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6. Juli 2004

Das Ritual der Kloßgemeinschaft

Forscher des SAI untersuchen Bräuche in Nepal – Sonderforschungsbereich

Forscher des SAI untersuchen Bräuche in Nepal

Auch in Nepal sehr selten: Ein Umzug befördert einen überdimensionierten Tonkrug, in dem eine alte Frau oder ein alter Mann sitzt – als Ausdruck höchster Achtung vor dem Alter eines Menschen. Foto: privat

Ein westlicher Besucher spürt bei einem Aufenthalt in Nepal auf Schritt und Tritt, dass er sich in einem gänzlich fremden Kulturkreis befindet. Vor allem dann, wenn er Zeuge von Handlungen und Ritualen wird, die nicht nur bei uns unbekannt sind, sondern selbst in Nepal nur sehr selten vorkommen. So kann es geschehen, dass ihm ein Umzug begegnet, der einen überdimensionierten Tonkrug durch das Dorf oder das Viertel bewegt, in dem eine alte Frau oder ein alter Mann sitzt. Dies sollte er indes keineswegs als derben Scherz auf Kosten eines Greises verstehen, sondern vielmehr als Ausdruck höchster Achtung vor dem Alter.

Respekt vor dem Alter

Hinter dem obskur erscheinenden Vorgang verbirgt sich nämlich der Brauch der Newar, der ältesten Gruppe im Katmandu- Tal, einem Menschen, der 77 Jahre, 7 Monate, 7 Tage und 7 Stunden alt ist, alle Ehren zu erweisen, um den Respekt vor diesem für nepalesische Verhältnisse sehr hohen Alter deutlich zu machen. "Zugleich auch symbolisiert der Tonkrug die baldig zu erwartende Rückkehr in den Mutterleib", erklärt Axel Michaels vom Heidelberger Südasien-Institut den Brauch, für den ein spezieller Tonkrug geformt wird, den man anschließend wieder zerschlägt.

"Natürlich wird dieser Ehrentag auch von einem Festessen begleitet, an dem alle Familienangehörigen und Kastenmitglieder teilnehmen", betont Prof. Michaels, der gemeinsam mit anderen Heidelberger Wissenschaftlern und Alexander von Rospatt von der Berkeley University noch an zahlreichen weiteren ungewöhnlichen, bislang kaum beachteten Bräuchen forscht.

In diesem Zusammenhang beschäftigt er sich vor allem mit den Handlungen, die direkt nach dem Tod vorgenommen werden, und den Toten sicher in den Himmel geleiten sollen. "So braucht der Verstorbene beispielsweise in den ersten zehn Tagen einen speziellen ‚Jenseits-Körper', der aus Mehlteigklößen geformt wird." Interessanterweise kommt es hierbei erst am dritten Tag zu einem stark ritualisierten Weinen der Frauen. Ansonsten wird das Geschehen von überraschend wenig tränenreicher Trauer begleitet – was jedoch keineswegs bedeuten soll, die Menschen würden nicht trauern. Es äußerst sich nur in anderen Formen.

"Auffällig ist auch, wie sehr der Tod in Nepal innerhalb der Dorf- oder Ortsgemeinschaft abläuft. Viele der Rituale sind öffentlich – auch die Verbrennung am Flussufer. Das ist sicherlich einer der größten Unterschiede zu unserer Welt, in der der Tod doch stark tabuisiert ist und beinahe als obszön gilt."

Dessen ungeachtet ist es für westliche Forscher nicht immer leicht, solche Rituale zu untersuchen. "Unser wichtigstes Anliegen ist es deshalb, ein Vertrauensverhältnis zu den Menschen herzustellen." Dass solch ein Vertrauen natürlich nicht bei einem kurzen Besuch entsteht, liegt auf der Hand. So ist denn die kontinuierliche und regelmäßige Forschungsarbeit vor Ort das wichtigste Handwerkszeug von Wissenschaftlern wie Axel Michaels, der seit über 20 Jahren nach Nepal reist – oder seinem Kollegen Niels Gutschow, der seine Feldforschungen seit rund drei Jahrzehnten betreibt.

In Anerkennung seiner Leistungen wurde er Anfang des Jahres von der Universität Heidelberg zum Honorarprofessor ernannt. "Niels ist gegenwärtig fünf Monate im Jahr in Nepal – und das ist wichtig, könnten wir doch sonst kaum eine Familie bei einem so heiklen Thema wie dem Tod eines Angehörigen beobachten. Oft kennt man deshalb auch die Verstorbenen selbst, hatte seit Jahren Kontakt mit ihnen.

Als Fremdkörper muss man sich hier kaum fühlen." In unserem Kulturkreis würden wir hingegen einen Wissenschaftler, der als Beobachter den Heimgang eines Angehörigen begleitet, eher als störend empfinden – zumal, wenn dieser aus einem anderen Land stammt. "In der traditional geprägten Kultur Nepals, in der keine Verdrängung des Todes stattfindet, ist dies hingegen etwas anders", betont Axel Michaels. "Besonders wichtig ist aber auch, dass wir unsere Arbeit niemals als ‚wissenschaftliche Einzelkämpfer' leisten könnten. Wir sind ein Team – sonst ließen sich solch komplexe Vorgänge kaum erforschen."

Mehlklöße symbolisieren den Toten

Immerhin hält die Kultur der Newar noch unzählige weitere Rituale bereit. Gerade die bereits angesprochenen Mehlklöße sind eine interessante Facette der Totenrituale – und Arbeitsfeld von Johanna Buss, die ebenfalls am SAI beschäftigt ist. So nehmen die Menschen in Nepal mit einem "Ritual der Kloßgemeinschaft" – so die sinngemäße Übersetzung von "sapindikarana", dem Höhepunkt des Rituals – Abschied. Dabei werden Mehlklöße, die den Verstorbenen symbolisieren, mit jenen vermischt, die die drei vorangegangenen Generationen darstellen. Dadurch soll der Verstorbene sicher zu seinen Ahnen ins Jenseits geleitet werden, und nicht als unbefriedeter Geist zurückkehren.

Zugleich lassen die Klöße den Tod regelrecht "be-greifbar" werden, was für die Hinterbliebenen eine Hilfe bei der Bewältigung des Verlusts darstellen kann. Nach Ablauf einer ebenfalls ritualisierten Trauerzeit werden die Klöße dann in den Fluss geworfen, bzw. den Hunden und Krähen vorgesetzt. "Hier taucht der Topos der unsterblichen Krähe auf", erzählt Axel Michaels. "Man glaubt ja, dass die Krähen vom Trank der Unsterblichkeit getrunken haben – und man deshalb niemals einen dieser Vögel tot sieht."

Auch der Hund spielt eine bedeutende Rolle nach dem Tod – und nimmt sogar aktiv an den Ritualen teil. "So ist es unter anderem Brauch, dass einige Tage nach dem Tod persönliche Gegenstände oder Kleidung des Verstorbenen vor dem Haus zusammengetragen werden, wobei dessen Leibspeise nicht fehlen darf.

Die Newar glauben nun, dass sich die noch unruhige Seele des Toten während der Übergangsphase in einem Hund befindet. Kommt deshalb ein streunender Hund und frisst von der Leibspeise, wird dies als gutes Omen für den Eintritt der Seele ins Jenseits gedeutet. Nicht selten wird hierbei auch ein wenig nachgeholfen, und das besonders lecker zubereitete Gericht ganz oben auf den Stapel der persönlichen Besitztümer des Toten gestellt", weiß Axel Michaels zu berichten.

SFB 619 " Ritualdynamik"

In Nepal, wo Alters, Toten- und Ahnenrituale ohnehin noch stark verbreitet sind, finden die Wissenschaftler des SAI, die sich mit solchen Bräuchen beschäftigen, ideale Bedingungen – auch wenn sich die Arbeit vor Ort mitunter über Jahrzehnte hinzieht. Rückhalt bietet hier ein entsprechender Sonderforschungsbereich, als dessen Sprecher Prof. Axel Michaels fungiert. Der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Rektorat der Ruprecht-Karls-Universität geförderte Sonderforschungsbereich "Ritualdynamik (SFB 619)" umfasst zwölf kultur- und sozialwissenschaftliche Fächer aus sechs verschiedenen Fakultäten.

Nahezu 50 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten hier langfristig in 16 interdisziplinär vernetzten Teilprojekten zusammen, um den von der älteren Forschung vernachlässigten Aspekt der Ritualdynamik zu erforschen. Und dass es hier noch vieles zu erforschen gibt, wird spätestens bei der Betrachtung eines nepalesischen Greises deutlich, der in einem Tonkrug durch den Ort gefahren wird. Das mag einem westlichen Besucher obskur erscheinen – für die Menschen dort ist es ein zwar seltenes, aber doch wichtiges Ritual. Und Bestandteil ihrer Kultur.
Heiko P. Wacker
Rhein-Neckar-Zeitung

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