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28. August 2004

Das Daumenkino des Mittelalters

Wie fast 600 Jahre alte Bilder im Heidelberger UB-Computer das Laufen lernten

Illustrationen des Codex Cod. Pal. germ. 67 (Sigenot)

Aus der Henfflin-Werkstatt: Rasch nacheinander betrachtet haben die Illustrationen des Codex Cod. Pal. germ. 67 (Sigenot) den Effekt eines Daumenkinos. Das wurde beim Digitalisierungsprojekt der Heidelberger Universitätsbibliothek entdeckt. Foto: UB

Es war die Zeit um 1470, als der anonyme Zeichner in der Handschriftenwerkstatt von Ludwig Henfflin endlich Feder und Pinsel beiseite legen konnte. Der "Sigenot" war zu Papier gebracht. Monatelang hatte er von frühmorgens bis spätabends, oft beim flackernden Schein des Talglichts, sorgfältig Buchstabe für Buchstabe gemalt und jede der 201 Seiten mit einer Federzeichnung geschmückt, die er mit Wasser- und Deckfarben kolorierte. Die bunten Bilder zeigen wildes Kampfgetümmel oder lange Dialogszenen vor einem stets blauen Himmel.

Die Werkstatt Henfflins stand vermutlich in Stuttgart und arbeitete etwa ein Jahrzehnt lang vor allem im Auftrag Margaretes von Savoyen. In vielen Schreibstuben und Klöstern werkelten im späten Mittelalter Auftragskünstler an solchen Handschriften. Jede ist ein Unikat von unschätzbarem Wert, entstanden in mühevoller, manchmal Jahre währender Arbeit. Schon für die Zeitgenossen waren diese Preziosen schier unerschwinglich. Allenfalls reiche Klöster, wohlhabende Bürger, Kaufleute oder Adelige konnten sich die meist reich mit Bildern und Ornamenten verzierten Werke von Meisterhand leisten. Heute muss ein Liebhaber mehrere Millionen Euro für ein Exemplar hinblättern – wenn denn einmal eine solche Rarität verkauft wird. Doch nur alle paar Jahre gibt es ein Angebot in einem Nobelantiquariat oder bei einer Spezialauktion. Und die Bibliotheken hüten ihre mittelalterlichen Handschriften wie Kronjuwelen.

Absolut dunkel hinter feuerfesten Tresortüren

Trotz alle Pflege und Sorgfalt aber lässt sich nicht verhindern, dass die Bücher altern. Viele sind schon stark angegriffen, obwohl sie bei konstanter Luftfeuchtigkeit und Temperatur absolut dunkel hinter feuerfesten Tresortüren lagern. Am besten setzt man sie gar nicht mehr dem Tageslicht aus. Bittet einmal ein Forscher, die kostbaren Originale im streng bewachten Lesesaal studieren zu dürfen, treibt dies den Bibliothekaren fast zur Verzweiflung, da jede Benutzung das Material schädigt. Das Licht lässt die Farben verblassen, jede Berührung, selbst mit Baumwollhandschuhen, belastet das Papier. Und auch die in der menschlichen Atemluft herabschwebenden Bakterien machen sich ohne jeden Respekt vor der historischen Bedeutung ihrer Futterquelle über diese im Handumdrehen her.

Wertvollste Bücher also – die möglichst keiner lesen soll. Um diesem Dilemma zu entgehen, beschlossen das Kunsthistorische Institut und die Universitätsbibliothek Heidelberg nach langjährigen Vorarbeiten 27 mittelalterliche Handschriften zu fotografieren und digitalisieren. Dabei geschah, mit den Worten des Mittelalters gesprochen, ganz unerwartet ein kleines Wunder. Es widerfuhr der Kunsthistorikerin Lieselotte E. Saurma und der Bibliothekarin Maria Effinger im Frühjahr 2001. Verblüfft begannen sie, die alten Handschriften in völlig neuem Licht zu sehen.

Als nämlich alle Daten und Bilder endlich im Computer gespeichert waren, drückten die beiden, für staubreiche Folianten unerhört, auf schnellen Vorlauf. "Plötzlich erwachten die fast 600 Jahre alten Bilder auf dem Schirm zum Leben und schienen sich wie ein Comicfilm vor uns zu entfalten", staunte Saurma. Einige Bücher entpuppten sich als regelrechte Daumenkinos. Zwar wusste sie nach über zehnjähriger Forschungsarbeit, dass einzelne Bildfolgen in ihren Lieblingshandschriften aufeinander aufbauen. Aber die Flüssigkeit, mit der die Bilder plötzlich über den Bildschirm rauschten und Geschichten erzählten, war einfach wunderbar.

"Die Leute müssen damals ungeheuer fasziniert gewesen sein von diesem Strom bunter Bilder. Auch wer nicht lesen konnte, war gut unterhalten und konnte sich die Erzählung vorstellen", sagt sie. Neben biblischen Geschichten waren antike Mythen beliebt, und insbesondere Heldenepen füllten viele Bände. Liebe, Tod und Leidenschaft sorgten auch im Mittelalter schon für Spannung. Also bemühten sich die Maler um möglichst eindrucksvolle und dramatische Illustrationen: Von links stampft schnaubend ein Drache heran, von rechts naht zu Pferd der edle Recke. Voller Kampfeseifer stürzen beide aufeinander los. Bald liegt das Untier niedergestreckt am Boden, erhobenen Hauptes zieht der Ritter von dannen. Nun tritt die Holde ins Bild. Schmachtende Blicke werden getauscht, Hände finden sich, zarte Bande werden geknüpft. Einige Blätter weiter schreiten Ritter und Braut zum Altar unter dem Beifall der Menge. Allerorten wird mit vollem Einsatz um Lorbeeren gekämpft, Ruhm und Ehre sind beliebte Motive, Vasallentreue oder schlicht Habgier. Zwerge huschen durchs Bild, gegen den keulenschwingenden Wilden Mann schützen Rüstung und Schwert. Lieselotte Saurma schüttelt den Kopf: "Ich war verblüfft, wie präzise der Handlungsaufbau von den Zeichnern durchkonstruiert ist. Das Grauen steigert sich von Bild zu Bild. Ein Abenteuerfilm ist vom Prinzip her auch nicht anders gemacht."

Dass Generationen von Germanisten, Historikern und Handschriftenkundlern diese Zusammenhänge übersahen, obwohl sie ihnen vor Augen lagen, erstaunt zunächst. Doch die Erklärung dafür ist einfach und einleuchtend: Die kostbaren Bücher wurden fast wie Reliquien behandelt, und die gründliche Entzifferung auch nur einer Seite nahm oft Stunden in Anspruch. Auf die Idee, die Handschriften einmal schnell und rücksichtslos durchzublättern, kam niemand. Erst der Cyberspace erschließt nun die spätmittelalterlichen Bilderfolgen: "Der Blick auf die Welt war damals gar nicht so verschieden von dem unseren", ist Saurma überzeugt. "Ein gründliches Studium dieser Bücher zeigt, dass viele Perspektiven, die wir für typisch modern halten, auch vor einem halben Jahrtausend den Menschen schon selbstverständlich waren."

Noch nie wurden so wertvolle Handschriften bearbeitet

Das schwierige Projekt der Digitalisierung der Heidelberger Sammlung begann 1999. "Ich wollte einen Weg finden, die wertvollen Handschriften zu nutzen, ohne sie aus dem Tresor nehmen zu müssen", sagt Maria Effinger. Doch mit dieser einleuchtenden Idee gingen die Probleme für die Fachreferentin im Bereich Kunstgeschichte los. Nirgendwo in Deutschland hatte man Erfahrungen mit einem solchen Vorhaben, zumal die Digitalisierung nicht nur für die hauseigene Datenbank geplant war, sondern auch für die Allgemeinheit via Internet. Zwar haben auch schon die Universitätsbibliotheken in Prag, Paris und London einige ihrer Handschriften digitalisiert. Aber niemals waren es so viele, teure und empfindliche Handschriften wie in Heidelberg.

Überraschende Hilfe kam aus dem österreichischen Graz: Der dortige Restaurator ist zugleich Ingenieur und hatte einen Spezialtisch zur Digitalisierung hochsensibler Bücher entwickelt. Auf ihm können die empfindlichen Originale millimetergenau und extrem schonend gelagert werden, eine Digital-Kamera fährt um das Buch herum. Spezielles Kaltlicht schützt die Farben, eine Leiste mit Unterdruck glättet brüchige Seiten. Bis dato wurden Bücher zum Fotografieren unter einer Glasscheibe einfach flach gepresst, dann folgte ein Blitzlichtgewitter. "Fatal, fatal für das Material", entsinnt sich Effinger dieser Prozedur mit Grausen. Nachdem sie lange Anträge geschrieben hatte, bewilligte die Deutsche Forschungsgemeinschaft schließlich Geld für das Projekt.

"Doch wie sollten wir unsere wertvollen Bücher transportieren? Wie diese unschätzbaren Schätze versichern?" Im temperaturgeregelten Lastwagen wurden im Jahr 2001 schließlich die 27 Bände in aller Stille nach Graz gefahren. Die Überführung besorgte eine auf Kunsttransporte spezialisierte Spedition. Die Versicherungssumme war astronomisch. Als besorgter Wächter flog der Restaurator der Heidelberger Universitätsbibliothek seinen Handschriften im Flugzeug hinterher. Doch die Österreichischen Kollegen arbeiteten perfekt. In nur wenigen Wochen digitalisierten sie 15 000 Seiten; nur eine einzige Seite hatten sie übersehen, vor allem aber: Keines der Bücher war beschädigt.

Nochmals ein Jahr dauerte es, bis in Heidelberg die passende Software geschrieben war. Doch nun stehen alle Handschriften farbenprächtig im Internet – und Maria Effinger kann ihre Tresortüren getrost für lange Zeit versiegeln. "Ganz egal ob Privatmann oder Forscher, mit dem Bildmaterial im Internet ist jeder gut bedient," sagt sie. Tatsächlich sei sie "ungeheuer stolz darauf, dass wir trotz aller Schwierigkeiten dieses international einmalige Projekt vollenden konnten". Und gesteht offen: "Es war mit viel Zittern und jeder Menge schlafloser Nächte verbunden."

Internet: http://palatina-digital.uni-hd.de sowie http://digi.ub.uni-heidelberg.de/cpg67
Johannes Schnurr

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
http://www.uni-heidelberg.de/presse

und
Irene Thewalt
Pressestelle der Universität
Tel. 542311
presse@rektorat.uni-heidelberg.de


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