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13. August 2004

Stalin und die noch immer spürbaren Folgen seiner Herrschaft aus der Sicht der Forschung

Dem Heidelberger Wissenschaftler Prof. Dr. Heinz-Dietrich Löwe gelang eine sehr präzise Bewertung des vielschichtigen Stalin, die auf einem breit recherchierten historischen Fundament ruht

Bis heute leidet Russland unter den Folgen des Stalin-Regimes. So lebt die Landbevölkerung in manchen Gebieten noch immer wie vor dem Ersten Weltkrieg, während weite Teile der einseitig geförderten Schwerindustrie zerfallen. Zudem forderten die Zwangskollektivierung sowie der "Große Terror" Millionen Menschenleben. Gleichwohl wird Stalin bis heute verehrt, was nicht nur am Seminar für Osteuropäische Geschichte der Universität Heidelberg mit Spannung verfolgt wird, sondern auch in der Biographie von Professor Heinz-Dietrich Löwe, dem Direktor des Instituts, zur Sprache kommt.

Josef Stalin gilt als eine der umstrittensten Figuren des 20. Jahrhunderts. Denn obwohl er sein Land Umwälzungen unterwarf, wie sie kaum dramatischer oder brutaler hätten sein können, sehen auch 50 Jahre nach seinem Tod viele Russen in ihm eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des Landes. Und auch, wenn die nach wie vor aktiven Stalinisten mehr mit Lautstärke denn mit Inhalten auf sich aufmerksam machen, finden ihre Parolen doch Gehör.

"Wenn Sie heute mit Menschen in Russland reden, kommt immer wieder die Forderung nach einem neuen starken Mann an der Spitze auf", erklärt Professor Heinz-Dietrich Löwe. "Und obwohl die Stalinisten heute kaum mehr sind als eine ‚wahrnehmbare Minderheitenbewegung', so ist die Idee eines überhöhten Alleinherrschers in der Gesellschaft doch noch immer vorhanden. Nach wie vor ist die russische Politik personalisiert, sind die Strukturen des Personenkults, der um Stalin aufgebaut wurde, präsent."

Diese Verehrung für den Mann an der Spitze ging einst so weit, dass selbst inhaftierte und von Stalins Apparat verfolgte Bürger in ihren Zellen trauerten, als sie 1953 von seinem Tod erfuhren. "Als der Rundfunk die Nachricht verbreitete, Stalin sei tot, traf dies die Bevölkerung wie ein Schock. Viele Menschen weinten, sogar solche, die unermesslich unter ihm gelitten hatten. Der Kult um seine Persönlichkeit hatte ihn als den unersetzlichen weisen Führer und Vater seines Volkes etabliert, von dem alles abhing. Die Massen fühlten sich folglich orientierungslos und in einen Zustand tiefster Hoffnungslosigkeit gestoßen. Der Andrang bei den Trauerfeierlichkeiten übertraf alle Erwartungen und sprengte jegliche Sicherheitsvorkehrungen. Die Folge waren Hunderte von Toten, zu Tode gequetscht und getrampelt", fasst es Heinz-Dietrich Löwe in seiner gelungenen Stalin-Biographie zusammen.

Hier trat nun ein interessantes Phänomen zu Tage, wurde doch Stalin gar als der Übervater gesehen, dem es nichts zu verzeihen gibt – der vielmehr selbst verzeiht. "Diese Entwicklung nahm bereits in den Dreißiger Jahren ihren Anfang, als Stalin ganz bewusst an nationale Symbole wie Ivan den Schrecklichen anknüpfte, der den einfachen Menschen als harter aber gerechter Beschützer galt", erklärt Löwe. Indes schreckte Stalin auch vor einer Kritik am großen Vorbild nicht zurück – und bemängelte dessen Zaghaftigkeit im Kampf gegen seine Feinde. So tritt denn hier eines der wichtigsten Merkmale des mächtigen Manns im Kreml zu Tage, der nicht nur zur virtuosen Beherrschung des Apparats fähig war, sondern auch zu einer vollständig amoralischen Rücksichtslosigkeit. Einer Biographie zur Person des Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili deshalb den Untertitel "Der entfesselte Revolutionär" zu geben, leuchtet folglich durchaus ein, war es doch Stalin, der von der Spitze aus seine Paladine zu immer extremerem bolschewistischen Terror antrieb.

Letztlich gelang Heinz-Dietrich Löwe eine sehr präzise Bewertung des vielschichtigen Stalin, die auf einem breit recherchierten historischen Fundament ruht. Ein wichtiger Aspekt ist hierbei sicherlich der zeitliche Rückgriff auf den jungen Stalin und seine Rolle in den Jahren vor der Oktoberrevolution, ergeben sich doch solcherart interessante Einblicke in den sich entwickelnden Charakter. Denn erst auf Basis dieser Details wird das mitunter skurrile Verhalten späterer Jahre verständlich. Sei dies nun die paranoide Furcht vor Verrätern in der eigenen Fraktion oder der Hang zur strahlend weißen Uniform, mit der der ehemalige Priester-Zögling Stalin seine Rolle als Erlöser des (russischen) Volkes unterstrich. "Dies spürte man übrigens auch bei seiner Rhetorik, die doch sehr an einen Katechismus erinnert," betont Professor Löwe.

Gleichwohl beschäftigt er sich nicht alleine mit Stalin – auch wenn seine fundierte und gut lesbar geschriebene Biographie dies vermuten lassen könnte. Der Direktor des Seminars für Osteuropäische Geschichte und Leiter der aus Drittmitteln finanzierten "Forschungsstelle für Geschichte und Kultur der Deutschen in Russland" gab in den vergangenen Jahren mit verschiedenen Büchern zum Antisemitismus im zarischen Russland, zur Lage der dortigen Bauern zwischen 1860 und 1910 oder zur zaristische Judenpolitik Einblicke in eine für uns noch immer leidlich unbekannte Welt. Weitere seiner Interessensgebiete beschäftigen sich mit der russischen Nationalitätenpolitik, der revolutionären Bewegung und der russischen Intelligenz, Volksaufständen in Russland seit dem 17. Jahrhundert, der russischen Wirtschaftsgeschichte sowie den Juden im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Polen. "Zudem läuft gegenwärtig ein von der DFG gefördertes Projekt über den Einfluss des Kinos auf die Großstadtgesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts – im Vergleich zwischen London, Berlin und St. Petersburg."

Seit 1992 ist Heinz-Dietrich Löwe Direktor des Seminars, das 1964 gegründet wurde, gleichwohl aber keine größeren Feierlichkeiten plant. "Wir arbeiten statt dessen an einem Band zu russischen Aufständen und Revolutionen in der Zeit zwischen dem frühen 17. Jahrhundert und 1920 – das ist quasi unser Geschenk an uns selbst", erklärt Professor Löwe, der von 1997 bis 1999 als Prorektor der Universität Heidelberg für internationale Beziehungen, für die Geisteswissenschaften und für die Lehre zuständig war.

Indes gab es kürzlich noch ein weiteres Jubiläum am Seminar zu feiern – den 60. Geburtstag des Direktors nämlich, dem aus diesem Anlass eine Festschrift gewidmet wurde. "Mit so einer Überraschung hatte ich ehrlich nicht gerechnet – und deshalb hat mich das Buch umso mehr gefreut", betont Heinz-Dietrich Löwe abschließend. "Aber irgendwie passt das auch zur guten Atmosphäre hier am Seminar. Denn selbst wenn wir uns zuweilen mit so erschreckenden Themen wie dem stalinistischen Terrorregime beschäftigen, sollte doch die Freude an der Arbeit nicht darunter leiden." Wer je sein Werk zu Stalin gelesen hat, wird Heinz-Dietrich Löwe sicherlich zustimmen. Denn auch wenn das Leben eines der wohl umstrittensten Männer des 20. Jahrhunderts vor Gewalt und Unmenschlichkeit geradezu strotzt, ist es doch überaus faszinierend, einen abgerundeten Einblick zu erhalten. Insofern kann man die Lektüre von "Stalin – der entfesselte Revolutionär" nur empfehlen.

Das Buch ist in zwei Teilbänden im Göttinger Muster-Schmidt Verlag erschienen und kostet 28,50 Euro. ISBN 3-7881-0153-9
Heiko P. Wacker

Rückfragen bitte an
Prof. Dr. Heinz-Dietrich Löwe
Seminar für Osteuropäische Geschichte
der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542474
heinz-dietrich.loewe@urz.uni-heidelberg.de

Rückfragen von Journalisten auch an:
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
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