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17. Oktober 2004

Heidelberg ist noch fast ein Ort des Friedens

Aber die Lage der Geisteswissenschaften in Deutschland ist düster – RNZ-Gespräch mit den Prorektoren Silke Leopold und Angelos Chaniotis über die Debatte

Die Prorektoren Silke Leopold  und Angelos Chaniotis

Das Zukunftsfenster steht auch für die Heidelberger Geisteswissenschaften weit offen: Die Prorektoren Silke Leopold (Lehre) und Angelos Chaniotis (Internationale Angelegenheiten) betonen jedoch die Notwendigkeit der Erneuerung. Foto: Welker


In Deutschland ist eine Debatte um die Geisteswissenschaften im Gange: Landauf, landab – von München bis Hamburg – ist von Gefährdungen die Rede. Vor diesem Hintergrund hat der Heidelberger Germanist Dieter Borchmeyer kürzlich in der RNZ von einer "Missachtung der Geisteswissenschaften" und einer "fortschreitenden Zerstörung der Universität" gesprochen. Für die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg nehmen die beiden Prorektoren Prof. Silke Leopold (Lehre) sowie Prof. Angelos Chaniotis (Internationale Angelegenheiten) im nachfolgenden RNZ-Gespräch zu diesem Thema Stellung.

Die gegenwärtige Großwetterlage scheint für die Geisteswissenschaften nicht günstig zu sein. Beispielsweise sollen sie in Hamburg stark abgebaut werden. Und in München fürchten sie bei einer Fusion von Technischer Universität und Ludwig-Maximilians-Universität ins Abseits zu geraten. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage ein?

Leopold: Die Lage der Geisteswissenschaften in Deutschland ist düster. Dies kann man momentan an vielen Orten sehen. Hamburg ist nur das sprechende Beispiel für eine Tendenz, die sich überall einschleicht. In Bayern werden nicht nur Zusammenlegungen in München diskutiert, sondern etwa auch Verbünde zwischen Würzburg, Bamberg und Erlangen. Dort wird schon jetzt gesagt, dass die Geisteswissenschaften erst fusioniert und dann auf die Hälfte oder ein Drittel reduziert werden. Aber Heidelberg ist in diesem Szenarium noch fast ein Ort des Friedens. Denn hier wird davon ausgegangen, dass die Geisteswissenschaften sinnvoll, notwendig und nicht kürzbar sind. Wir haben in den letzten drei Jahren unseres Rektorates dafür gekämpft, dass die Geisteswissenschaften – auch die "kleinen Fächer" – erhalten bleiben. Diese Bemühungen müssen wir auch in Zukunft fortsetzen. In Heidelberg haben wir jedoch gute Karten, weil die hiesigen Geisteswissenschaften national wie international in vielen Bereichen sehr gut ausgewiesen sind. Und wir haben ein Rektorat, für das die Geisteswissenschaften ein Teil der Universität sind, ohne den eine Hochschule den Namen Universität gar nicht verdient.

Trifft etwa dies auf die Universität Mannheim zu?

Chaniotis: Dort hat es schon einen Abbau gegeben, wie zum Beispiel auf den Gebieten der Klassischen Archäologie, der Klassischen Philologie usw. Andererseits lässt die räumliche Nähe zwischen Heidelberg und Mannheim die Konzentration einiger Fächer sinnvoll erscheinen, vor allem für die Universität Mannheim, die sich stark auf dem Gebiet der Wirtschaftswissenschaften profiliert hat. – Und noch eine Ergänzung zu Ihrer Eingangsfrage: Die Geisteswissenschaften in Deutschland sind so gut wie die Rahmenbedingungen, aber auch so gut wie ihre Geisteswissenschaftler. Sie haben die Aufgabe, durch Erneuerung ihrer Schwerpunkte den Anschluss an die gesellschaftliche Entwicklung zu halten. Während der ganzen Diskussion um die "kleinen Fächer", an der die Universität Heidelberg federführend beteiligt war, ist es in Baden-Württemberg weder zu einer Schließung noch zu einer Reduktion eines solchen Faches gekommen.

In diesem Sommer waren in Heidelberg Personalien der Romanistik im Gespräch.

Leopold: Das Romanische Seminar hatte sich bereits bei der Frage der Nachfolge des Rumänisten Prof. Klaus Heitmann 1997 dafür entschieden, die Rumänistik nicht als Schwerpunkt weiterzuführen. Und im Zuge der leider für alle notwendigen Sparmaßnahmen, sollte jetzt die noch bestehende halbe Lektorenstelle für Rumänisch wegfallen. Auf die folgenden Proteste hin hat sich das Rektorat entschlossen, die Stelle dieses Lektors noch einmal befristet zu verlängern – mit der Maßgabe, dass in dieser Zeit eine stabile Professur eingeworben wird, die nicht aus der Universität kommen kann. Die Idee von Rektor Peter Hommelhoff, EU-Fördergelder beim Beitrittskandidaten Rumänien für eine Professur zu beantragen, wurde vom Romanischen Seminar inzwischen aufgegriffen.

Spielt der notwendige Sparkurs denn in den Geisteswissenschaften eine vergleichsweise große Rolle?

Chaniotis: Es ist Aufgabe der Universität, einzelnen Instituten aufgrund von Bedürfnissen und Leistungen Landesmittel zuzuweisen. Dies geschieht im Rahmen des vom Senat angenommenen Impulse-Projektes; alle drei Jahre finden Budgetverhandlungen mit den Instituten statt. Stellen werden nur dann reduziert, wenn die Bedürfnisse – etwa Studentenzahlen – nicht mehr vorhanden sind oder die Leistungen, für die das Budget bewilligt war, nicht erbracht wurden. Die Besonderheiten der Geisteswissenschaften werden dabei berücksichtigt, denn in den Naturwissenschaften ist die Einwerbung von Drittmitteln in großer Höhe leichter. Wenn man in den Geisteswissenschaften von Individualforschung spricht, die keine Drittmittel generiert, so muss gesagt werden, dass die Forschung nicht nur vom Professor durchgeführt wird, sondern auch von Nachwuchswissenschaftlern. Deshalb benötigt man zusätzlich eingeworbene Drittmittel, die die Zukunft eines Faches sichern. Allein in der Heidelberger Akademie der Wissenschaften gibt es geisteswissenschaftliche Projekte mit der Drittmittel-Summe von zwei Millionen Euro pro Jahr.

Wird hier nicht eine Bürokratie aufgebaut?

Chaniotis: Natürlich kosten die Beantragung und Betreuung von Projekten auch Zeit, aber sie sind die einzige Möglichkeit, die Geisteswissenschaften in die Zukunft zu führen.

Leopold: Es ist sicherlich richtig, dass sich der Beruf des Professors während der letzten zwanzig Jahre extrem gewandelt hat: weg vom Bücher schreibenden Individualforscher, hin zum Wissenschaftsmanager. Der traditionelle Forschertypus wird sicherlich nicht mehr lange existieren. Dennoch können die Professoren auch unter den neuen Bedingungen weiterhin Bücher schreiben, wenn vielleicht auch nicht mehr in dem Umfang wie früher.

Auch an einer "Volluniversität", als die sich die Ruperto Carola stets verstanden hat, müssen wohl geisteswissenschaftliche Profile mit gewissen Schwerpunkten gebildet werden.

Chaniotis: In einer lebendigen Universität ergeben sich Profile insbesondere aus dem Interesse der Dozenten und aus deren Zusammenarbeit mit den Doktoranden. Ein eindeutiger Schwerpunkt ist in Heidelberg zum Beispiel die Beschäftigung mit der Religion; nach langer Zeit haben wir wieder Religionswissenschaften eingerichtet, die zu einem integrierenden Faktor in den Geisteswissenschaften geworden sind. Ein großes Potential liegt auch im Dialog zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften, zwischen den beiden Heidelberger Standorten im Neuenheimer Feld und in der Altstadt.

Leopold: Um über die Individualforschung hinauszugehen, haben wir in der Philosophischen Fakultät soeben mit verschiedenen Disziplinen ein Zentrum für europäische Geschichts- und Kulturwissenschaften gegründet, das sich als neues Fachkonglomerat positionieren soll.

Welche Rolle spielen die Planungen des baden-württembergischen Wissenschaftsministeriums?

Chaniotis: Es geht hier nicht um die Streichung von "kleinen Fächern", sondern um die Abstimmung zwischen den baden-württembergischen Universitäten in Bezug auf die Profile. Darüber hinaus sind die Universitäten in aller Welt unsere Partner: Über eine derartige Abstimmung sind wir beispielsweise auch in Gesprächen mit der "League of European Research Universities". Aber natürlich müssen wir bei der Neuausschreibung von Lehrstühlen darauf achten, was auf diesem Gebiet an anderen Landesuniversitäten angeboten wird.

Wie sinnvoll sind die neuen Studiengänge Bachelor und Master für die Geisteswissenschaften?

Leopold: Die Entwicklung dieser Studiengänge ist derzeit völlig unklar, insbesondere wegen der Zuständigkeit der Länder für Bildung und Wissenschaft und den unterschiedlichen Vorstellungen, die in den einzelnen Universitäten herrschen. Eine Berufsvorbereitung der Studenten gab es schon in der Vergangenheit, sie wird jetzt allerdings dringlicher. Der Bachelor soll nach drei Jahren der erste berufsqualifizierende Abschluss sein. Aber für welchen Beruf er qualifiziert, ist nicht vorgeschrieben. So wird es in den Geisteswissenschaften weiterhin so sein, dass wir nicht für einen Beruf ausbilden, sondern für viele, denn es gibt für unsere Absolventen zahlreiche unterschiedliche Arbeitsmöglichkeiten.

Von den insgesamt 14 Heidelberger Sonderforschungsbereichen ist nur der zwei Jahre alte SFB "Ritualdynamik" in den Geisteswissenschaften angesiedelt.

Chaniotis: Daneben gibt es jedoch – für die Bundesrepublik wohl einmalig – in zwölf geisteswissenschaftlichen Instituten die von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften geförderten Projekte. Hinzu kommt eine ganze Reihe von Graduiertenkollegs und Kooperationen. Zu nennen ist auch das vom Land geförderte Projekt "Überzeugungsstrategien", das zur Vorbereitung eines zweiten geisteswissenschaftlichen Sonderforschungsbereiches in Heidelberg genehmigt wurde und in diesen Tagen begann. Zudem wurde bei einer Ausschreibung für innovative Projekte ein Vorhaben der hiesigen Altertumswissenschaften – als einziges in den baden-württembergischen Geisteswissenschaften – mit einem Jahresvolumen von 200000 Euro gefördert.

Wie stellen Sie sich in zehn Jahren die Heidelberger Geisteswissenschaften vor, die Studierende aus dem In- und Ausland an den Neckar locken können?

Chaniotis: Sie sollten dann die drei "i" erfüllen, also international, interdisziplinär und innovativ sein. Vor allem innovative Fragestellungen treiben die Wissenschaften voran.

Sind nicht auch schillernde Persönlichkeiten wichtig?

Leopold: Ich bin davon überzeugt, dass es auch in zehn Jahren solche Persönlichkeiten geben wird, die die Universität nach außen repräsentieren. Aber wir Professoren werden ja in erster Linie dafür bezahlt, dass wir für unsere Studenten da sind und deren Wissen mehren.

Oftmals wird befürchtet, dass die Geisteswissenschaften – wie zum Beispiel in den Debatten um die Genforschung – zu legitimierenden Hilfswissenschaften der praktischen Wissenschaften werden könnten.

Chaniotis: Ich finde es keine Schande, wenn aus den Geisteswissenschaften die gut begründete Legitimation für ein naturwissenschaftliches Projekt kommt. Gleichzeitig kommt aus den Geisteswissenschaften aber auch die Kritik...

Leopold: ... und vielleicht auch die Anregung, eine Fragestellung ganz neu zu sehen.

Geisteswissenschaften

Der heute etwas schwammig verwendete Begriff der "Geisteswissenschaften" ist Relikt der ursprünglichen Teilung der Fächer (und Fakultäten) in Theologie, Jura, Medizin, Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften. Obwohl die interdisziplinäre Arbeit die Grenzen der Geisteswissenschaften zu den anderen Disziplinen vielfach überholt hat, behält diese Teilung noch ihre Berechtigung insofern, als die Geisteswissenschaften – anders als die Rechtswissenschaften und die Theologie – keine Normenexegese betreiben und – anders als die Medizin und die Naturwissenschaften – ihre Erkenntnisse nicht durch Experimente gewinnen oder überprüfen können. Ein gemeinsames Merkmal der Geisteswissenschaften ist die Beschäftigung mit den Errungenschaften des menschlichen Geistes (soziale Organisation, Sprache und Literatur, Kunst, Denken, Kultur).
Heribert Vogt
Rhein-Neckar-Zeitung

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
http://www.uni-heidelberg.de/presse

und
Irene Thewalt
Pressestelle der Universität
Tel. 542311
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