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1. September 2004

Mit juristischen Röntgenaugen

Zum Gedenken an den Heidelberger Hochschullehrer Ernst Forsthoff

Ernst Forsthoff (1902-1974)

Ein großer deutscher Jurist des 20. Jahrhunderts: Ernst Forsthoff (1902-1974). Unsere Abbildung ist dem hier besprochenen Band entnommen.

Er war einer der großen deutschen Juristen des 20. Jahrhunderts. Ernst Forsthoff (1902 bis 1974) fühlte sich der traditionellen Rechtslehre verpflichtet, hatte aber auch ein besonderes Gespür für neue Entwicklungen. Kollegen bescheinigen ihm "einmalig scharfe juristische Röntgenaugen". Die Sorge um den Staat und die Verarbeitung seiner Wirklichkeit durchzogen Ernst Forsthoffs wissenschaftliches Werk bis zuletzt – trotz der Brüche, die es aufweist, wie seine Schüler schreiben, Brüche, die ihrer Generation erspart geblieben seien.

Seine Schüler, die Professoren Karl Doehring, Universität Heidelberg, Bundesverfassungsrichter a. D. Hans H. Klein, Göttingen, und Willi Blümel, Verwaltungshochschule Speyer, waren es auch, die im September 2002 zu einem Kolloquium in die Alte Aula der Universität Heidelberg eingeladen hatten, um Ernst Forsthoffs zu gedenken, der 100 Jahre alt geworden wäre. Ziel der Veranstaltung war es, nicht nur die Erinnerung an einen herausragenden Hochschullehrer wach zu halten, sondern aufzuzeigen, dass Ernst Forsthoff mit der Schöpfung des Rechtsbegriffs der Daseinsvorsorge Weichen gestellt hat, deren Bedeutung in Deutschland und Europa erst jetzt voll erkannt wird.

Die Dokumentation des Kolloquiums ist jetzt als Band 30 in der Reihe "Wissenschaftliche Abhandlungen und Reden zur Philosophie, Politik und Geistesgeschichte" erschienen, Herausgeber ist Willi Blümel in Zusammenarbeit mit Karl Doehring und Hans H. Klein. Der Band enthält die vier Referate und das Schlusswort des Herausgebers. Nach seiner Habilitation in Freiburg 1930 für das Fach Öffentliches Recht erhielt Ernst Forsthoff den ersten Ruf 1933 an die Universität Frankfurt/Main, es folgten Hamburg und 1936 Königsberg. Schon in Hamburg geriet er auf Gegenkurs zu den nationalsozialistischen Machthabern, so dass er 1941 das Lehramt an der Universität Wien wegen des Widerspruchs des Reichsstatthalters nicht ausüben konnte. 1943 erhielt er den Ruf nach Heidelberg. 1945 wurde Ernst Forsthoff auf Anordnung der amerikanischen Militärregierung aus dem Dienst entlassen und durfte erst 1952 auf seinen Lehrstuhl zurückkehren.

Karl Doehring würdigt im ersten Beitrag des Bandes mit sehr persönlichen Worten Ernst Forsthoff als Hochschullehrer, Kollegen und Freund. Er schätzt ihn als eine außergewöhnliche Persönlichkeit der Zeitgeschichte – in allen ihren Stärken und auch Grenzen. Das Credo seiner Rechtsauffassung sei gewesen, nicht die Norm, sondern der Mensch verleihe dem Recht seine Würde. Immer wieder habe Forsthoff hintergründig fragend über die Funktion des Rechts nachgedacht. Der Grund dafür sei wohl gewesen, dass Forsthoff dreimal – während der Weimarer Zeit, des NS-Regimes und beim Grundgesetz – seine eigene hohe Auffassung habe überprüfen müssen, dem nie ausgewichen, sich aber auch der Möglichkeit des Irrtums bewusst gewesen sei.

Hans H. Klein nimmt in einem weiteren Beitrag Stellung zu Forsthoffs Schrift "Der totale Staat" von 1933. Forsthoff sei, wie so viele, anfänglich dem "Zauber Hitlers" erlegen. Der Autor zitiert einen Brief des Juristen, in dem dieser bekennt, dass er zunächst Hoffnungen auf den Nationalsozialismus gesetzt, 1935 aber seinen großen Irrtum eingesehen habe und zu einem entschiedenen Gegner geworden sei.

Matthias Herdegen, Bonn, befasst sich mit Forsthoffs Sicht vom Staat und sieht in ihm einen großen konservativen Staatsrechtslehrer. Doch verlange dessen scharfsichtige Analyse der technisch-wissenschaftlichen Prozesse zu erkennen, dass er sich auch neuartigen Herausforderungen gestellt habe. So schlage Forsthoffs Vision internationaler Organisationsformen als Hüter der Humanität die Brücke zur modernen Völkerrechtsordnung.

Mit der Daseinsvorsorge als Rechtsbegriff beschäftigt sich Michael Ronellenfitsch, Tübingen, der die Konzeption Forsthoffs als zeitlos gültig bezeichnet, die Daseinsvorsorge unabhängig von Rechtsform und institutioneller Zuordnung öffentlich-rechtlichen Bindungen zu unterwerfen. Die Daseinsvorsorge ist eine staatliche Aufgabe und nicht auf existenznotwendige Leistungen beschränkt. Zu den Anwendungsfeldern zählen die Versorgungswirtschaft (Strom, Gas, Fernwärme, Wasser), die Entsorgung (Abwasser, Müll), weiterhin Verkehrswesen, Rundfunk (Grundversorgung), Telekommunikation, Kreditwesen und Kommunale Bildungs-, Sozial-, Gesundheits-, Kultur- und Freizeiteinrichtungen.

In seinem Schlusswort erinnert Willi Blümel an die großen Publikationen Forsthoffs. So nahm dieser mit seinem Lehrbuch des Verwaltungsrechts seit 1950 bis in die siebziger Jahre den ersten Rang in der deutschen Verwaltungsrechtswissenschaft ein. Aktuelle Bezüge hat Blümels Hinweis auf Ernst Forsthoffs Wirken als Präsident des Verfassungsgerichtshofs der neuen Republik Zypern, das Amt übernahm er 1960. Nachdem jedoch Staatspräsident Erzbischof Makarios sich geweigert hatte, ein Urteil des Gerichtshofs zugunsten der türkischen Minderheit anzuerkennen, trat Forsthoff im Mai 1963 zurück. Die Hoffnungen, dass die spätere Teilung Zyperns in absehbarer Zeit zu überwinden sei, haben sich gerade in letzter Zeit zerschlagen – die griechischen Zyprioten lehnten im Gegensatz zu den türkischen den UN-Plan zur Vereinigung ab.

Willi Blümel (Hrsg.): "Ernst Forsthoff". Kolloquium aus Anlass des 100. Geburtstags von Prof. Dr. Dr. h.c. Ernst Forsthoff. Band 30 der Reihe "Wissenschaftliche Abhandlungen und Reden zur Philosophie, Politik und Geistesgeschichte". Dunker & Humblot, Berlin. 122 S., 34,80 Euro.
Ingeborg Tzschaschel

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
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