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22. August 2004

Poetik-Dozentur 2004: Patrick Roths Novität

Der Schriftsteller Patrick Roth, dessen Heidelberger Poetik-Dozentur am 28. Oktober 2004 beginnt, hat im Suhrkamp Verlag sein neues Buch "Starlite Terrace" vorgelegt. Der gebürtige Freiburger (Jahrgang 1953) lebt seit vielen Jahren in seiner Wahlheimat Los Angeles. Dort sind die vier Erzählungen des neuen Bandes angesiedelt. Sie enthalten jedoch auch eine Heidelberg-Passage. Durch Roths literarische Schnitttechnik tritt ein fremdartiges Kalifornien zutage.

Gleichermaßen in einen Wasser- und in einen Bilderstrudel werden Personen und Leser in Patrick Roths neuem Buch "Starlite Terrace" gerissen. Der Autor (Jahrgang 1953), der seit vielen Jahren in Los Angeles lebt und im kommenden Oktober die Heidelberger Poetik-Dozentur übernimmt, erzählt in vier miteinander verbundenen Geschichten vom entwurzelten Dasein der Menschen im Umfeld des "Starlite Terrace", einer alten Apartmentanlage um einen beleuchteten Swimmingpool in der Westküstenmetropole. Im Laufe eines Jahres lässt Roth die vier Bewohner Rex, Moss, Gary und June aus ihrem Leben erzählen. Und zum Vorschein kommt eine labyrinthische Welt, in der auch der Leser alle Mühe hat, die Orientierung zu behalten.

Obendrein wird der gesellschaftliche Irrgarten von Anfang an geflutet: Das strömende Wasser ist ein durchgängiges Motiv – es regnet reichlich oft in Südkalifornien. Bezeichnend ist schon der Titel der ersten Geschichte: "Der Mann an Noahs Fenster". Es geht hier allerdings noch nicht direkt um die Arche, sondern um die Kneipe "Noah's", die allerdings einer Arche nicht ganz unähnlich ist, wenn sich draußen etwas zusammenbraut: "Schwarze, zur Erde herabgefahrene Wolkengebilde bewegten sich da, schwebend flutend zunächst, bis ein Sturmwind von Norden sie im Kreis zu treiben begann und sie schneller rotierten, unbändig schnell, gischend schäumten im Strom...".

Auch in "Sonnenfinsternis" trifft man etwa auf "kalkweiß dahinschnellendes Regenwasser", bevor in "Reiter auf dem Sturm" Noahs Arche selbst thematisiert wird: "Ur versucht, sich durch den Wald zu schlagen, trifft auf andere Menschengruppen, die auch zur Arche wollen, da hören sie ein großes Rauschen von hinter ihnen her, eine riesige Woge, die durch den Wald schlägt, Bäume niederreißt und sie alle erfasst." Aber am Ende des letzten Stücks "Die Frau im Sternenmeer" taucht die 77-jährige June auch aus dem Wasser des "Starlite Terrace"-Pools auf: "Sie schwamm rasch, in kräftigen Zügen bis zur Steinlippe, zog ihren Körper ohne Verweilen, als hafte keine Erinnerung am Wasser, als trüge sie alles in sich, wie neugeboren nach oben."

Aber außer dem Wasser fluten in diesen Geschichten auch die Bilder aus der Film-, Medien- und Show-Welt. So begegnen dem Leser auf Schritt und Tritt die entsprechenden Größen: vor allem der verlassene Gary Cooper in "Zwölf Uhr mittags", aber auch die unglückliche Marilyn Monroe, zudem beispielsweise John Wayne, Burt Lancaster, Anthony Quinn, Clark Gable und Fred Astaire, auch John F. Kennedy und Bill Clinton oder Crosby, Stills and Nash, die Doors und die Beatles. Diesen Vertretern des "american way of life" und des Showbusiness stehen die von Patrick Roth skizzierten einsamen Menschen gegenüber. Im Dunstkreis von Hollywood sind sie allesamt Verlierertypen: desillusioniert, allein, krank, alt, an den Rand gedrängt – aber permanent mit den unerreichbaren Hochglanzidolen konfrontiert, so dass es bei Identifikationsversuchen zu grotesken Verrenkungen kommt.

Wie Roth hier Leben und Legende mit montierten "Bilderketten" ineinander webt, verdeutlicht eine Heidelberg-Passage, in welcher der Ich-Erzähler im Fernsehen den Streifen "Key Largo" mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall ansieht: "Während der Werbung schlief ich dann nochmal ein. Augenblicke zuvor waren mir meine Eltern eingefallen, die sich 1948, als Bacall und Bogart die Szene im Studio-Bassin der Warner Brothers drehten, auf der Hauptstraße in Heidelberg vor der Ecke zum Kornmarkt kennengelernt hatten. Wenn mein Vater und sein Freund den ‚Roten Ochsen' damals nur Sekunden später verlassen hätten, nur zwei, drei Sekunden später gezahlt oder, es ging auch anders, ihre Mäntel schneller zugeknöpft hätten – draußen zog ein Sturm auf –, hastig, in Eile, die Ecke zum Kornmarkt nur zwei, drei Sekunden früher erreicht hätten ... gäbe es kein Zurück für mich zu Bacall."

In dem Wirbel aus Wasser und Bildern sind fast alle Sinnzusammenhänge in Auflösung begriffen, einschließlich der Geschichtsbilder vom Holocaust, vom US-Atombombenversuch in Nevada, von der Kuba-Krise, vom Kennedy-Mord oder vom islamistischen Terror. Wo die Schrecken unverarbeitet umherschwirren, muss auch die Angst vor der Wiederholung grassieren: So hält sich Moss McCloud in seiner Furcht vor dem nächsten Holocaust stets ein "Binsenkästchen" bereit. Überhaupt scheint die biblische Überlieferung mit ihren zahlreichen Bezügen eine Arche – das Refugium eines anderen Lebens – zu bilden, wenn die Sintflut unserer schnellfließenden Zeit übermächtig zu werden droht.

Wiederholt ist vom "Chaos" und gleich in der ersten Geschichte von Resignation die Rede: "Es war auch meine Hoffnungslosigkeit, das wusste ich. Dass die Geschichten nicht aufgingen." Und auch der Untergang rückt hier in den Blick: "Da kommt ein Wind auf und reißt alles mit. Zeitenende. Der König stirbt, der Abgrund tut sich auf." Im gegenwärtigen abschüssigen Hochgeschwindigkeitsleben kann es bei Roth die Identität wie das Phantastische oder andere Arten des Glücks nur in flüchtigen Augenblicken geben. Etwa für Moss McCloud, für dessen Familie das Schicksal so lange den Schleudergang eingeschaltet hält, bis sie zerfetzt ist. Aber Moss bleibt ein Bild im Gedächtnis, die Erinnerung an jene Liebesnacht mit seiner Frau Stella, in der Tochter Amy gezeugt wurde: "Und ich habe geliebt, weißt du, Amy, ich habe diese Frau geliebt, das musst du wissen, ... es gibt nichts als diesen Moment, diesen Augenblick, als wir dich mit uns ins Leben zogen, du warst bei uns, Amy, empfangen in jener Nacht, du warst bei uns, wir waren zusammen."

Das Schreiben Patrick Roths, der in Freiburg geboren wurde, in Karlsruhe aufwuchs und 1975 in die USA ging, weist eine starke Affinität zur Ästhetik des Kinos auf. Und es dürfte insbesondere auf die literarische Schnittechnik des Autors zurückzuführen sein, dass das sonnige Kalifornien in diesem Buch so verrätselt und versehrt, so verdunkelt und verregnet daherkommt.

Patrick Roth: "Starlite Terrace". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 165 S., 16,80 Euro. ISBN: 3-518-41662-6.

Heribert Vogt
Rhein-Neckar-Zeitung

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