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23. Oktober 2004

Verleihung der Ehrensenatorenwürde an Dipl.-Ing. Hubert Eirich, Präsident der Industrie- und Handelskammer Rhein-Neckar, und Prof. Roald Hoffmann, Nobelpreisträger für Chemie

Hier die Laudationes von Rektor Prof. Peter Hommelhoff und Prof. Peter Hofmann vom Organisch-Chemischen Institut

Rektor Prof. Peter Hommelhoff, Prof. Roald Hoffmann, Dr.-Ing. Hubert Eirich und Prof. Peter Hofmann

Von links nach rechts: Rektor Prof. Peter Hommelhoff, Prof. Roald Hoffmann, Dr.-Ing. Hubert Eirich und Prof. Peter Hofmann. Foto : Rothe


Laudatio auf Hubert Eirich: "Im Bezirk Rhein-Neckar der Industrie- und Handelskammer wird der Dialog mit der Wissenschaft und ihren Einrichtungen zu einem der wesentlichen Anliegen. In engagierter Nachfolge seines unvergessenen Vorgängers Klaus Flick ist es Herrn Eirich, dem Präsidenten der Industrie- und Handelskammer seit 1995 ein besonderes und immer wieder tatkräftig umgesetztes Anliegen, die Unternehmen des Kammerbezirks und ihre Vertreter mit den wissenschaftlichen Einrichtungen der Region und ihren Angehörigen im Dialog zusammenzubringen – sei es im kleinen Kreis oder weithin wahrnehmbar öffentlichen.

Der "Heidelberger Abend" in der Stadthalle und das Frühlingskonzert in Mannheim haben eine lange und gute Tradition als Gelegenheiten zur Begegnung und zum Gespräch zwischen Hochschul- und Wirtschaftsangehörigen.

Für diesen lebendigen und fruchtbaren Dialog zwischen Wissenschaft und Wirtschaft in der Rhein-Neckar-Region, in der Bundesrepublik einzigartig, möchte die Ruprecht-Karls-Universität Herrn Eirich als unermüdlichen Motor dieses Dialoges danken und verleiht ihm deshalb die Ehrensenatorenwürde der Ruprecht-Karls-Universität."
(Prof. Hommelhoff)


Laudatio für Roald Hoffmann: "Im Sommer des Jahres 1937 wird in Zloczow, einer kleinen Stadt im damaligen Ostpolen, in der heutigen Ukraine, nicht weit von Lemberg, in einer glücklichen jüdischen Familie ein Sohn geboren. Der Vater, Hillel Safran, ist Bauingenieur, die Mutter Klara ist Lehrerin. Die Eltern geben ihrem kleinen Sohn den Vornamen Roald, nach dem Entdecker des Südpols, Roald Amundsen.

Niemand ahnt, dass dieser Junge – als Roald Hoffmann – einmal einer der weltweit renommiertesten Chemiker werden wird, und dass ihm 44 Jahre später, als Professor an der Cornell University für seine bahnbrechenden Arbeiten zum theoretischen Verständnis molekularer Strukturen und Reaktionen der Nobelpreis für Chemie verliehen werden wird.

Für den kleinen Roald Safran freilich mündet eine glückliche frühe Kindheit schon bald in seine erste Begegnung mit Deutschland: in Gestalt der Finsternis und Grausamkeit der nationalsozialistischen Wahnsinnsherrschaft, mit der nach der Besetzung von Sloczow im Jahre 1941 durch die deutschen Truppen die jüdische Bevölkerung überzogen wird.

In der ersten Kriegswoche werden 1500 der jüdischen Einwohner, darunter auch Roalds Großvater mütterlicherseits, von einer SS-Einsatzgruppe ermordet. Die Überlebenden werden in ein Ghetto gepfercht und schließlich in Vernichtungslager verschleppt, so auch die anderen Großeltern, die in Sobibor umgebracht werden. Von ca. 8000 Menschen der jüdischen Gemeinde von Sloczow überleben den Holocaust weniger als 200, denen es gelingt, sich irgendwie zu verbergen. Unter den Überlebenden sind 3 Kinder, auch Roald.

Weil der Vater als Ingenieur im Straßenbau eingesetzt werden kann, kommt die Familie Safran in ein Arbeitslager. Im Januar 1943 willigt ein ukrainischer Lehrer ein, den mit Mutter Klara aus dem Lager geschmuggelten fünfjährigen Roald, einen Onkel und eine Tante in seinem Schulhaus zu verbergen. Dort harren sie 15 Monate lang auf dem Dachboden und in einem Lagerraum aus, bis sie im Juni 1944 von den russischen Truppen befreit werden. Roalds Vater, der im Kontakt mit Partisanen an der Planung eines bewaffneten Aufstandes im Lager beteiligt war, wird verraten und noch im Juni 1943 in Sloczow erschossen.

Nach der Befreiung lebt Roald in Krakau, wo die Mutter wieder heiratet und wo die Familie mit Hilfe der Papiere eines im Krieg gefallenen Schlesiendeutschen den Namen Hoffmann annimmt. 1946 flüchtet die Familie aus Polen, lebt einige Zeit in Displaced Person Camps, in der Tschechoslowakei, dann in der Nähe von Linz, dann in Deutschland in Wasseralfingen nahe Aalen, um schließlich in München etwas zur Ruhe zu kommen. Dort lernt Roald Deutsch, schon seine 4. Sprache, und hier beginnt trotz der schrecklichen Kindheitserlebnisse eine erste innere Beziehung zu Deutschland und seiner Kultur zu erwachsen.

Am 22. Februar 1949, im Alter von 11 Jahren, kommt Roald Hoffmann schließlich in die USA. Er absolviert bis 1955 – in diesem Jahr wird er amerikanischer Staatsbürger – die Stuyvesant High School in New York, aus der eine ganze Reihe großer Chemiker hervorgegangen ist. Er macht 1958 mit summa cum laude seinen Bachelor an der Columbia University, erwirbt 1960 in Harvard den Master of Physics, um anschließend, unterunterbrochen durch einen Studienaufenthalt in Moskau bei A.S. Davydov, mit 25 Jahren in Harvard in Chemischer Physik auf dem Gebiet der Quantenchemie, speziell der Molekülorbitaltheorie, zu promovieren.

Seine noch in Harvard entwickelte Extended Hückel Theorie, die sich aus der Zusammenarbeit mit seinem Doktorvater William Lipscomb, der 1976 den Chemienobelpreis bekam, als erste wirklich brauchbare quantenchemische Methode zur Berechnung der Eigenschaften von Molekülen entwickelt, führte noch in Harvard zur Zusammenarbeit mit dem begnadeten Experimentator Robert Burns Woodward, dem Nobelpreisträger für Chemie des Jahres 1965. Die von beiden entwickelten Woodward-Hoffmann-Regeln, die Energien und Geometrien reagierender Moleküle verständlich machten, treten schnell ihren globalen Siegeszug in der Welt der Chemie an, und bringen Hoffmann schon 1965 unter vielen anderen Angeboten den Ruf an die Cornell University ein, wo er seit nunmehr 39 Jahren als Inhaber von Named Chairs, bis 1996 als John A. Newman Professor of Physical Science und jetzt als Frank H. T. Rhodes Professor of Humane Letters und Professor of Chemistry forscht und lehrt.

Vor allem auf Roald Hoffmanns Arbeiten geht der revolutionäre Aufbruch quantenchemischer Konzepte und Denkweisen in der Chemie zurück, der den Weg zu den heutigen Möglichkeiten der theoretischen und mathematischen Modellierung chemischer Reaktionen bereitet hat. Grundlegende Konzepte in der organischen, metallorganischen und anorganischen Chemie, für Moleküle, Festkörper und Oberflächen kamen und kommen aus seiner Schule.

Roald Hoffmanns wissenschaftliches Werk ist in Qualität, Umfang und thematischer Breite, in seinem befruchtenden Einfluss auf die Entwicklung großer Gebiete der modernen Chemie in Theorie und Experiment, einzigartig. Veröffentlichungen und Vorträge sind immer unverkennbar im Stil, von transparenter Logik und stets superb illustriert. Argumente und Konzepte werden nie durch unnötige Details verdeckt, Ziel bleibt stets die Vermittlung eines umfassenden Verständnisses chemischer Phänomene als Basis wegweisender Interpretation, Vorhersage und experimenteller Planung.

Die Suche nach Brücken zwischen unterschiedlichen Gebieten der Chemie oder zwischen Chemie und Physik, der Abbau von Sprach- und damit oft von Denkbarrieren, die Betonung von Zusammenhängen und verbindenden Prinzipien – dies sind Charakteristika für Roald Hoffmanns Beiträge zur Chemie und zu den Naturwissenschaften generell.

Nur wenige "reine Theoretiker" dürfen für sich in Anspruch nehmen, die Vorstellungswelt und Denkweise der Experimentatoren und Praktiker, übrigens auch in der industriellen Chemie, annähernd so geformt und beeinflusst zu haben, wie dies durch Roald Hoffmann in den vergangenen mehr als 35 Jahren geschehen ist.

Roald Hoffmanns wissenschaftliches Werk umfasst heute weit über 500 Originalarbeiten und mehrere Bücher. Er wurde bisher 31 mal mit einer Ehrendoktorwürde ausgezeichnet und ist Träger eigentlich aller nennenswerten Auszeichnungen, die es in der Chemie überhaupt gibt, und die aufzuzählen hier unmöglich ist. Hierzu gehört natürlich auch der (mit Kenichi Fukui aus Japan geteilte) Nobelpreis für Chemie des Jahres 1981.

Die Anzahl der ihm weltweit verliehenen Gastprofessuren und Honorary Lectureships liegt weit über hundert. Roald Hoffmann ist gewähltes Mitglied der US National Academy of Science, vieler nationaler Akademien und seit 1999 Ehrenmitglied der Gesellschaft deutscher Chemiker.

Weit über die reine Wissenschaft hinaus geht jedoch eine andere Seite unseres Ehrengastes. Es gibt wohl keinen zweiten zeitgenössischen Chemiker, der sich so intensiv in der Öffentlichkeit für ein Verständnis der Naturwissenschaft einsetzt, sei es in seiner 26-teiligen, inzwischen in vielen Ländern gesendeten Fernsehserie "The World of Chemistry", oder als passionierter Kolumnist und Essayist in Zeitschriften und Zeitungen wie der New York Times oder The Times (London). Dort setzt er sich intensiv für ein Zurechtrücken des Stellenwertes der Naturwissenschaften in der Gesellschaft und für eine den Prinzipien der Demokratie verpflichtete, bessere naturwissenschaftliche Ausbildung der Allgemeinheit ein.

Etwa 150 Publikationen allgemeinwissenschaftlicher, naturphilosophischer, wissenschaftshistorischer oder gesellschaftsbezogener Art tragen zum Brückenschlag zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, zwischen Naturwissenschaft und Kunst bei.

Es gibt es aber eine weitere Facette im Leben und Schaffen unseres neuen Ehrensenators, die den einen oder anderen überraschen wird. Sein Interesse vor allem an deutscher und russischer Literatur begann sich seit ca. 1980 vermehrt in eigener dichterischer und schriftstellerischer Tätigkeit niederzuschlagen. Er hat in den letzten 25 Jahren parallel zu seinem wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Œuvre ein imposantes eigenes literarisches Werk geschaffen. Eine Vielzahl von Gedichten, viele in andere Sprachen übersetzt und einige sogar vertont, in Zeitschriften oder als Bücher publiziert, öffentliche Ausstellungen zum Thema Chemie und Kunst, z.B. im Deutschen Museum in München, sowie ein zusammen mit Carl Djerassi (dem "Erfinder der Pille") verfasstes Theaterstück ("Oxygen"), das seit 2001 in den USA, in London, in Würzburg und München sowie im WDR-Rundfunk erfolgreich aufgeführt worden ist, zeugen von den literarischen Aktivitäten Hoffmanns. Für sein Buch "Sein und Schein. Reflexionen über die Chemie" hat er im Jahre 1997 einen Literaturpreis erhalten.

Lassen Sie mich abschließend zu dem Punkt kommen, der enger als alles bisher Gesagte mit dem Anlass der heutigen Verleihung der Ehrensenatorenschaft der Ruperto Carola verknüpft ist. Ich meine die Rolle, die Roald Hoffmann für die Chemie in Heidelberg und in Deutschland gespielt hat und noch spielt. Er hat – ganz untypisch für einen Amerikaner – nicht nur seine wichtigsten wissenschaftlichen Publikationen in deutschen Zeitschriften veröffentlicht, sondern seine Beziehungen zur Chemie in Deutschland, vor allem als akademischer Lehrer für deren wissenschaftlichem Nachwuchs, sind sehr breit und zutiefst persönlich geprägt. Es spricht für menschliche Größe, dass er, dessen Familie durch den Genozid der Nationalsozialisten fast völlig ausgelöscht worden ist, sich von Anfang seiner Karriere an ohne Ressentiment gerade der deutschen Wissenschaft – bis 1989 in beiden deutschen Staaten – in besonderem Maße zugewandt und geöffnet hat, um seit den frühen 60er Jahren vielfältige und enge Beziehungen zu knüpfen und aufrecht zu erhalten.

Etwa 25 seiner insgesamt wohl fast 200 Mitarbeiter der letzten drei Jahrzehnte, vor allem Postdoktoranden oder Gastwissenschaftler, stammten und stammen aus Deutschland, so dass seine wissenschaftliche Expertise und Erfahrung durch eine begeisternde und mitreißende Tätigkeit als Mentor und akademischer Lehrer während der vergangenen 35 Jahre kontinuierlich insbesondere unserem Nachwuchs zugute kam, was sich in der Zahl von fast einem Dutzend deutscher Chemieprofessuren zeigt, die heute mit ehemaligen Mitarbeitern der Hoffmann'schen Arbeitsgruppe besetzt sind.

Gerade zur Chemie der Ruperto Carola bestehen langjährige, enge wissenschaftliche und persönliche Kontakte. Roald Hoffmann war stets ein engagierter Förderer dieser Fakultät und damit unserer Universität. Allein zwei Lehrstühle in meiner Fakultät sind mit ehemaligen Postdoktoranden besetzt, ein dritter Lehrstuhlinhaber der Heidelberger Chemie war mit Hoffmanns Gruppe in Cornell assoziiert. Es war mein Kollege Rolf Gleiter, der – als erster Postdoc Roald Hoffmanns überhaupt – durch seine Leistungen und seine Produktivität für uns jüngere den Weg nach Cornell ebnete.

Die Verleihung der Ehrensenatorenwürde an Roald Hoffmann trägt nicht nur seiner wissenschaftlichen Weltgeltung Rechnung und bindet einen wahrhaft universellen Geist als Ehrensenator an die Ruperto Carola. Sie würdigt auch seine Verbundenheit zur Chemie in Heidelberg und in Deutschland und wird intensive neue Bande für eine Zukunft knüpfen, in der Roald Hoffmann für diese Universität mit seinem Rat, seiner Erfahrung und seiner Unterstützung bereit stehen wird."
(Prof. Hofmann)

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
http://www.uni-heidelberg.de/presse

und
Irene Thewalt
Pressestelle der Universität
Tel. 542311
presse@rektorat.uni-heidelberg.de


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