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1. August 2004

Der Lehrerjob ist längst kein Zuckerschlecken mehr

Die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Rose Boenicke verteidigt die Zunft – Dramatische Arbeitsverdichtung und fehl geleitete Reformen

"Es sind krank machende Strukturen, mit denen es Lehrer zu tun haben". Rose Boenicke weiß, wovon sie spricht. Sie ist nämlich Professorin am Erziehungswissenschaftlichen Seminar der Universität und dort unter anderem für Schulpädagogik zuständig. Dass es nach dem Debakel der Pisa-Studie vor zweieinhalb Jahren nun auch für die Lehrer schlechte Noten gibt, wundert sie nicht. Allerdings tragen die Pädagoginnen und Pädagogen ihrer Ansicht nach die geringste Schuld daran.

"Die Arbeitsbedingungen haben sich massiv verschlechtert", bricht sie eine Lanze für die gescholtene Zunft, "gleichzeitig wurde das Urlaubsgeld gestrichen, das Weihnachtsgeld gekürzt, es muss eine Stunde mehr unterrichtet werden, und der Klassenteiler wurde hoch gesetzt". Doch damit nicht genug. Auch zuvor war nach Ansicht der Professorin die Lage alles andere als optimal. Lehrer haben grundsätzlich keinen eigenen Arbeitsplatz in der Schule, geschweige denn einen Computer, und Fortbildung ist unter dem wachsenden Zeitdruck kaum mehr möglich. Dazu komme, dass Anerkennung so selten sei wie Regen in der Wüste und ständig neue Aufgaben auf ihre Schultern gepackt würden.

"Die Schule wird es schon richten", sei ein weit verbreiteter Glaube, der dazu führe, dass immer mehr Erziehungsaufgaben dorthin verlagert würden. Erst kürzlich erzählte eine Lehrerin in Rose Boenickes Seminar von einer Klassenfahrt. Mit riesigem persönlichen Engagement hatte sie durchgesetzt, dass die überhaupt stattfinden konnte. Sie selbst hatte alles organisiert und darauf geachtet, dass der Ausflug auch für alle erschwinglich blieb. Während der Klassenfahrt hatte sie einen stressigen 24-Stunden-Job, und als alles vorbei war, gab es weder von Eltern noch von Schülern auch nur ein "Dankeschön".

Als würde das alles nicht reichen, geht laut Rose Boenicke nun auch noch der eigentlich überfällige Reformzug mit Volldampf in die falsche Richtung. Vorgeworfen wurde dem deutschen Schulsystem in der Pisa-Studie, dass es zu wenig langfristiges Wissen vermittle, ein zu schmales Spektrum an Unterrichtsmethoden habe, stark selektiere, wenig reformfreudig sei und einen verengten Leistungsbegriff aufweise. Alles richtig; allerdings wurden jetzt nach Ansicht der Professorin ohne Werkzeug, ohne Geld und Personal jede Menge "Baustellen" aufgemacht.

Zum Beispiel das achtjährige Gymnasium. Verbunden mit den zentralen Leistungsvergleichen, die nun auch vermehrt gefordert werden, führe das dazu, dass "Schule, Lehrer und Klassen ständig auf dem Prüfstand stehen". Folge davon: Es wird nur noch gelehrt und gelernt, was testbar ist. "Dem Starren auf den nächsten Leistungsvergleich werden soziales Lernen und das Erzieherische geopfert".

Besonders ärgerlich findet die Expertin, dass all diese Reformen von oben herab übergestülpt wurden. Als Beispiel nennt sie die neue Präsentationsprüfung. Hier sollen die Schüler eine aufwändige Computerpräsentation zeigen und sich anschließend einer ebenso langen Diskussion darüber stellen. Dumm nur, dass es für die Pädagogen keine Handreichungen gibt, wie sie das bewerten sollen, und sie selbst in der Regel von PowerPoint und Co. herzlich wenig Ahnung haben. Viele Schüler, so berichtet Rose Boenicke, stürzen sich dann auf die Technik, vernachlässigen den Inhalt und sind hell entsetzt, wenn sie dann ein "Befriedigend" kassieren.

Was die Erziehungswissenschaftlerin der Politik vorwirft, ist Aktionismus. Es werde nur noch darauf geschielt, was medienwirksam sei. Und dabei werde allzu oft der eigentlich positive Ausgangspunkt glatt ins Gegenteil verkehrt. Zum Beispiel die Bildungsstandards. Demnach soll der vorgeschriebene Lehrplan auf zwei Drittel reduziert und mit dem verbliebenen Drittel ein eigenes Profil der Schule herausgebildet werden. Im Prinzip eine gute Sache, weiß die Professorin. Die Schulforschung belegt, dass ein Kollegium, in dem diskutiert wird, was man unter gutem Unterricht versteht, insgesamt besser lehrt. Die ganze Arbeitsverdichtung der letzten Zeit führt indes glatt zum Gegenteil. "Das erzeugt keine Aufbruchstimmung, sondern kommt einer planmäßigen Entmutigung gleich", schätzt Rose Boenicke die Lage ein. Und über allem hänge dann auch noch das Damoklesschwert des "Geldsparens".
Kirsten Baumbusch

Rückfragen bitte an
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Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
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