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19. Mai 2004

Vergangenheitsbewältigung in Südafrika und Deutschland

Ralf K. Wüstenbergs theologische Studie: "Die politische Dimension der Versöhnung" / Von Heiko P. Wacker

Wenn in jüngster Zeit über Kosten und Nutzen der Wiedervereinigung diskutiert wurde, hätte man meinen können, es werde über die Fusion zweier Unternehmen debattiert. So sehr trat die historische Bedeutung jener Ereignisse in den letzten Jahren in den Hintergrund.

Während der Wende jedoch, als der Fall des Eisernen Vorhangs das Gesicht der Alten Welt grundlegend veränderte, waren die Auswirkungen bis nach Südafrika spürbar, wo parallel zum real existierenden Sozialismus die Apartheid ihr Ende fand. Man könnte sogar sagen – namhafte Politiker wie der ehemalige Präsident Südafrikas, F. W. de Klerk, taten dies denn auch – dass beide "Systemwechsel" in direkter Verbindung standen. Und auch der anglikanische Erzbischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu meinte anlässlich einer Demonstration gegen die Apartheid in Kapstadt: "People marched in South Africa – and the Berlin wall was breached."

Die Parallelität der Ereignisse wird somit deutlich. Indes drängt sich dann auch ein Vergleich der nachfolgenden Entwicklung auf, was den Theologen Dr. Ralf K. Wüstenberg zu einer sehr anspruchsvollen Untersuchung veranlasste. Resultat war eine aufwendig recherchierte theologische Studie zur politischen Dimension der Versöhnung nach den Systemumbrüchen in Südafrika und Deutschland, die zugleich von der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg als Habilitationsschrift angenommen wurde.

Man könnte auch sagen, dass er dem deutschen Umgang mit der DDR-Vergangenheit den südafrikanischen Spiegel vorhielt. Immerhin standen beide Nationen vor dem Problem, eine Brücke über die trennende Kluft von Jahrzehnten zu schlagen. Was übrigens keinen überheblichen Luxus darstellt, sondern eine Notwendigkeit für jede junge Demokratie. "Ohne Versöhnung gibt es keine Zukunft," meinte Desmond Tutu einmal.

Brücken über Abgründe

Zieht man nun jedoch eine Bilanz der Anstrengungen beider Länder im Umgang mit der Vergangenheit, so fällt auf, dass die südafrikanische Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) kaum weniger zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit beigetragen als die "Gauck-Behörde" mit ihrem mehr als zehnmal so großen Beamtenapparat oder den Enquete-Kommissionen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Denn obwohl diese von 1992 bis 1998 tagten, sind ihre Ergebnisse in unserem kollektiven Gedächtnis erstaunlich wenig präsent – was eigentlich der Bedeutung der Kommissionen als Instrument der Geschichtspolitik des ersten gesamtdeutschen Bundestages nicht gerecht wird. Dies mag an den Medien gelegen haben – oder an der Tatsache, dass eine tatsächliche "Heilung der Nation" nicht als der zentrale Aspekt der Wiedervereinigung Deutschland gesehen wurde.

Die in Südafrika installierte Wahrheits- und Versöhnungskommission kann in diesem Bereich bessere Erfolge aufweisen, hat sie doch mit der Wahrheit über die Apartheid gesellschaftliche Veränderung herbeigeführt. Und zwar solcherart, dass sich die Geschichten der Opfer in das kollektive Gedächtnis der Nation eingeprägt haben.

Dies soll jedoch keineswegs die Tätigkeit der TRC zu sehr glorifizieren, mussten doch im Gegenzug gewaltige Kompromisse eingegangen werden, die eine strafrechtliche Aufarbeitung verhinderten und lediglich eine moralische Wiedergutmachung erlaubten. Auch fand kein personeller Wechsel beim Militär oder der Polizei statt. Ein hoher Preis – für eine Versöhnung unter allen Umständen.

Während also in Südafrika schwer wiegende moralische Kompromisse eingegangen wurden, folgte in Deutschland auf die Wiedervereinigung eine Strafverfolgung der Täter sowie die Bemühung um eine Wiedergutmachung für die Opfer. Vielleicht also könnten beide Nationen einander in gewisser Weise als Vorbild dienen. Könnte Südafrika über die rein moralischen Aspekte einer gesellschaftlichen Wiedervereinigung hinausgehen – und Deutschland ein wenig mehr die befreiende Kraft der Versöhnung für sich entdecken.

So ist denn das über 700 Seiten starke, recht anspruchsvoll zu lesende Werk einerseits ein theologisches Resümee über gesellschaftliche Vereinigungsprozesse und andererseits ein möglicher Leitfaden für die zahlreichen weiteren globalen Konfliktherde des 21. Jahrhunderts. "Ob im Irak, in Afghanistan, in Nahost, in Ost-Timor, in Zentralafrika oder auf dem Balkan – überall stellt sich das Problem des Umgangs mit Schuld bei der Suche nach einer friedlichen Nachkriegsordnung."

Der Umgang mit Schuld

Insofern können die von Dr. Ralf K. Wüstenberg untersuchten und sehr kenntnisreich dargestellten Prozesse in Südafrika und in Deutschland ein Stück weit auch als Vorbild einer "nationalen Heilung" dienen. Sofern man die Debatte um Kosten und Nutzen der Wiedervereinigung außer Acht lässt zumindest.

Ralf K. Wüstenberg: "Die politische Dimension der Versöhnung. Eine theologische Studie zum Umgang mit Schuld nach den Systemumbrüchen in Südafrika und Deutschland". Aus der Reihe: Öffentliche Theologie, Bd. 18; Gütersloher Verlagshaus Gütersloh 2004. 720 S., kartoniert, ISBN 3-579-05418-X; 75,00 Euro.

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
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und
Irene Thewalt
Pressestelle der Universität
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