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26. Oktober 2004

Der Geschichte ins Auge sehen

Symposion über den Kulturkritiker Takeuchi Yoshimi

Kürzlich fand im Internationalen Wissenschaftsforum der Universität Heidelberg ein Symposion über den japanischen China-Wissenschaftler und Kulturkritiker Takeuchi Yoshimi (in Ostasien kommt der Familienname zuerst) statt. Veranstalter waren das Japanologische Seminar der Universität sowie das Deutsche Institut für Japanstudien (DIJ) in Tokyo, eines der acht derartigen deutschen Institute im Ausland.

Die Vorträge der Teilnehmer aus Japan, China, Südkorea, den USA, den Niederlanden und Deutschland beschäftigten sich mit der Sicht der modernen Geschichte durch Takeuchi (1910-1977), dessen Schriften vor allem in den 50er und 60er Jahren in Japan großes Aufsehen erregten. Im Mittelpunkt stand seine Suche nach einem neuen Bewusstsein der modernen Epoche in Ostasien, nach den Möglichkeiten, angesichts der über die Menschen hereinbrechenden Wellen der Modernisierung eine kulturelle Identität zu finden. Takeuchi war, wie in den Referaten dargelegt wurde, als Denker ebenso bedeutend wie als Sinologe (so übersetzte er die Werke des vielleicht wichtigsten Dichters des modernen China, Lu Xun) und als Anreger für die historische Forschung.

In den letzten Jahren wird seine Sichtweise in Japan, aber auch in China und Korea von neuem diskutiert, was auch mit dem Unbehagen an bestimmten amerikanischen Interpretationen zusammenhängen mag. Übersetzungen ins Deutsche, Englische und Chinesische werden vorbereitet.

Sprechen wir im Westen über die Modernisierung der nichtwestlichen Welt, so wird meistens die Gegenüberstellung von "Tradition" und "Moderne" bemüht. Je nach persönlicher Vorliebe sehnen sich die einen nach der "heilen", auch nach der spirituellen Welt bewundernswerter alter Kulturen, während die anderen über das rasante Tempo staunen, in dem Wolkenkratzer hochgezogen werden und Lebensstile sich ändern, oder sind erschreckt über den wirtschaftlichen Aufstieg Ostasiens.

Wie selbstverständlich sehen wir am Horizont der Entwicklung eine mehr oder weniger unserem Lebensstil sich angleichende "moderne Gesellschaft". Meistens bleibt allerdings ausgeblendet, was zwischen diesen beiden Polen sich abspielt: die Schmerzen der Modernisierung, die Opfer unter der bäuerlichen Bevölkerung, die Versuche, eine "andere" Moderne als Idee und als Praxis herauszufinden.

Hier setzte Takeuchi an. Seinen Landsleuten beschrieb er die Modernisierung Japans nicht als die früheste und einzige "Erfolgsstory" in Asien. Er empfahl ihnen auch nicht, die klassische japanische Kultur einfach zu bewahren. Vielmehr forderte er sie dazu auf, schonungslos ihrer eigenen Geschichte ins Auge zu sehen. So stand Takeuchi nach dem II. Weltkrieg fast allein, als er die Japaner an ihre Beziehung zu Ostasien erinnerte. Hierzu gehört, dass Japan 1876 Korea einen "ungleichen Vertrag" aufzwang, in dem Korea ganz so behandelt wurde, wie es die westlichen Mächte vorher mit Japan getan hatten. Im Jahr 1910 wurde es sogar zur "Kolonie".

Wie auf dem Symposion aufgezeigt wurde, zerbrach die in ganz Ostasien lebendige Idee der "asiatischen Solidarität" gegenüber dem vordringenden Westen durch Japans Taten in Korea und China. Der Gründer der chinesischen Republik, Sun Yat-sen, hielt der Elite Japans noch 1924 den Spiegel vor, als er sie fragte, ob sie lieber den westlichen Weg der Hegemonie oder den östlichen Weg der Solidarität gehen wolle. Japans Wahl ist bekannt.

Um den westlichen Weg der militärischen Aggression gegen den Schwächeren zu beschreiten, musste Takeuchi zufolge die Bevölkerung durch das Erziehungssystem in eine Hierarchie gezwängt werden. Das kulturelle Ergebnis geißelte er 1948 als "Sklavenmentalität" der Herrschenden und der Beherrschten und sprach von Japans, durch die Niederlage 1945 keineswegs unterbrochener "Musterschüler-Kultur", die er dem Selbstbewusstsein des revolutionären China gegenüberstellte. (Das heutige China hätte er vermutlich anders bewertet.)

Auf dem Symposion warf ein japanischer Kollege die Frage auf, ob eine solche Interpretation wegen ihrer antiwestlichen Grundposition nicht auch in einen neuerlichen Hegemonieanspruch Japans umkippen könnte.

Wenn es um das Verstehen eines japanischen Autors geht, stößt man mit Englisch als Konferenzsprache rasch an Grenzen. Die Einebnung unterschiedlicher Inhalte derselben Begriffe in die "lingua franca" unserer Zeit führt in solchen Fällen oft zur Fehlinterpretation. So war es nur natürlich, dass alle Referenten in die Sprache der Texte, über die sie vortrugen, wechselten. Es dürfte in Heidelberg das erste Mal gewesen sein, dass die Konferenzsprache Japanisch war.
Wolfgang Seifert

Rückfragen bitte an
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Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
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