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12. Oktober 2004

Universität Heidelberg trauert um Jacques Derrida

Derrida gilt als der Welt bekanntester Philosoph – Rektor Prof. Dr. Peter Hommelhoff: "Er war über die Fachgrenzen der Philosophie hinaus eine intellektuelle Leitfigur nicht nur für die Geisteswissenschaften, sondern auch für die kulturelle Weltwahrnehmung einer ganzen Zeit"

Die Ruprecht-Karls-Universität trauert um Jacques Derrida. "Er war über die Fachgrenzen der Philosophie hinaus eine intellektuelle Leitfigur nicht nur für die Geisteswissenschaften, sondern auch für die kulturelle Weltwahrnehmung einer ganzen Zeit", sagte Rektor Prof. Dr. Peter Hommelhoff in seinem Kondolenzschreiben an die Familie.

Derridas außerordentliche Sprachbehandlung, sein untrüglicher Spürsinn für Staunenswertes und Unerhörtes bis hinein in die Alltagssprache hat seine Leser und Zuhörer über Jahrzehnte in seinen Bann gezogen. Und vor allem eines gelehrt: auf immer neue Weise wieder sensibel zu werden gegenüber den ungeahnten Möglichkeiten und Horizonten, mit deren Hilfe uns die Wirklichkeit über ihre greifbaren Grenzen hinaus noch als sinnvoll begegnen kann.

Jacques Derrida gilt als der Welt bekanntester Philosoph. 1930 in Algerien geboren, fallen die Karriereanfänge in das Paris der 60er Jahre. Formend haben dabei der zeitgenössische Strukturalismus gewirkt, stärker aber vielleicht noch die Hintergründe: ein Marxismus im Schwinden, wo die Utopien mit ihrer politischen Wirklichkeit konfrontiert werden und die Krise der Intellektuellen als ein Pariser Phänomen, das im Ende der Ära Sartre beschlossen liegt. Um dem zu entgehen, verzichtet Derrida konsequent auf Aktualitäten und sucht größere Zusammenhänge darin, wie die Zeichen der Moderne auf eine grundsätzlich neue Weise zu deuten und zu dechiffrieren sind. Husserl ist dabei der erste Gesprächspartner, wichtiger aber bleiben auf Dauer gesehen Heidegger, Freud und Nietzsche.

Sein Verfahren nennt Derrida "Dekonstruktion", einmal den Verdacht seiner Vorgänger aufnehmend, die Moderne enthalte uns das Wesentliche vor; zum anderen scheint er illusionsloser zugleich, insofern man nicht mehr hoffen dürfe, jenes Verdrängte und Verborgene einst wieder griffig in Händen halten zu können, so als gäbe es irgendwo noch fertige Lösungen für eine unfertige Moderne. Es ist nicht zuletzt die Steigerung im Grade der Desillusionierung, die für Derrida zum Grundzug seines Verständnisses von Postmoderne wird.

Internationalen Ruhm hat sich Derrida vor allem durch Gastprofessuren in den Vereinigten Staaten erworben, das Zentrum seines Schaffens blieb aber weiter Paris. Mit Blick auf Deutschland war Derrida in besonderer Weise Heidelberg verbunden. Dies lag nicht zuletzt an der Präsenz von Hans-Georg Gadamer. Dieser gehörte schon früh zu jenen im Lande, die das Wegweisende an Derridas neuem Ansatz begriffen hatten. Das gemeinsame Erbe von Heideggers Sprachphilosophie sorgte auch dafür, dass Vergleiche und Verständigungen nötig schienen, schon um des gemeinsamen Anliegens einer Selbstbehauptung der Geisteswissenschaften willen. Anfangs gab es dabei manches Missverständnis auszuräumen und manche Übereilung im Urteil hinzunehmen.

Das mag auch dem Umstand geschuldet sein, dass Spezialisten möglichen Verstehens und Nichtverstehens, die sie beide waren, sich vielleicht besonders schwer tun müssen, auch untereinander übereinzukommen. Man könnte auch einfacher von einem anfänglichen Scheitern sprechen. Darüber wurde viel geschrieben, die Unterschiede vermessen und in die jeweiligen Stammbücher eingetragen. Über die Zeit hinweg allerdings, und ganz besonders seit dem Beginn der 90er Jahre, hatte sich zwischen den Wortführern der Schulen selbst offenbar ein deutlicheres Gefühl dafür herausgebildet, dass es am anderen doch noch weit mehr zu verstehen gab, als es der Wortlaut ihrer Lehren vielleicht vermuten ließ.

Vielleicht, so hatte Derrida zuletzt gemutmaßt, war es auch gerade das anfängliche Unverständnis, das paradoxerweise über den Bruch hinweg letztlich zu einer tieferen Verbundenheit geführt hatte. Das Siegel auf jene philosophische Freundschaft hat Jacques Derrida jedenfalls mit seiner Trauerrede auf Hans-Georg Gadamer vor einem Jahr in Heidelberg gesetzt. Es war auch ein weiteres Engagement vorgesehen: Jacques Derrida sollte als Vertreter der Gadamer-Professur im Sommer erneut zu Gast in Heidelberg sein. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Jacques Derrida starb vergangenen Samstag in Paris.
Martin Gessmann

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