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8. Juli 2004

Ein unägyptischer Ägyptologe

Eröffnung der Heidelberger Gadamer-Professur 2004 mit Jan Assmann

Prof. Jan Assmann

Sprach über einen Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte: der Ägyptologe Jan Assmann. Foto: Alex

"Vielleicht hätte ich doch ein anderes Thema wählen sollen", meinte Jan Assmann mehr ironisch als selbstkritisch, als plötzlich jemand in die alte Aula der Universität vordrang und zu protestieren anhob. Der seit letztem Jahr emeritierte Professor für Ägyptologie, lebendigstes Beispiel dafür, wie sehr es sich in Heidelberg lohnt, eines der Orchideenfächer zu studieren, weiß, dass er mit seinem Lebenswerk so manche provoziert hat. Er ist der Begriffsvater der "Mosaischen Unterscheidung", der Differenzierung von wahrer und falscher Religion durch Moses, sowie dem "kulturellen Gedächtnis", wonach gerade kulturelle Symbole Träger von Erinnerungsspuren sind, die eine bestimmte Kultur prägen. Gerade letzteres verleiht Assmanns Denken geisteswissenschaftliches Profil und prädestiniert ihm zum Vermittler zwischen Epochen, Religionen und Kulturen. Dankbar trat er die 3. Gadamer-Professur an und wusste dabei, eigentlich war Jacques Derrida dafür vorgesehen, der aber ist so schwer erkrankt, dass er daran nicht zu denken vermag.

"Der Preis des Monotheismus", lautet der Titel der dreiteiligen Veranstaltungsreihe, die heute um 19.15 Uhr ebenfalls in der alten Aula mit dem Vortrag "Gott und die Götter in Thomas Manns Josephs-Roman" fortgesetzt sowie am Freitag um 11.15 Uhr im Kammermusiksaal der Stadthalle mit der Podiumsdiskussion "Herrschaft und Heil-Politische Dimensionen des Monotheismus" abgeschlossen wird.

"Der Preis des Monotheismus" war auch Thema der Eröffnungsrede, eine kleine Summa dessen, worum Assmanns Versuch einer ägyptologischen Antwort auf die Situation unserer Zeit kreist. Assmann denkt dabei in Diskontinuitäten und spürt Brüche im historischen Prozess auf. Die postmoderne Situation heute versteht sich für ihn allgemein als Entdeckung der Gewalt innerhalb der ihr vorangegangenen Moderne. Darum sind seine Thesen zum Monotheismus sehr wohl aktuell, da dieser für die Religion das Problem von Intoleranz und Gewalt mit sich herumtrage.

Die Begriffe Monotheismus und Polytheismus jedoch wurden in der Aufklärung entwickelt. Auslöser war die Historisierung religiösen Geschehens, Moses, verstanden als Religionsstifter, geriet ins Zentrum dieses Diskurses. Sein Name bezeichnete die Wende vom Ägyptischen zum Hebräischen und steht für "die Geschichtlichkeit der Offenbahrung, die Gott mit voller Absicht dem ägyptisch assimilierten Volk durch einen ägyptisch erzogenen Führer zuteil werden ließ". Der biblische Gott hatte dabei eine staatstragende Bedeutung, die die Hebräer als Nation organisierte, nachzulesen bei Friedrich Schillers "Die Sendung Moses". Genau darin erblickt Assmann einen Kern der Gewalt im Monotheismus, in der Notwendigkeit, die Mysterien der Religion dem Volk als politische Theologie vermitteln zu müssen.

Weiter stünde von da an der Name Moses nicht nur für den Verkünder des einen Gottes, sondern auch für den Gesetzgeber. Der Monotheismus greift in das Leben ein, indem er dies neu gestaltet und normative Kraft ausübt. Assmann exemplifizierte dies am Beispiel der Schriftlichkeit, an der Frage der Mitgliedschaft in einem Bund sowie am Motiv der Reue und dem des Martyriums. Dabei unternahm er zuletzt einen historischen Exkurs in das 2. Jh. v. Chr. als der polytheistische Seleukide Antiochus IV. Epiphanes den Plan fasste, in seinem Reich solle fortan nur eine Kultur, nur eine Religion herrschen. Das führte zum Widerstand der Juden unter Führung von Yehuda Makkabi, für Assmann der erste religiös motivierte, nicht nur als solcher interpretierte, Krieg der Weltgeschichte. Man kämpfte, ja "eiferte" für Gott und riskierte das Martyrium, ein Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte. Dieser jedoch musste erst im 18. Jahrhundert für die Antike entdeckt werden, um heute seine Aktualität zu beweisen.

Eine große Brücke spannte Jan Assmann über die Zeiten. Im alten Ägypten hätte es aber angeblich gar keine Brücken gegeben, darum sei er eigentlich ein sehr unägyptischer Ägyptologe. Mag sein, aber in seinem Eröffnungsvortrag erwies er sich unbedingt als würdiger Denker zu Ehren Hans-Georg Gadamers.
Franz Schneider

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
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