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17. Juni 2004

Navigator auf dem Ozean des Neuen

Von Baudelaire bis Handke: Helmuth Kiesels "Geschichte der literarischen Moderne"

Kurt Schwitters : Titelfoto des hier besprochenen Bandes

Kurt Schwitters: "Ohne Titel, mit Apfelstück und grünen Blättern" (1936 / Ausschnitt) – das Titelfoto des hier besprochenen Bandes.

In das Meer der Literaturgeschichte im deutschsprachigen Raum kommt erhebliche Bewegung, als sich während der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts im Umfeld des Naturalismus eine Woge des Wandels aufbaut. Der Heidelberger Germanist Helmuth Kiesel führt in seinem neuen Buch "Geschichte der literarischen Moderne. Sprache, Ästhetik, Dichtung im zwanzigsten Jahrhundert" zu diesem Aufbruch aus: "In Deutschland wurde das Moderne-Gefühl – nach ersten Ansätzen in der Romantik – um 1880 begrifflich virulent und führte 1886/87 zur Proklamation der ‚Moderne' als einer eigenen Epoche, die sich von der aufs normative Vorbild der Antike verpflichteten Kulturtradition entschieden absetzte und sich mit einem bis dahin unbekannten Selbstbewusstsein als modern, progressiv und in jeder Hinsicht innovatorisch verstand."

Alfred Döblin, Bertolt Brecht und Gottfried Benn

Schlüsselfiguren der literarischen Moderne: (v.l.) Alfred Döblin, Bertolt Brecht und Gottfried Benn. Fotos: Archiv


Der Literaturwissenschaftler spricht im Hinblick auf Pluralität und Simultaneität innerhalb der literarischen Moderne von einem "Prozess aus Prozessen, die den Möglichkeitsspielraum modernen Schreibens in vielerlei Richtungen ausgeschritten haben". Die sich durch den Willen zur Innovation immer mehr beschleunigende Grundströmung peitschte bald "in rascher Folge die 'Ismen'" hervor: "Die programmatische Moderne und die folgende, mit der Proklamation des Futurismus 1909 inaugurierte avantgardistische Moderne ist die Zeit der Ismen: Naturalismus, Symbolismus, Ästhetizismus, Impressionismus, Expressionismus, Aktivismus, Futurismus, Dadaismus und Surrealismus, um nur die wichtigsten zu nennen, lösten einander als kurzfristig dominierende Stilrichtungen ab oder bestanden für eine gewisse Zeit nebeneinander her."

Aber selbst in diesen bewegten Phasen bleibt Helmuth Kiesel stets der souveräne Navigator auf dem Ozean des Neuen, der den Leser klar und elegant durch die vielgestaltige Epoche lotst. Trotz der Komplexität des Themas und hoher Forschungssättigung – der Anhang mit Anmerkungen, Literaturliste, Namen- und Sachregister umfasst mehr als 170 Seiten – gerät der Darstellungsstil bisweilen sogar brillant, so dass dieser Band alle Voraussetzungen für ein Standardwerk bietet. Informierend, abwägend, argumentierend sowie folgernd zieht der Germanist den Leser mit einem so originalen wie geschliffenen Sprachduktus in seinen Bann und zugleich in die Welt der literarischen Moderne mit ihren zahlreichen Facetten.

Das zeitliche Fließen dieser Epoche spiegelt sich in der Abfolge der sieben Teile des Bandes: Auf die Einleitung folgen "Die Proklamation der Moderne und erste Realisierungen", "Literatursoziologische Aspekte der Moderne", "Prinzipien der programmatischen Moderne" sowie "Sprachkrise und Überwindungsversuche"; hinzu kommen "Der avantgardistische Zug der Moderne", "Reflektierte Moderne" und zum Ausklang "Entwicklungsmomente der reflektierten Moderne in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts".

Gleichzeitig sorgt die sachliche Differenzierung in den verschiedenen Kapiteln für eine beeindruckende Tiefenschärfe. Allerdings werden auch Einzelaspekte häufig durch thematische Rückgriffe mit dem Ganzen verbunden. Interdisziplinarität etwa in Gestalt von Exkursen in die Kunst- oder Sozialgeschichte sowie Internationalität vor allem hinsichtlich der europäischen Moderne sorgen für eine weitere Vernetzung des Themas wie für einen guten Überblick.

Und dieser führt dem Leser vor Augen, dass in der literarischen Moderne die Jahre um 1930 als eine Art "Sattelzeit" erscheinen: "Mit dem Surrealismus, der sich 1924 zu formieren begann, kam die avantgardistische Innovation an ein Ende." Außerdem: "Der Hitler-Stalin-Pakt (23.8.1939) und der unmittelbar folgende Beginn des Zweiten Weltkriegs bedeuten für die Geschichte der Avantgarden eine Zäsur." In der damit abgeschlossenen ersten Hälfte der literarischen Moderne stößt man bei aller Systematik gleichwohl auf ein großes Panorama interessanter Phänomene. Zu ihnen zählen etwa die Bedeutung der Metropolen Berlin, Wien und München für die Moderne; während zum Jahreswechsel 1886/87 im Berliner "Magazin für Litteratur des In- und Auslandes zehn Thesen der freien litterarischen Vereinigung ‚Durch!'" die Ausrufung der programmatischen Moderne bedeuteten, wurde später Wien zeitweilig wichtiger für die neue Epoche.

Dann wird etwa im Abschnitt "Moderne – Religion – Konfession" mit Bezugnahme auf Gottfried Benn die Relevanz des protestantischen Pfarrhauses diskutiert: "Die Elite des deutschen Geisteslebens seit der Reformation entstammt zu einem guten Teil dem protestantischen Pfarrhaus." Und unter der Überschrift "Moderne und Judentum" heißt es: "Diese essentielle Leistung der Juden für die kulturelle Moderne wird noch erstaunlicher und erscheint geradezu mirakulös, wenn man das ‚Judenproblem', wie Benn sagt, tatsächlich ‚statistisch' betrachtet. Denn der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung war in Deutschland verschwindend gering ...".

Zu den "Prinzipien der programmatischen Moderne" wird beispielsweise die "Integration des Unschönen in die Schöne Literatur" gezählt. Frühe Wegbereiter waren hier Charles Baudelaire mit den "Blumen des Bösen" (1857) und Arthur Rimbaud in Frankreich: Sie haben die Suche nach dem Neuen und die Entgrenzung "zum Programm der Moderne erhoben". Bei den bedeutenden Autoren der "reflektierten Moderne" – Kiesel zieht diesen Begriff der "klassischen" oder "gemäßigten" Moderne vor – um 1930 wie Alfred Döblin, Bertolt Brecht und Gottfried Benn entwickelt sich die Montage zu einem literarischen Hauptinstrument, wie in den Kapiteln "Alfred Döblin: Montageroman", "Bertolt Brechts episches / montierendes Theater" und "Gottfried Benns Montagegedicht" dargelegt wird.

Schillernder Begriff der Postmoderne

Es sind dann auch diese drei Autoren, an denen der Germanist exemplarisch die Kontinuität der Moderne in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufzeigt, wenn er Döblin mit Ingeborg Bachmann, Brecht mit Heiner Müller und Benn mit Paul Celan in Beziehung setzt. Besonders schön zeigt sich Kiesels diskutierende Darstellungsweise in der Bewertung Heiner Müllers: "Wäre die Postmoderne ... nur von dem Wunsch nach geschichtlichem Vergessen bestimmt, so wäre Müllers Theater des körperlichen Erinnerns geschichtlicher Gewalttaten und fortdauernder Unterdrückungsverhältnisse das krasse Gegenteil von Postmodernismus. Gehört zur postmodernen Haltung aber, wie die Apologeten des Postmodernismus sagen, auch die Kritik an dem gesellschaftlichen Machbarkeitswahn der rationalistischen und bürokratischen Moderne, so besteht zwischen ihr und dem Müllerschen Theater auch in diesem Punkt so viel Affinität, dass es sehr wohl als ‚postmodern' zu bezeichnen ist."

Von Anfang an bezieht Helmuth Kiesel den schillernden Begriff der Postmoderne in seine Ausführungen mit ein: Bereits in der Einleitung wird Leslie A. Fiedlers "The Case for Post-Modernism / Plädoyer für eine Postmoderne" (1968) angesprochen. Und in den abschließenden "Fortschreibungen der Moderne: zum Beispiel Peter Handke" konstatiert der Wissenschaftler bezüglich dieses Schriftstellers: "Von der Postmoderne unterscheidet ihn das Beharren darauf, nicht nur die ‚Oberfläche' der Dinge, sondern ihre Essenz zur Darstellung zu bringen, und dies in einer authentischen Form, die sich persönlichem Erleben verdankt und persönlich verantwortet wird."

Alles in allem ein Buch der weiten Horizonte, mit dem man gern literarhistorisch in See sticht – zum Zwecke einer gezielten Recherche oder auch einer interessanten Kulturreise durch die Zeit.
Heribert Vogt
Rhein-Neckar-Zeitung


Helmuth Kiesel: "Geschichte der literarischen Moderne. Sprache, Ästhetik, Dichtung im zwanzigsten Jahrhundert". Verlag C.H. Beck, München 2004. 640 S., 34,90 Euro.

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Tel. 06221 542310, Fax 542317
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