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18. Oktober 2004

Pillen aus der Handtasche

Jeder fünfte Klinikpatient nimmt Arzneimittel ohne Wissen der Ärzte ein und riskiert damit gefährliche Wechselwirkungen

Rund 20 Prozent der Klinikpatienten nehmen Substanzen ein, deren Einnahme in der Krankenakte nicht verzeichnet ist, vor allem Schmerz- und Beruhigungsmittel sowie Medikamente gegen Sodbrennen.

Dies hat eine Studie der Abteilung Innere Medizin VI, Klinische Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie, der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg (Ärztlicher Direktor: Professor Dr. Walter Haefeli), die jetzt im "European Journal of Clinical Pharmacology" erschienen ist, aufgedeckt. Eine zweite Heidelberger Studie, die jetzt im "British Journal of Clinical Pharmacology" veröffentlich worden ist, zeigt: Etwa 10 Prozent der Klinikpatienten nehmen zudem das pflanzliche Antidepressivum Johanniskraut ein, ohne dass es den Ärzten bekannt ist. Dadurch kann es zu gefährlichen Wechselwirkungen mit verordneten Medikamenten kommen.

Die unerkannte Einnahme von Medikamenten in der Klinik ist bereits aus früheren Studien bekannt. Bislang wurden jedoch nur nach wenigen Substanzen bei spezifischen Patientengruppen gefahndet. "Mit sehr feinen Messmethoden haben wir in dieser Studie erstmals ein sehr breites Spektrum von insgesamt 996 Medikamenten im Urin nachweisen können", erklärt Professor Haefeli. Zudem gehörten die insgesamt 44 Männer und Frauen mit einem durchschnittlichen Alter von rund 69 Jahren nicht einer bestimmten Patientengruppe an, sondern litten an unterschiedlichen internistischen Erkrankungen.

Lücken in der Krankengeschichte durch Arzt oder Patient?

Jeder fünfte Patient hatte mindestens ein Medikament im Urin, dessen Einnahme weder verordnet noch den behandelnden Ärzten bekannt war; meist handelte es sich um Schmerz- oder Beruhigungsmittel oder Medikamente gegen Sodbrennen. Die Heidelberger Wissenschaftler sehen zwei mögliche Ursachen für das Informationsdefizit: Entweder wurde die Krankengeschichte vom Arzt nicht vollständig erhoben oder die Patienten behandelten sich selbst.

Auf jeden Fall birgt die unbekannte Medikamenteneinnahme Risiken: Mögliche Wechselwirkungen mit verordneten Medikamenten können nicht berücksichtigt werden. Professor Haefeli fordert deshalb die Patienten auf, ihre Ärzte stets umfassend über alle Arzneimittel zu informieren. Ärzte in Klinik und Praxis sollten die Erinnerungsfähigkeit der Patienten unterstützten und explizit nach sämtlichen Arzneimitteln fragen.

"Wahrscheinlich nehmen mehr als 20 Prozent der Klinikpatienten zusätzlich Medikamente unerkannt ein", sagt Professor Haefeli. Denn in dem Screening der Studie fehlte u.a. ein weit verbreitetes, pflanzliches Arzneimittel gegen Depression, das nicht verschreibungspflichtig ist, das Johanniskraut. In einer weiteren Studie, die jetzt im "British Journal of Clinical Pharmacology" veröffentlicht worden ist, fanden die Heidelberger Wissenschaftler: 7 Prozent der Patienten im Krankenhaus nehmen Johanniskraut-Präparate ein, ohne dass es den behandelnden Klinikärzten bekannt ist.

Die mangelnde Kenntnis kann schwere Folgen haben: Johanniskraut beschleunigt den Abbau zahlreicher Arzneimittel, bei denen die präzise Dosierung kritisch ist (z.B. Cyclosporin und Tacrolimus zur Verhinderung von Abstoßungsreaktionen von Transplantaten, Kontrazeptiva zur Schwangerschaftsverhütung oder viele Arzneimittel gegen das HI-Virus). Die unbemerkte Einnahme kann deshalb die Sicherheit der Therapie gefährden.

Johanniskraut-Präparate beschleunigen Arzneimittel-Abbau in der Leber

"Die Präparate stimulieren unter anderem gewisse P 450 Enzyme in Leber und Darm, die den Abbau von vielen Arzneimitteln beschleunigen", erklärt Professor Haefeli. Das kann gefährliche Konsequenzen haben. Deren Konzentration muss im Blut ein bestimmtes Niveau erreichen, z.B. um eine Abstoßungsreaktion gegen das fremde Organ wirksam zu verhindern. Aber auch bei weit verbreiteten Medikamenten wie vielen Antibaby-Pillen oder Antikoagulanzien ('Blutverdünnungsmitteln') sollte die Dosis bei gleichzeitiger Einnahme von Johanniskraut angepasst bzw. auf die Kombination verzichtet werden.

Die Heidelberger Wissenschaftler untersuchten insgesamt 150 Patienten, die wegen unterschiedlicher Erkrankungen für einige Tage stationär aufgenommen wurden. Die Ärzte befragten zur aktuellen Behandlung, eine Pharmazeutin sprach die Patienten zusätzlich gezielt und ohne Zeitdruck auf die Einnahme pflanzlichen Produkte an. Bei 12 der 150 Patienten (8 Prozent) waren Inhaltsstoffe von Johanniskraut im Blut nachweisbar, aber nur bei einem Patienten war die Einnahme den behandelnden Ärzten bekannt. Mit der gezielten Befragung durch die Pharmazeutin wurden zwei weitere Patienten entdeckt, während neun Patienten (6 Prozent) ohne die aufwändige Nachweistechnik unentdeckt geblieben wären.

"Warum die Befragung so lückenhaft ausfiel, ist uns nicht bekannt," sagt Professor Haefeli. Möglich erscheint ihm, dass die Patienten die Wichtigkeit dieser Information und den erheblichen Einfluss von Johanniskraut auf die übrige Arzneimitteltherapie unterschätzen. Noch immer würden viele Menschen davon ausgehen, dass pflanzliche Produkte keine Sicherheitsrisiken beinhalten.

Bei Rückfragen:
Professor Dr. Walter Haefeli:
Telefon: 06221 / 56 8740 (Sekretariat)

Literatur:
Rieger K, Scholer A, Arnet I, Peters FT, Maurer HH, Walter-Sack I, Haefeli WE, Martin-Facklam M. High prevalence of unknown co-medication in hospitalised patients. Eur J Clin Pharmacol 2004;60:363-8.

Martin-Facklam M, Rieger K, Riedel KD, Burhenne J, Walter-Sack I, Haefeli WE. Undeclared exposure to St. John's Wort in hospitalized patients. Br J Clin Pharmacol. 2004;58:437-41.

(Die Originalartikel können bei der Pressestelle des Universitätsklinikums Heidelberg unter contact@med.uni-heidelberg.de angefordert werden.)

Rückfragen bitte an:
Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
des Universitätsklinikums Heidelberg
und der Medizinischen Fakultät
der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 45 36
Fax: 06221 / 56 45 44
Handy: 0170 / 57 24 725
E-Mail: Annette_Tuffs@med.uni-heidelberg.de
www.med.uni-heidelberg.de

Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg


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