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23. Oktober 2004

Keine Experimente auf Kosten der Studierenden

Grußwort des Vertreters der Studierenden, Jens Marx, anlässlich der Jahresfeier der Ruperto Carola

Jens Marx

Foto : Rothe


"Als die Universität Heidelberg gegründet wurde, war die Lehre noch das Hauptgeschäft. Am 19. Oktober 1386 begann der Lehrbetrieb: In der Theologie las Reginald de Alna über den Titusbrief. In den artes liberales lasen Marsilius von Inghen und Heilmann von Wunnenberg über die Logik und Physik des Aristoteles.

Damals orientierte sich die Universität eben an Aristoteles, dem großen Lehrer – heute an Exzellenz-Cluster-Kriterien und Elitevorstellungen. Dabei fällt jedoch auf, dass der Elite-Begriff oft recht unterschiedlich belegt wird. Allzu leicht verschwimmen die Grenzen zwischen Positions- und Leistungselite. Eine Universität als Positionselite ist verfehlt, denn sie gefährdet die Chancengleichheit. Dass aber einige der gegenwärtigen Entwicklungen in genau diese Richtung tendieren, sei an einigen Beispielen aufgezeigt:

An erster Stelle sind hier die vom Land geplanten Studiengebühren zu nennen. Sie gefährden die Chancengleichheit in offensichtlicher Weise. Ob die dadurch entstehenden Probleme mit einem Stipendien- oder Darlehenswesen abgefangen werden können, konnte bis jetzt nicht bewiesen werden. In diesem Punkt warnen wir ausdrücklich vor Experimenten auf Kosten der Studierenden. Der Spieß des Kosten-Leistungsprinzips kann auch umgedreht werden – indem man andere Hochschulen wählt. Und spätestens dann kommt womöglich auch unsere Alma mater nicht mehr auf ihre Kosten.

Eine weitere Gefährdung der Chancengleichheit liegt in den Auswahlverfahren. Aus den USA ist bekannt, dass bei Auswahlgesprächen, die von so genannten admission commitees durchgeführt werden, die Bewerber aus bürgerlichem Elternhaus einen deutlich besseren Eindruck auf die Prüfer hinterlassen. Auch in Frankreich kennt man dieses Phänomen, weswegen mündliche Prüfungen zumeist verpönt sind und zugunsten der schriftlichen concours zurücktreten. Aber auch hier bestehen doppelt so viele Kinder aus der Oberschicht wie aus der Mittel- und Unterschicht. Eine Korrelation der Concourleistungen mit den Studienleistungen besteht den Erfahrungen nach nicht zwangsläufig. Da ein Auswahlverfahren eine Möglichkeit bietet, die Motivation der Studierenden in spe auf den Prüfstein zu stellen, hat es durchaus seine Berechtigung. Allein die Gefahr, die diesem Mittel inhärent ist, muss von allen Beteiligten berücksichtigt werden. Nur durch systematische Evaluation der Auswahlverfahren kann ihr eigentliches Ziel erreicht werden. Bevor man anfängt, die Besten auszuwählen, sollte man zumindest in der Lage sein, die Geeigneten zu erkennen. Diese sind vielleicht nicht von Anbeginn an gute Studierende. Das bevorstehende Einsteinjahr 2005 ehrt ein prominentes Beispiel. Aus einem guten Studierenden einen passablen Wissenschaftler zu machen, ist auch einem mittelmäßigen Dozenten möglich. Der wahrhaft exzellente Dozent zeichnet sich vielmehr dadurch aus, dass bei ihm die Studienmotivation nicht verkümmert und aus beinahe allen Studierenden exzellente Hochschulabsolventen werden.

Um es mit Aristoteles zu sagen: Der wahrhaft Wissende ist der, der gut erklären kann. Und ein guter Wissenschaftler ist wiederum noch lange kein guter Hochschullehrer, ebenso wenig wie ein guter Jurist noch lange kein guter Anwalt ist. Daher möchten wir den Lehrkörper zu mehr Engagement und Motivation in und für die Lehre aufrufen. Die in Lehre investierte Zeit ist nie verlorene Zeit. Nur durch Kompetenz in der Lehre können die Studierenden der Universität Heidelberg Leistungselite-Aspiranten werden und den Zielen gerecht werden, die sich die Universität setzt. Aber Elite verpflichtet auch. Wie schon Dag Hammerskjöld feststellte (1), bringt sie Verantwortung mit sich, insbesondere gegenüber sich und der Gesellschaft. Fähigkeiten und Können eines Universitätsabsolventen stellen einen wertvollen Schatz für die Gesellschaft dar.

Die derzeitige Politik reduziert das Studium allzu gerne auf den persönlichen Nutzen des Absolventen. Als Allzweckargument wird geäußert, der Bäcker bezahle die Ausbildung des Mediziners. Das spräche nicht für unser Steuersystem. Und selbst wenn dem so wäre: Geht der Bäcker nicht zum Ärztin? Hat er kein Recht auf einen Anwalt? Geht sein Kind nicht zur Schule? Und wird der Bäcker nicht froh sein, seine Ärztin, seine Anwältin und die Lehrer seines Kindes gut ausgebildet zu wissen?

Die Umdeutung von Forschung und Lehre zu einer Dienstleistung an Ausbildungskonsumenten ist eine Herabwürdigung der Universität, die letztlich dem Gedanken einer Leistungselite widerspricht: Die cives academici von einst, kennt SAP heute schon nur noch als Debitoren. Bachelorabschlüsse und diverse Aufbaustudiengänge befriedigen Adepten der Fast-Food-Bildung, und schon bald wird der Abschluss womöglich zum Titelkauf.

Magnifizenz, meine Damen und Herren, der Elitebegriff ist komplex, seine Implikationen für die Hochschule unklar und die gegenwärtigen Entwicklungen nicht unproblematisch. Nachdem uns das Studium Generale im Sommersemester über Olympia aufgeklärt hat, wird es dieses Semester hoffentlich einige Erkenntnisse in Sachen Elite bringen. Wie immer, wenn man sich solchen Themen widmet, lohnt sich ein Blick ins Wörterbuch: Als Warnung – als Warnung ! – möge uns dienen, was Meyers Neues Lexikon, Ausgabe Ost aus dem Olympia-Jahr 1972 zur Elite schreibt:

"Elite [franz.] f: in der bürgerlichen Philosophie und Soziologie verwendeter Begriff. Unter Elite wird eine Gruppe auserlesener Menschen verstanden, die auf Grund angeblicher hervorragender sozialer, natürlicher, geistiger oder sittlicher Eigenschaften eine privilegierte Stellung in der Gesellschaft einnehmen und allein in der Lage sein sollen, die gesellschaftliche Entwicklung voranzutreiben. Da die Gruppe hervorragender Menschen in der Regel mit der herrschenden Klasse und Schicht zusammenfällt, dient der Begriff der Elite der Rechtfertigung der bestehenden Ausbeutungsgesellschaft. [...] Der Elitebegriff besitzt einen zutiefst antidemokratischen, ahumanen Inhalt [...]" (2) Zitat Ende.

(1): Dag Hammerskjöld, 9.2.1959: "Was die "Elite" von der Masse scheidet, ist nur die Forderung nach Qualität. Und dies in einer Verantwortung für alle allen gegenüber und für die Vergangenheit der Zukunft gegenüber, eine Verantwortung, welche eine demütige und spontane Integration im Leben spiegelt – in dessen unendlicher Perspektive und niemals wiederkehrendem Jetzt."
(2): VEB Bibliographisches Institut Leipzig, Meyers neues Lexikon, Band 4, Leipzig (1972), S. 238

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
http://www.uni-heidelberg.de/presse

und
Irene Thewalt
Pressestelle der Universität
Tel. 542311
presse@rektorat.uni-heidelberg.de


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