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30. August 2004

"Der Abendmahlsstreit war eine Sache auf Leben und Tod"

Heidelberger Akademie der Wissenschaften präsentiert Band 8 von "Bucers deutschen Schriften" – Der geniale Theologe erkannte früh die brisante Verquickung von Politik und Religion

Die Handschrift Martin Bucers ist auch für Fachleute eine Herausforderung.

Die Handschrift Martin Bucers ist auch für Fachleute eine Herausforderung. Ihre Edition wirft neues Licht auf die religiösen Debatten des 16. Jahrhunderts, die einen weitreichenden Einfluss auf die Politik der Epoche hatte.


Kein anderer Reformator setzte sich für die Überwindung der Trennung innerhalb des evangelischen Lagers und sogar der Trennung zwischen der evangelischen und der römisch-katholischen Kirche gleichermaßen ein wie der Straßburger Reformator Martin Bucer (1491-1551). Er gilt als der große Vermittler, als ein Vordenker, dessen theologisches Vermächtnis in den letzten Jahren immer deutlicher ins öffentliche Bewusstsein dringt. Gleichwohl: Zu Lebzeiten wurde ihm diese Anerkennung keinesfalls zuteil. Lobte man ihn einmal als einen Mann von hoher Bildung und moralischer Integrität, so sah er sich schon bald wieder harscher Kritik ausgesetzt. Ein gerissener Rhetoriker sei er, dessen Rede ein "gefährlich süßes Gift sei", so beschrieben ihn seine Gegner. Bucer musste es oft und im wahrsten Sinne des Wortes am eigenen Leib erleben, was es heißt, einen Kompromiss in den emotional aufgeheizten religiösen Debatten seiner Zeit zu suchen. Von allen Seiten angefeindet und zeitweise völlig isoliert, schuf er ungeachtet dieser schwierigen äußeren Umstände ein unfangreiches theologisches Werk.

Seit 1958 werden die Schriften Martin Bucers unter der Betreuung der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, der Landesakademie Baden-Württembergs, herausgegeben, seit 1994 besteht eine Forschungsstelle in Heidelberg. Nach rund zweijähriger Vorarbeit präsentiert sie am 9. September zusammen mit dem Gütersloher Verlagshaus und der Johannes a Lasco Bibliothek in Emden Band 8 von "Bucers deutschen Schriften". Bearbeitet wurde der Band "Martin Bucer Abendmahlsschriften 1529 – 1541" von Dr. Stephen Buckwalter. "Die Reformationsbewegung wurde nur wenige Jahre nach ihrem Beginn durch eine innere Krise existentiell bedroht: nämlich durch den Streit über das richtige Verständnis des Abendmahls. Wir mögen heute darüber schmunzeln und diese Sache als eine Lappalie betrachten – doch für die damals Beteiligten handelte es sich hierbei um eine Frage von Leben und Tod. Um ein Politikum von europaweiten Ausmaßen." Der 8. Band der "Deutschen Schriften" Martin Bucers umfasst insgesamt zehn Texte, die ein repräsentatives Bild des Denkens Bucers der Jahre 1529 bis 1541 zeichnen. In ihnen wird die unmittelbare politische Brisanz der bahnbrechenden Vorstöße Bucers deutlich.

Religion bedeutete für die damaligen politischen Führer in keiner Weise eine Privatangelegenheit. Sie betrachteten sich vielmehr als für das Seelenheil ihrer Untertanen verantwortlich. Zugleich entschied die richtige Einstellung zum Abendmahlsstreit über die Zugehörigkeit zu Militärbündnissen und damit letztlich über das politische Überleben einer Reichsstadt oder eines fürstlichen Territoriums. Wohl keiner hat diese Verquickungen so deutlich begriffen wie Bucer. Die Positionen, welche er miteinander zu versöhnen versuchte, schienen aber zunächst vollkommen unüberbrückbar. Zwingli und mit ihm die meisten Anhänger der Reformation in Süddeutschland waren der Ansicht, dass Gott sich den Menschen nur im Glauben schenke und sich grundsätzlich nicht an äußere Mittel wie die Sakramente binde. Das Abendmahl habe deshalb nur symbolische Bedeutung. Dagegen vertrat Luther die Ansicht, dass das göttliche Geschenk des Glaubens vor der Gefahr der menschlichen Einbildung und Selbstbestätigung geschützt werden müsse. Deshalb musste Christus für Luther im Abendmahl leiblich anwesend sein, ebenso wie Christus Mensch geworden war.

Bucers eigentümliche Leistung war es – und davon zeugen die im Band 8 gesammelten Schriften auf besonders eindrückliche Weise -, in kreativem Rückgriff auf die griechischen Kirchenväter einen dritten, eigenständigen Standpunkt zu entwickeln, der die Wahrheitsmomente beider Positionen in sich vereinte. Deutlich wird in diesen Schriften aber auch die Tragik Bucers, dass er gerade wegen seiner Versöhnungsbemühungen immer wieder angefeindet wurde. Von den Lutheranern brachten sie ihm den Vorwurf ein, dass er zugunsten der Zwinglianer Partei nehme. Im Gegenzug wurde er von den Zwinglianern, besonders dem einflussreichen Zürcher Kirchenvorsteher Heinrich Bullinger, bewusst missachtet.

In den 1530er Jahren ist Bucer in seinem Bemühen, den Abendmahlsstreit zu überwinden, über 2.000 Kilometer im Jahr gereist. Beharrlich suchte er die Gegner im Abendmahlsstreit in Basel, Bern, Zürich, Konstanz, Ulm, Memmingen, Augsburg, Frankfurt, Kassel und Wittenberg persönlich auf und versuchte, sie miteinander ins Gespräch zu bringen. Der Durchbruch gelang ihm endlich am 28. Mai 1536, als durch seine Vermittlung Luther und die Vertreter von acht süddeutschen Reichsstädten, die bisher als zwinglianisch galten, eine gemeinsame Abendmahlserklärung unterzeichneten.

Der neue Band der Schriften Martin Bucers

Der neue Band der Schriften Martin Bucers wird am 9. September in Emden präsentiert.

Martin Bucer, "Abendmahlsschriften 1529-1541". Bearbeitet von Stephen Buckwalter. 515 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag 128 Euro. ISBN 3-579-04894-5.

Rückfragen bitte an
Dr. Johannes Schnurr
Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
der Heidelberger Akademie der Wissenschaften
Tel.: 06221-54 34 00, Fax 54 33 55
johannes.schnurr@urz.uni-heidelberg.de

sowie
Dr. Stephen Buckwalter
Forschungsstelle Martin Bucers Deutsche Schriften
Tel. 06221-54 43 90, Fax 54 43 95
stephen.buckwalter@urz.uni-heidelberg.de

Rückfragen von Journalisten auch an:
Irene Thewalt
Pressestelle der Universität
Tel. 542311
presse@rektorat.uni-heidelberg.de


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