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23. Oktober 2004

Institute und Fakultäten sind von sich aus zur Selbsterneuerung fähig

Grußwort von Senatsmitglied Professor Peter Meusburger anlässlich der Jahresfeier der Ruperto Carola

Professor Peter Meusburger

Foto : Rothe


Wir freuen uns sehr, dass auch das zurückliegende Jahr wieder zahlreiche Belege erbracht hat, dass die Universität Heidelberg im nationalen Wettbewerb der Universitäten eine Spitzenstellung einnimmt und auch international ein sehr hohes Ansehen genießt.

Das vergangene Jahr hat auch erneut bewiesen, dass Institute und Fakultäten von sich aus zur Selbsterneuerung fähig sind. Nicht nur die Zusammenlegung einiger Institute und Fakultäten verlief völlig harmonisch, sondern auch hinsichtlich der Kooperation zwischen Geistes- und Naturwissenschaften bahnen sich neue Entwicklungen an, die hoffentlich bald erfolgreich sein werden.

Ich freue mich, hier feststellen zu dürfen, dass die Zusammenarbeit zwischen Rektorat, Universitätsrat und Senat in geradezu idealer Weise funktioniert. Dafür darf ich Ihnen, Magnifizenz Hommelhoff und der gesamten Universitätsleitung den herzlichen Dank des Senats aussprechen.

Wenn wir sehen, dass sich von den 12 besten deutschen Universitäten allein sieben in Baden-Württemberg befinden, ist dies sicherlich ein Anlass, auch einmal unserem Wissenschaftsministerium zu danken, welches üblicherweise eher mit Kritik als mit Lob überschüttet wird. Wir sollten dankbar anerkennen, dass in Baden-Württemberg die Bedingungen in Forschung und Lehre im Durchschnitt deutlich besser sind als in den meisten anderen Bundesländern.

Allerdings muss ich mit diesem Lob auch die Feststellung verbinden, dass wir noch wesentlich besser sein könnten, wenn man uns nur gewähren ließe. Wir fühlen uns manchmal wie Sportler, von denen man Medaillen erwartet, ihnen aber im Wettbewerb Bleiwesten umhängt, obwohl viele ihrer ausländischen Konkurrenten ohne Bleiwesten laufen dürfen. Nicht nur Leistungskriterien sondern auch das Ausmaß der noch zumutbaren Belastungen sollten sich an internationalen Maßstäben orientieren.

Die Bleiwesten, die wir zu tragen haben, bestehen nicht nur in der Überlast, die viele Institute zu bewältigen haben, sondern auch aus einigen schwer nachvollziehbaren gesetzlichen Vorschriften, die unsere Arbeit behindern. Das neue Hochschulgesetz wird zwar einige Verbesserungen bringen und wir sind dankbar, dass das Ministerium zahlreiche Entscheidungskompetenzen an die Universitäten verlagern wird. Aber man hätte in den Reformen noch wesentlich weiter gehen können.

Das Versprechen, den Universitäten eine größere Autonomie zu gewähren, ist leider in vielen Bereichen auf halbem Wege stehen geblieben. Man schreibt uns immer noch Strukturen und Organisationsformen vor, welche unsere Entfaltungsmöglichkeiten behindern und unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit einschränken.

Ist es wirklich notwendig, dass vom Gesetz kleinste Details geregelt werden und damit der Wettbewerb zwischen den Universitäten eingeschränkt wird? Sollte eine Fakultät nicht selbst bestimmen dürfen, welches Niveau sie in einem Studiengang erwartet und wie viele Prüfungen durchzuführen sind? Sollte eine Universität nicht selbst entscheiden dürfen, wie sie ihren Rektor wählt oder ob sie ihre Erstberufungen zeitlich befristet oder nicht? Sollte ein Institut nicht selbst entscheiden dürfen, wie lange eine studentische Hilfskraft beschäftigt werden darf?

Sich einem Wettbewerb zu stellen, heißt doch, dass man bessere Ideen haben darf als seine Konkurrenten und dass es auch erlaubt ist, diese Ideen umzusetzen.

Unter dem Gesichtspunkt eines freien Wettbewerbs finden wir es auch etwas problematisch, wenn ein Vertreter des Ministeriums im Aufsichtsrat von mehr als einer baden-württembergischen Universität sitzt. Denn kreative Ideen einer Fakultät können nur dann in Wettbewerbsvorteile umgesetzt werden, wenn diese Innovationen eine bestimmte Zeit lang vertraulich behandelt werden und die unmittelbaren Konkurrenten nicht sofort darüber informiert werden.

Wie würden wohl die heute anwesenden Führungskräfte aus der Industrie reagieren, wenn sie in ihren Aufsichtsrat per Gesetz Mitglieder aufnehmen müssten, die gleichzeitig auch deren schärfsten Konkurrenten beraten oder zu diesem besonders enge persönliche Beziehung haben?

Bei einigen Bestimmungen des neuen Hochschulgesetzes, welche die Organisations- und Entscheidungsstrukturen der Universität betreffen, fragen wir uns auch, ob sich die dafür Verantwortlichen jemals mit den Grundlagen der Organisationstheorie befasst haben. Den international führenden Organisationstheoretikern würde es nicht im Traume einfallen, einer Universität zentralisierte Entscheidungsstrukturen vorzuschlagen. Für Forschungsab-teilungen oder Universitäten ist eine zentralisierte Führungsstruktur die schlechteste aller Lösungen.

Kreativität und wissenschaftliche Originalität sind in einer Universität immer dezentral lokalisiert. Institute erkennen wichtige Entwicklungen an der Forschungsfront ihres Fachgebietes einige Jahre früher als Rektorate und 10-15 Jahre früher als Ministerialbeamte.

Die Zusammensetzung des akademischen Senats ist in hervorragender Weise auf die Anforderungen einer Universität ausgerichtet. Im Senat sind die Erfahrungen, Kenntnisse und Informationskanäle aller Fakultäten und Hierarchieebenen gebündelt. Kein Rektorat und kein Aufsichtsrat wird je über diese n einem Senat kumulierten Kompetenzen und Informationskanäle verfügen. Ich darf mir diese Feststellung erlauben, weil ich selbst Mitglied eines Rektorats war.

Viele großen Unternehmen und Banken in Deutschland befinden sich in einer Kompetenzkrise, und zwar nicht deshalb, weil innerhalb dieser Organisationen zu wenig kompetente Experten vorhanden wären, sondern weil die Entscheidungsfindung falsch organisiert ist.

Viele Fehlentscheidungen deutscher Konzernspitzen, ich erinnere nur an Toll Collect, die Neigetechnik der deutschen Bahn oder an die Schwierigkeiten bei deutschen Banken und Automobilkonzernen, wären mit Sicherheit nicht passiert, wenn die Konzernspitze der betreffenden Unternehmen die im eigenen Unternehmen vorhandenen Experten zu Rate gezogen bzw. ein ähnliches Entscheidungsmodell benutzt hätte wie es etwa dem Senat einer Universität entspricht. Bei hochkomplexen Problemen kann man nicht auf die Sachkompetenz der mittleren und unteren Hierarchiestufen verzichten und "ganz oben" alleine die Entscheidungen treffen.

Die meisten Universitätsangehörigen begrüßen es, dass im neuen Hochschulgesetz die Position des Rektors gestärkt wird. Interne Verteilungskämpfe oder umstrittene Weichenstellungen über zukünftige Strukturen können nur von einer starken Führungsspitze durchgesetzt werden. Dies heißt aber nicht, dass diese Stärkung der zentralen Führung auf Kosten des Senats gehen muss, der im neuen Hochschulgesetz in seinen Entscheidungsbefugnissen deutlich beschnitten werden wird.

Das neue Hochschulgesetz sieht nämlich vor, dass das zukünftige Rektorat den Senat bei vielen wichtigen Entscheidungen nur noch zu unterrichten braucht. Viele von uns bezweifeln, ob es eine gute Idee ist, im neuen Hochschulgesetz die Wahl der Rektoratsmitglieder (der hauptamtlichen Mitglieder der Hochschulleitung) vom Senat auf den Hochschulrat zu übertragen oder dem Senat die Entscheidung über die Berufungen wegzunehmen.

Angesichts der Tatsache, dass in den letzten Jahren Berufungslisten vorwiegend im Senat einer peniblen Überprüfung unterzogen und gegebenenfalls an die Fakultäten zurückgewiesen wurden, fragen wir uns, wer in Zukunft diese Qualitätskontrolle durchführen soll. Den Mitgliedern des Rektorats und des Hochschulrats stehen die dafür notwendigen Insiderkenntnisse in der Regel nicht zur Verfügung. Ein Rektorat oder Hochschulrat hat in der Regel zu wenige oder zu einseitige Informationskanäle. Ich habe Rektoren erlebt, die am Ende ihrer Amtszeit noch nicht den Unterschied zwischen Geographie und Geologie kannten.

Optimal ist wohl eine Situation, wie sie für Heidelberg in den letzten 25 Jahren typisch war, dass nämlich ein starker Rektor von einem starken, kompetenten und loyalen Senat bei der Entscheidungsvorbereitung kritisch unterstützt wird.

Wir haben den Eindruck, dass viele Bestimmungen und Gesetzesvorlagen, die den Universitäten von externen Beratungsunternehmen oder Bildungspolitikern aufgedrängt werden, wenig durchdacht sind, an der Realität der Universitäten vorbei gehen oder nur für wenige Einzelfälle sinnvoll sind. Wie sonst kann man es sich erklären, dass ein Gesetz über die Juniorprofessur erlassen wird, das sich wenige Monate später als verfassungswidrig erweist.

Fast auf den Tag genau vor zwei Jahren habe ich bei der Jahresfeier darauf hingewiesen, dass der Diplomstudiengang international und vor allem im angelsächsischen Raum höchstes Ansehen genießt und dem dortigen Master deutlich überlegen ist und dass es unsere amerikanischen Kollegen nicht verstehen, dass wir dieses Erfolgsmodell aufgeben. Nun, da wir uns dem Druck der Politik gebeugt haben, haben wir vor 10 Tagen aus der Presse erfahren, dass die USA, Kanada und Großbritannien den deutschen Bachelor nicht als gleichwertig anerkennen. Litauen hatte bereits den Mut, sich von den Bologna Richtlinien zu verabschieden?

Auch die sogenannten Zielvereinbarungen, die von der Universität mit dem Ministerium abzuschließen sind, bereiten uns noch etwas Sorge. Denn laut Gesetz sollen diese vorrangig die übergreifenden Interessen des Landes berücksichtigen. Wer definiert denn diese übergeordneten Interessen? Welcher Landtagsabgeordnete oder welcher Ministerialbeamter hat denn die Kompetenz und Weitsicht, um festzustellen, wohin sich eine Universität entwickeln soll oder welche Fachgebiete im vorrangigen Interesse des Landes sind?

Es mag ja Hochschulen geben, deren Absolventen vorwiegend aus dem eigenen Bundesland kommen und auch im eigenen Bundesland beschäftigt werden. Aber die Universität Heidelberg zieht Studierende aus der ganzen Welt an und bildet auch ihre Absolventen nicht für Tätigkeiten in Baden-Württemberg, sondern für Positionen in der ganzen Welt aus.

Sehr geehrte Damen und Herren, trotz der Sorgen, die Sie meinen Worten entnehmen konnten, möchte ich meine Rede doch mit einem positiven Ausblick schließen. Unsere Universität hat so hervorragende Wissenschaftler, Studierende und Verwaltungsfachleute, dass sie auch in Zukunft trotz schwerer Bleiwesten Spitzenresultate erzielen wird.

Soweit ich unseren Rektor und den Vorsitzenden des Universitätsrats kenne, wird es ihnen auch gelingen, manche nachteilige Bestimmung des neuen Hochschulgesetzes in ihrer Wirkung abzufedern."

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
http://www.uni-heidelberg.de/presse

und
Irene Thewalt
Pressestelle der Universität
Tel. 542311
presse@rektorat.uni-heidelberg.de


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