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1. August 2004

"Niemand sah einen Weltkrieg voraus"

Der Heidelberger Historiker Volker Sellin über den Weg in den Ersten Weltkrieg, die Frage der Kriegsschuld und die Folgen für Europa und die Welt

Volker Sellin lehrt als Ordinarius für Neuere Geschichte an der Universität Heidelberg. Er ist Direktor des Historischen Seminars und des Instituts für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität. Die RNZ sprach mit dem Wissenschaftler aus Anlass des Beginns des Ersten Weltkrieges vor genau 90 Jahren.

Herr Professor Sellin, die Nachricht vom Kriegsausbruch hat 1914 in weiten Teilen der europäischen Bevölkerung für großen Jubel gesorgt. Wie ist das zu erklären?

Um diese Reaktion zu verstehen, muss man sich klar machen, dass Europa eine lange Friedenszeit hinter sich hatte – nämlich seit dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Die Realität dessen, was Krieg bedeutet, war aus dem Bewusstsein der Menschen weitgehend verschwunden. Zudem gab es plötzlich die Möglichkeit, für die eigene Nation einzutreten und ein Opfer zu bringen. Dass daraus ein vierjähriger Weltkrieg werden würde, hat niemand vorausgesehen. Im Gegenteil: Viele glaubten, dass die Truppen bis Weihnachten wieder zu Hause sind.

Auslöser des Krieges war die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo. Wie kam es, dass aus dem österreichisch-serbischen Konflikt ein Weltkrieg wurde?

Man kann die Ursachen des Krieges sehr weit zurückverfolgen. Auf dem Balkan hat es schon vor der Ermordung Franz Ferdinands immer wieder Krisen gegeben. Die wichtigste davon war die bosnische Krise von 1908, als Österreich-Ungarn Bosnien und Herzegowina einseitig annektierte. Das führte in Russland zu dem Entschluss, künftig keine Übergriffe Österreichs gegenüber Serbien mehr hinzunehmen, dessen Hoffnungen auf einen Adria-Zugang durch die Annexion Bosnien-Herzegowinas zunichte gemacht worden waren. Die österreichische Kriegserklärung an Serbien im Juli 1914 rief daher sofort die Russen auf den Plan.

Und die übrigen Staaten wurden durch ihre Bündnisverpflichtungen mit hineingezogen?

Das muss man differenziert betrachten. Zwischen dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn bestand in der Tat seit 1879 der Zweibund – ein Defensivbündnis, das beide Staaten verpflichtete, sich bei einem Angriff Russlands wechselseitig zu unterstützen. Dieser Zweibund war 1882 um Italien zum Dreibund erweitert worden. Italien sah den Bündnisfall 1914 aber nicht gegeben, weil in den Verträgen von einem unprovozierten Angriff Russlands die Rede war. Die Entscheidung Berlins, Österreich-Ungarn trotzdem zu helfen, war vor allem durch die Erwägung bestimmt, dass man sonst den letzten mächtigen Verbündeten in Europa verlieren würde.

Wie war es bei den westlichen Verbündeten?

Frankreich war durch ein Defensivbündnis mit Russland verbunden. Deshalb rechnete man in Berlin auch damit, dass es zu einem Zweifrontenkrieg kommen würde, wenn Deutschland wegen Serbien mit Russland in einen bewaffneten Konflikt geriet. Großbritannien war nicht verpflichtet, Frankreich und Russland zu unterstützen. Die Briten traten in den Krieg ein, weil sie fürchteten, dass das europäische Gleichgewicht in Gefahr gerate, wenn Großbritannien sich nicht auf die Seite Frankreichs schlage. Den Anlass für den britischen Kriegseintritt bot dann die Verletzung der belgischen Neutralität durch die deutschen Truppen. Italien schließlich trat 1915 auf Seiten der Gegner Deutschlands in den Krieg ein, um sich territoriale Vorteile zu verschaffen. Zusammenfassend kann man also sagen, dass die Bündnissysteme zwar eine erhebliche Bedeutung für das Zustandekommen des Krieges hatten. Aber die Entwicklung war nicht zwangsläufig.

Im Frieden von Versailles wurde dem Deutschen Reich die alleinige Kriegsschuld aufgeladen. Wie sieht die Geschichtswissenschaft die Schuldfrage heute?

Wie bereits angedeutet, muss der Zwang der einzelnen Mächte, aufgrund ihrer Bündnisverpflichtungen in den Krieg einzutreten, unterschiedlich bewertet werden. Der Begriff Kriegsschuld ist zudem problematisch, da er über die Frage der Urheberschaft hinaus eine moralische und eine juristische Kategorie bildet. Der deutsche Einmarsch in Belgien stellte jedenfalls einen klaren Bruch des Völkerrechts dar. Was nun den jeweiligen Anteil an der Herbeiführung des Krieges angeht, so ist man heute der Auffassung, dass dies für die einzelnen beteiligten Mächte unterschiedlich gewichtet werden muss. Von einer Alleinschuld des Deutschen Reiches oder der Mittelmächte, wie sie im Versailler Vertrag behauptet wurde, spricht man heute nicht mehr.

Welche Folgen hatte der Ausgang des Krieges denn für das Verhältnis der europäischen Mächte zueinander?

Aus Sicht der Deutschen fällt zunächst auf, dass die Bedrohung durch den Koloss Russland im Osten weggefallen war. Denn das Russische Reich war besiegt und die russische Grenze weit nach Osten verschoben. Was den Westen anbelangt, war durch das Sicherheitsbedürfnis Frankreichs eine Situation entstanden, die für das Deutsche Reich in den ersten Jahren nach dem Krieg eine Bedrohung darstellte. Diese Bedrohung konnte erst durch die Verträge von Locarno aus dem Jahr 1925 beseitigt werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann mit dem Abstand von einigen Jahren der Prozess der europäischen Einigung. Warum fand eine ähnliche Entwicklung nicht schon nach dem Ersten Weltkrieg statt?

Ich denke, dass es den europäischen Mächten nach dem Ersten Weltkrieg nicht gelungen ist, einen wirklichen Frieden herzustellen – weder auf dem Papier noch in den Köpfen. Deutschland blieb auf Jahre hinaus diskriminiert und wurde nicht wieder als gleichberechtigte Macht in den Kreis der Staatengemeinschaft aufgenommen. Das kann man etwa daran sehen, dass der Völkerbund, der nach dem Krieg entstand, eine Mitgliedschaft Deutschlands zunächst nicht vorsah.

Wirkte der Krieg auch über Europa hinaus?

Zweifelsohne. Der Kriegseintritt der USA 1917 bedeutete die Abkehr der Amerikaner von ihrer Isolierung vom Rest der Welt, in der sie im 19. Jahrhundert verharrt hatten. Die Amerikaner haben sich zwar nach dem Ersten Weltkrieg zunächst wieder von Europa zurückgezogen, aber nur für eine begrenzte Zahl von Jahren. Insofern ist dies sicher ein wichtiger Einschnitt in der Geschichte. Der zweite große Einschnitt ist der Zusammenbruch Russlands und die Oktoberrevolution, die den Weg bereitete für die Errichtung des kommunistischen Regimes. Die Spaltung der Welt in zwei Blöcke, wie wir sie zwischen 1945 und 1989 erlebt haben, resultiert also ebenfalls aus den Ereignissen des Ersten Weltkriegs.

Der Erste Weltkrieg wird häufig als "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" bezeichnet.

Dieser Begriff wurde von dem amerikanischen Historiker George Kennan geprägt. Er bezeichnete damit den Umstand, dass sowohl die Entstehung des Nationalsozialismus, als auch des Sowjetkommunismus als auch der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs letztlich als Folge des Ersten Weltkriegs betrachtet werden müssen. Ich bin gegenüber dieser Einschätzung jedoch vorsichtig, weil sie suggeriert, dass diese Folgeerscheinungen unausweichlich gewesen seien. Beim Aufkommen des Nationalsozialismus etwa haben jedoch noch andere Faktoren eine wichtige Rolle gespielt. Zudem würde Kennans Formulierung bedeuten, dass die Weimarer Republik von Anfang an keine Chance des Gelingens gehabt hätte. Und das würde ich nicht unterschreiben.
Christian Altmeier

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
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und
Irene Thewalt
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