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24. Juli 2004

Ein Jahr in der Südsee: Traum oder Trauma?

Die Heidelbergerin Ethnologin Stephanie Walda wird 12 Monate auf der Miniinsel Sonsorol leben – 25 Einwohner auf zwei Quadratkilometern

Die Ethnologin Stephanie Walda

Geht ein Jahr auf eine einsame Insel: Die Ethnologin Stephanie Walda. Foto : Alex

Robinson traf wenigstens noch seinen Freitag, als er auf einer einsamen Insel strandete; dem brachte er seine Sprache und Kultur bei. Stephanie Walda wird niemanden haben, der ihre Sprache spricht und ihre Kultur kennt, wenn sie ab Ende November zwölf Monate auf Sonsorol leben wird. Sonsorol wirkt auf der Landkarte wie ein Nadelstich im Pazifischen Ozean. Das zwei Quadratkilometer große Inselchen gehört zu den Southwest Islands, und die wiederum gehören zu Mikronesien, was wiederum zu Ozeanien gehört und nordwestlich von Papua Neuguinea liegt – grob gesprochen. Um Sonsorol herum ist nichts als Wasser, zur nächsten größeren Insel mit einem urbanen Minizentrum, sind es 22 Stunden Bootsfahrt.

Das Inselchen Sonsorol

Ein Nadelstich im Pazifik ist das Inselchen Sonsorol; hier will Stephanie Walda ein Jahr leben. Repro : RNZ

Stephanie Walda ist eine patente junge Frau und wirkt nicht wie jemand, der sich unbedingt selbst beweisen muss oder aus seinem Alltag aussteigen will. Nach Sonsorol geht die 29-Jährige der Arbeit wegen, denn Stephanie Walda studiert Ethnologie und arbeitet bei Professor Jürg Wassmann an ihrer Promotion. Wie sich Migration und sozialer Wechsel auf die Menschen in Sonsorol auswirken, will sie wissen, und dazu gehört natürlich ausführliche Recherche vor Ort.

Bereits vor drei Jahren hat die ausgebildete Buchhändlerin, die sich ihr Studium mit einem Nebenjob in der Buchhandlung Schmitt und Hahn verdient, sechs Monate im australischen Perth studiert, um dort ebenfalls das Thema "Migration" zu erforschen. Während es über ausgewanderte Samoaner, die in Neuseeland leben, wenigsten noch Literatur gibt, gibt es über Sonsoroler, die auf die Hauptinseln Palaus ausgesiedelt sind, buchstäblich nichts.

Stephanie Walda hatte "ihr" Thema gefunden und noch dazu einen Sponsor: die VW-Stiftung finanziert ihr und einigen weiteren Doktoranden die einjährige Feldforschung und ein weiteres Jahr, in dem sie nach ihrer Rückkehr in Heidelberg ihre Promotion ausarbeiten kann. "Dafür bin ich sehr dankbar, das ist eine tolle Chance", freut sich die gebürtige Rendsburgerin.

Auf Sonsorol leben 25 Menschen; von ihnen weiß Stephanie Walda nur, dass sie von der Altersstruktur her gemischt sind, Sonsorolisch und Englisch sprechen, in einfachen Hütten leben und sich vorwiegend von Fisch, Kokosnuss und Früchten ernähren. "Eine Familie wird mich ,adoptieren', ich werde bei ihnen leben und den Alltag mit ihnen teilen", blickt die junge Ethnologin voraus, die gerade die Sprache der Einheimischen lernt.

Privatsphäre wird sie keine haben, denn die Hütten sind klein und Rückzugsmöglichkeiten nicht vorgesehen. Dafür wird sie die traditionellen Aufgaben einer Frau wahrnehmen ("so in etwa Küche, Kinder, Kirche"). Eine Kirche gibt es auf Sonsorol tatsächlich, ebenso eine Schule und eine Krankenschwester für kleinere Wehwehchen. Wer ernstlich krank wird, muss ins Krankenhaus nach Koror, das dauert besagte 22 Bootsstunden.

Ende der 60er Jahre lebten noch 70 Bewohner auf Sonsorol, in einigen Jahren wird die Insel vielleicht völlig entvölkert sein. "Die Bewohner sind sich dieses Problems aber bewusst und sehr besorgt um ihre kulturelle Identität", weiß Stephanie Walda. Es werde nicht leicht sein, diesen Menschen gerecht zu werden, zumal sie ja sehr eng mit ihnen zusammenleben werde.

Klar, dass der jungen Forscherin manchmal etwas mulmig wird, wenn sie sich ihr Leben in der Südsee vorstellt. "Am Anfang ist bestimmt alles neu und aufregend, aber so nach zwei bis drei Monaten könnte ein Inselkoller drohen", weiß sie von anderen Ethnologen, die derartige Feldforschungen schon hinter sich haben. Deshalb ist etwa zu diesem Zeitpunkt ein mehrwöchiger Aufenthalt im Dorf Echang auf einer größeren Nachbarinsel geplant. Da gibt es dann wenigstens Strom, damit Stephanie Walda die gesammelten Daten in ihren Laptop speisen kann.

Im Gepäck hat sie neben einem Aufnahmegerät und diversen Batterien stapelweise Schreibblocks für ihre Interviews, einen Walkman mit heimatlichen Musikkassetten, Sonnenmilch, Autan und persönlichen Medikamenten drei Bücher, die die Buchhändlerin sorgfältig ausgewählt hat: etwas Spannendes, nämlich Dostojewskis "Brüder Karamasow", etwas Witziges, nämlich Satiren von Max Goldt, und dazu den Erfahrungsbericht des Ethnologen Nigel Barley mit dem bezeichnenden Titel "Traumatische Tropen".

Damit das für Stephanie Walda nicht zutrifft, kommt ihr Ehemann sie nach sechs Monaten auf Sonsorol besuchen. Er promoviert als Kunsthistoriker und hält in Heidelberg die Stellung; der Kontakt der beiden wird sich während Stephanies Südseeaufenthalt auf Briefe beschränken, die ein Postschiff einmal im Monat auf Sonsorol ablädt. Informationen über die politischen und kulturellen Ereignisse in der "Außenwelt" wird es sonst keine geben.

"Mir wird in meiner Biografie ein Jahr Weltgeschehen fehlen", weiß sie. Dass es für sie dennoch ein überaus erfülltes, ereignisreiches Jahr sein wird, steht aber schon fest.
Ingeborg Salomon

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
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