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24. August 2004

Heidelberger Sichtweisen eines Weltkriegs

Karl Hampe: "Kriegstagebuch 1914-1919" – Herausgegeben von Folker Reichart und Eike Wolgast

Der Heidelberger Historiker Karl Hampe

Der Heidelberger Historiker Karl Hampe (Foto aus dem besprochenen Band). Die Wissenschaftler Folker Reichart und Eike Wolgast haben mit ihrem "Kriegstagebuch 1914-1919" ein Zeugnis der Alltags-, Mentalitäts- und Wissenschaftsgeschichte zugänglich gemacht.

"So ist denn heute wirklich d. Weltkrieg entbrannt! An der Grenze das erste Geplänkel zwischen Russen u. Deutschen, das aus der Mobilmachung den Krieg gemacht hat. Schon bei der Überreichung des österreichischen Ultimatums an Serbien, sagte ich Lotte, das sei der Weltkrieg. Die Ablehnung am Samstag Abend d. 25. Juli machte es sicher, da Rußlands Absicht daraus ersichtlich wurde. Dann hat sich alles automatisch weiter entwickelt. Daß es mit so reißender Schnelle geschehe, konnte man nicht ahnen."

Mit diesen einfachen, aber eindringlichen Worten beginnt ein jüngst veröffentlichtes Zeitdokument zum Ersten Weltkrieg: das Kriegstagebuch des Heidelberger Historikers Karl Hampe. Er, der in den Jahren zwischen 1903 und 1934 als Professor für Mittlere und Neuere Geschichte an der Ruperto Carola lehrte, notierte in seinem Tagebuch über fünf Jahre hinweg nicht nur die täglichen Geschehnisse der großen Politik, sondern auch deren Auswirkungen auf sein lokales, akademisches und familiäres Umfeld.

Wandel zum "Vernunftrepublikaner"

Karl Hampe hatte daran als Publizist, Hochschullehrer und Familienvater Anteil. Gleichwohl machen die Eintragungen der ersten Jahre seine private Haltung deutlich, die sich am besten mit dem Begriff "Herzensmonarchist" umschreiben lässt. Indes lässt sich anhand der zahlreichen Eintragungen – Hampe füllte in den Jahren bis 1919 rund 16 Hefte mit seiner engen Schrift – der Wandel vom Monarchisten aus tiefster Überzeugung zum "Vernunftrepublikaner" ablesen. Jedoch verlief diese Entwicklung nicht stringent, sondern im stetigen Wechselspiel mit den Ereignissen, so dass der Leser diesen Prozess in seinen Voraussetzungen und Weichenstellungen, seinen Rückschlägen und Antriebskräften Schritt für Schritt, Tag für Tag verfolgen kann. Zugleich gibt Hampe erschöpfende Auskunft über das tägliche Leben in der Heimat während des Krieges oder die Geschehnisse an der Universität – er gewährt aber auch Einblicke in seine Familienangelegenheiten, in persönliche Erfolge und private Tragödien.

Rückzug in die innere Emigration

Geboren 1869 in Bremen, studierte Hampe zunächst in Berlin, wo er 1893 promovierte. Anschließend wechselte er zur 1898 erfolgten Habilitation nach Bonn. Fünf Jahre später dann kam er nach Heidelberg, wo er bis zum Beginn des Dritten Reichs als Historiker tätig war, bevor er sich 1934 – wie viele andere Wissenschaftler – vor der braunen Diktatur in die innere Emigration zurückzog. Karl Hampe starb am 14. Februar 1936 in Heidelberg und wurde auf dem Bergfriedhof beigesetzt.

Sein umfangreiches Tagebuch – pro Tag notiert Karl Hampe meist eine komplette, eng beschriebene Seite – wurde nun in der Reihe "Deutsche Geschichtsquellen des 19. und 20. Jahrhunderts" der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften veröffentlicht. Die kommentierte Edition wurde gemeinsam von Folker Reichart und Eike Wolgast herausgegeben. Folker Reichart, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Stuttgart, und Eike Wolgast, der als Professor für Neuere Geschichte in Heidelberg lehrt, konnten das Tagebuch der Forschung in ungekürzter Fassung zur Verfügung stellen – und machen somit ein außergewöhnliches Zeugnis der Alltags-, Mentalitäts- und Wissenschaftsgeschichte zugänglich.

Immerhin war Karl Hampe nicht nur ein reflektiert denkender Historiker, der die Bedeutung der Zeit erkannte – er verwendete gleich im ersten, oben zitierten Satz den Begriff des Weltkriegs –, sondern auch ein typischer Honoratioren-Vertreter des frühen 20. Jahrhunderts.

Zudem erarbeitete er sich während des Krieges den Ruf eines Spezialisten für Belgien, was angesichts der fortwährenden Diskussion, was nach dem Konflikt mit diesem Land geschehen sollte, eine große Rolle spielte. Immerhin hatten die europäischen Großmächte Belgien 1831/1839 die Neutralität zugesichert. Nachdem dann aber deutsche Truppen einmarschiert waren, entbrannte auch darüber eine Diskussion, in der Hampe die Ansicht vertrat, "dass in der gegenwärtigen Notlage des Reiches nur der militärische Nutzen noch zähle; moralische Standpunkte seien demgegenüber ‚von geringerem Belang'". Dennoch bemühte sich Karl Hampe um persönliche Eindrücke, indem er nach Antwerpen, Dinant, Namur oder Löwen reiste.

Spezialist für Belgien

"Er machte sich ein Bild von den Kriegsfolgen und registrierte die Verwüstungen, fand aber immer wieder beschönigende Worte für sie, etwa derart, daß der Wiederaufbau schon in die Wege geleitet sei (...), daß militärische Notwendigkeiten vorgelegen hätten (...), daß immer noch einige Häuser unversehrt stünden und der Bibliotheksbau von Löwen schon aus geschmacklichen Gründen kein Verlust sei." Auch die repressiven Seiten der Besatzung sah er als notwendig an: Todesurteile gegenüber Spionen – selbst gegen Frauen – fand er gerecht, Sentimentalitäten seien fehl am Platz. Indes rückte die Bedeutung der belgischen Frage angesichts der sich stetig verschlechternden Situation an den Fronten immer weiter in den Hintergrund.

Auch in Hampes diesbezüglichen Äußerungen manifestiert sich der allmähliche Wandel seiner Sichtweisen: "Hier und da wurde er zwar immer noch um seine Meinung gebeten. Aber allmählich verschwanden die belgische Geschichte und Gegenwart aus seinem Blickfeld. Rückblickend bezeichnete er seine Veröffentlichungen zu diesem Thema als eine‚ das Publizistische streifende Historiographie', und er sah ein, daß es ... politisch richtiger gewesen wäre, die uneingeschränkte Wiederherstellung Belgiens nach dem Kriege sofort zu verbürgen und zu verkünden."

Das Heidelberger Gesellschaftsleben

Gleichzeitig fiel ihm seine optimistische Grundeinstellung wohl immer schwerer, obgleich er bis Mitte 1918 unvermindert den Wunsch nach einem raschen Sieg für Deutschland ausdrückte. "Den Kriegsverlauf beurteilte Hampe im allgemeinen optimistisch, zwang sich notfalls auch zum Optimismus und erwartete immer erneut mit Ungeduld eine ‚erlösende Nachricht'".

Letztlich musste sich aber auch Karl Hampe nach dem Ende des Krieges – und der Monarchie – neu orientieren. Indes legte er hierbei eine überraschende Flexibilität an den Tag: "'Wir lernen doch alle um. (...) Man ist in einem fortdauernden Zustand des Umdenkens', notierte Hampe am 14. Oktober 1918. Wichtig sei die Gesinnung von heute, nicht die von gestern. Er war bereit, sich mit neuen Gegebenheiten abzufinden und das, was er zuvor sich selbst verboten hatte zu denken, jetzt in seine Überlegungen einzubeziehen, bisherige Maßstäbe zu überprüfen." So war denn der Gesinnungswandel Hampes gedanklich bereits vollzogen, konnte sich der ehemalige Monarchist mit der Weimarer Republik nicht nur abfinden, sondern bis zu einem gewissen Grad anfreunden. Damit gelang ihm immerhin ein Schritt, den viele seiner Zeitgenossen nicht zu tun in der Lage waren. Diese Entwicklung lesend verfolgen zu können, ist ein mitunter anstrengendes, aber gleichwohl faszinierendes Unterfangen, das tiefe Einblicke in das Heidelberger Gesellschafts- und Universitätsleben während des Ersten Weltkriegs gibt.

Karl Hampe: "Kriegstagebuch 1914-1919". Hrsg. von Folker Reichart und Eike Wolgast. Oldenbourg Wissenschaftsverlag. München, 2004. 1020 S., geb. mit Schutzumschlag; ISBN 3-486-56756-X, 118 Euro.
Heiko P. Wacker

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