Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Startseite der Universität
Presse-Kontakt, WWW-Team Volltext-Suche, E-Mail-Suche, Datenbank-Suche Alle Seiten im Überblick English
Besucher, Internationale Beziehungen, Heidelberg und RegionStartseiten der FakultätenAufbau der Universität, Personalverzeichnis, ServiceeinrichtungenFächerübersicht, Beratung, Informationen für ausländische StudierendeProjekte, Publikationen, Technologietransfer

Startseite > Presse >

 
18. Mai 2004

Aus "Verrücktheit" wurde Weltkulturerbe

Jahresfeier der Heidelberger Akademie der Wissenschaften: Festrede von Heinz Häfner über Ludwig II.

Schloss Neuschwanstein

Schloss Neuschwanstein bei Schwangau in Bayern, das 1868-1886 für König Ludwig II. erbaut wurde. Foto: dpa

Als ebenso faszinierende wie tragische Gestalt bezeichnete der Mediziner und Psychologe Prof. Heinz Häfner bei der Jahresfeier der Heidelberger Akademie der Wissenschaften in seiner Festrede "Ein unzurechnungsfähiger (?) König an einem Wendepunkt deutscher Geschichte – Ludwig II. von Bayern" diesen exzentrischen Herrscher, der am 10. Juni 1886 als "unheilbar geisteskrank und dauerhaft regierungsunfähig erklärt" sowie entmündigt und am 12. Juni 1886 unter psychiatrischer Aufsicht zwangsinterniert wurde.

Am nächsten Tag ertränkte sich Ludwig II. im Starnberger See, nachdem er seinen Psychiater ertränkt hatte. Das tragische Schicksal und die romantische Verklärung dieses Königs, dem zumeist Schizophrenie attestiert wurde, haben seither die Phantasie vieler Biographen, Filmemacher und Autoren angeregt.

Zu Beginn seines auf ausgiebigen Quellenrecherchen basierenden und mit ironischen Untertönen angereicherten Vortrags beschrieb Prof. Häfner in der Alten Aula schon den siebenjährigen Ludwig als phantasievoll und künstlerisch begabt: "Er baute gerne mit Holzbausteinen Kirchen und Klöster und zeichnete gut." Dagegen wurde die Schüchternheit des Kronprinzen "erfolglos mit Kriegsspielen angegangen".

Schöner Mann mit 1,91 m Größe

Später wurde Ludwigs drei Jahre jüngerer Bruder Otto mit 23 Jahren wegen "abnormer Verhaltensweisen und Besuchen bei Prostituierten" für nervenkrank erklärt und dauerhaft in geschlossene Verwahrung genommen. Häfner: "An der Inkonsistenz von Diagnosen und Therapieverfahren wird deutlich, dass die Psychiatrie jener Tage weder über ein empirische begründetes Klassifikationssystem noch über hinreichende Kenntnisse der meisten Krankheitsursachen und ihrer wirksamen Behandlung verfügte."

Ludwig II. wurde mit 18 Jahren König und entsprach als schöner Mann mit 1,91 m Größe dem romantischen Schönheitsideal der Zeit. Aber nach der Niederlage und Schwächung Bayerns im Bürgerkrieg von 1866 sprach er bereits von Abdankung und Selbstmord. Es folgten Menschenscheu, Weltflucht und Homoerotik: "Tiefe Religiosität, schwere Schuldgefühle, ein aussichtsloser Kampf gegen homo- und autoerotische Handlungen ziehen sich durch sein geheimes Tagebuch bis in die letzten Tage seines Lebens." Die Beziehungen zu Frauen waren spärlich; eine sich anbahnende Verbindung mit Herzogin Sophie-Charlotte scheiterte.

Im Gegensatz zur realen Welt waren für Ludwig "Inhalt und schwülstiges Pathos von Richard Wagners Musiktheater eine Offenbarung". Und von seiner Thronbesteigung an begann Ludwig II. "mit einem gewaltigen Bauprogramm königlicher Schlösser", das er aus seiner Hof- und Kabinettskasse finanzieren musste. Vor allem die Schlösser Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee sind hier zu nennen.

Die Geschehnisse um die Reichsgründung stürzten Ludwig in weitere Krisen: "Am 18. Januar 1871 erfolgte die Kaiserproklamation in Versailles. Der Souveränitätsverlust der deutschen Fürstentümer war damit besiegelt, der entscheidende Schritt zum kleindeutschen Erbkaisertum der Hohenzollern und zum Berliner Zentralismus getan."

Zur ungewünschten politischen Entwicklung gesellte sich in der Folgezeit eine dramatische Zuspitzung der Verschuldung des Königs, der selbst Bismarck um Hilfe bat. Schließlich waren jedoch auch in Bayern alle Möglichkeiten der Geldbeschaffung erschöpft: "Den hoch empfindsamen König musste die Blockierung seiner Bausucht, die schwerwiegende Verletzung seines Ansehens und der angedrohte Sturz aus der königlichen Herrscherrolle tief beunruhigen."

Mindestens ab Januar 1886 war das bayerische Ministerium von Lutz entschlossen, Ludwig die Regierungsgewalt zu entziehen. Von entscheidender Bedeutung wurde das Gutachten des Münchner Ordinarius für Psychiatrie, Bernhard von Gudden, der feststellte, dass seine Majestät an "originärer Verrücktheit leide und regierungsunfähig sei". Aber vom heutigen Wissensstand aus wagte Häfner, das Urteil "nach fast 120 Jahren noch einmal in Frage zu stellen".

Zu diesem Zweck nannte Häfner verschiedene Verhaltensweisen Ludwigs sowie weitere Indizien, die der medizinischen Diagnose widersprachen. Und er gelangte zu dem Schluss: "Natürlich entsprach das Verhalten Ludwigs nicht der Norm seiner Tage. Seine Inszenierung absoluten Herrschertums war illusorisch und weltfremd. Seine erotischen Vorlieben führten zu distanzlosen Intimitäten mit Männern aus ‚niedrigem Stande'. Aber von Halluzinationen, Wahn oder Geistesschwäche – und damit von einer paranoiden Schizophrenie – kann keine Rede sein."

Stattdessen sah der Festredner Ludwigs Verhalten als Bausucht, gepaart mit einer sozialen Phobie, die durch eine exzessive Angst vor einer negativen Wertung durch andere Menschen charakterisiert ist. Häfner: "Beide Erkrankungen zusammen geben jedenfalls nach Verlauf und Folgen eine plausible Erklärung wesentlicher Aspekte von Ludwigs Lebens- und Krankheitsgeschichte." Dass durch diese Krankheiten die "dauerhafte Regierungsunfähigkeit" Ludwigs zu begründen gewesen wäre, hielt der Wissenschaftler für "unwahrscheinlich".

Großartige Schöpfungen hinterlassen

Zum Schluss hob Prof. Häfner die geistigen und künstlerischen Begabungen Ludwigs II. hervor: "Er hat mit Richard Wagner einen gefährdeten und schwierigen Menschen gefördert, der wesentlich zur Reform des Musiktheaters und zu Grundlagen moderner Komposition beigetragen hat." Und er hat "mit seinen Schlössern Bayern und der Welt großartige Schöpfungen" hinterlassen, die einst als "Zeichen von Verrücktheit" angesehen wurden, "mittlerweile aber zum Weltkulturerbe aufgestiegen sind".

Heribert Vogt

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
http://www.uni-heidelberg.de/presse

und
Irene Thewalt
Pressestelle der Universität
Tel. 542311
presse@rektorat.uni-heidelberg.de


Page maintained by Pressestelle der Universität Heidelberg,
presse@rektorat.uni-heidelberg.de.
Copyright © Pressestelle der Universität Heidelberg.

Zurück

Top

Universität | Fakultäten | Einrichtungen | Studium | Forschung und Kooperation
Stellenmarkt | Termine | Intern | Presse | Alumni/Fördervereine | Projekt IMPULSE
Neues im Netz | Kontakt | Suche | Überblick | English