darauf legen, dass Weihnachten, Geburtstage und Feste immer gleich ablaufen.

Warum Rituale überhaupt wirken, und was ihr eigentlicher Antrieb ist, wurde gestern Nachmittag diskutiert, ebenso Rituale im Familienleben und Bestattungsrituale. Ein Schwerpunkt des Kongresses befasst sich mit der Bedeutung von Ritualen in existenziellen Krisensituationen; dazu gehört auch die Umwandlung von Trauer durch Symbole und Rituale, die dem Trauernden einen Wiedereinstieg in das aktive, erfüllte Leben ermöglichen. Dazu hielt der Trauerforscher Dr. Jorgos Canacakis einen eindrucksvollen Vortrag.

Am heutigen Samstag und morgen, Sonntag, wird der Kongress fortgesetzt; die Abschlussdiskussion widmet sich dem Thema "Wie viel Ritual brauchen wir?" Doch die Antwort klang bei allen Vorträgen bereits an: in unserer schnelllebigen Zeit werden neue Rituale gebraucht, die den Einzelnen wieder fester in der Gesellschaft und im Alltag verankern. Doch ob und wie diese gefunden werden, und wie sie aussehen könnten, blieb eine offene Frage.
Ingeborg Salomon

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
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und
Irene Thewalt
Pressestelle der Universität
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