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28. April 2004

Zeugnisse tragischer Existenzen

"Irre ist weiblich" in der Heidelberger Sammlung Prinzhorn – Heute Eröffnung

Ohne Titel, undatiert, Öl auf Zeichenpapier (31,2x36cm) von Else Blankenhorn

Ohne Titel, undatiert, Öl auf Zeichenpapier (31,2x36cm) von Else Blankenhorn, die in Karlsruhe 1873 geboren wurde und 1920 in Konstanz starb. Das Bild ist im Rahmen der Prinzhorn-Ausstellung in Heidelberg zu sehen. Foto : Katalog

Sie strickten sich Kleidung aus den eigenen Haaren oder dem Füllmaterial der Matratzen, legten den Boden ihres Zimmers mit Streifen zerrissener Bettlaken aus, stickten Briefe an Kaiser Wilhelm I., waren Bäuerin, Näherin, Dienstmädchen, Kunstmalerin oder Kammersängerin, und sie hatten eine Gemeinsamkeit: Zwischen 1890 und 1920 lebten sie in der Psychiatrie. Ihre Kunst war Hilfeschrei und Versuch der Selbstvergewisserung.

In der Ausstellung der Heidelberger Sammlung Prinzhorn mit dem Titel "Irre ist weiblich. Künstlerische Interventionen von Frauen in der Psychiatrie um 1900" sind erstmalig rund 170 künstlerische Arbeiten und schriftliche Zeugnisse von über 50 Frauen zu sehen.

Im ersten Ausstellungsraum hat der Besucher ein auf den Fußboden projiziertes ornamentales Netz zu überqueren. Es handelt sich um die Fotografie einer Installation von Marie Lieb. Den ihr in der Klinik zugewiesenen Raum hatte sie mit Schriftzügen, Blüten- und Sternornamenten aus Stoffstreifen ausgelegt. Die Installation ist Ausdruck ihres Strebens nach Raumerfassung und -aneignung. Ein Versuch, sich durch künstlerisch kreative Mittel einen Ort der Privatheit und Individualität zu schaffen, den man den Frauen durch Einweisung in die Anstalt genommen hatte.

Neben zahlreichen Zeichnungen und Gemälden, die häufig das Kunstideal ihrer Zeit erkennen lassen, sind in der Ausstellung auch einige für die Entstehungszeit ungewöhnlich experimentelle Arbeiten zu sehen. Meist lag die Experimentierfreudigkeit in einem Mangel an künstlerischem Handwerkszeug begründet. Schon bei der Wahl des Arbeitsmaterials war somit Kreativität gefragt. Viele der Frauen besannen sich auf ihre handarbeitlichen Fertigkeiten und bestickten Stoffe mit Text und Ornamenten.

Eines der auffälligsten Ausstellungsstücke ist das aus Anstalts-Leinen selbstgenähte und mit autobiographischen Aufzeichnungen bestickte Jäckchen der Agnes Richter. In seiner Kleinteiligkeit wie auch in der Bildgestaltung beeindruckend ist auch der gestickte Bildteppich von Emma Mohr. Thematisch geht sie in den 48 Bildtafeln von der Darstellung biblischer Geschichten über zu Porträts Kaiser Wilhelms I. und zu Szenen aus dem bürgerlichen Leben. Die Rückseite des Teppichs besteht aus aneinandergenähten, ebenfalls gestickten Briefen an den Kaiser, in denen Emma Mohr ihre Leidensgeschichte erzählt.

Die für ihre Entstehungszeit außergewöhnliche Zeitungs-Collage von "Frau St." erfolgte hingegen nicht aus einem Mangel an Zeichenpapier, sondern offenbar aus Kalkül. Aus Zeitungen der Jahre 1890/91 stellte sie eine Collage zusammen, ohne aber ein neues sinnvolles Textgefüge zu schaffen. Die aneinander geklebten Ausschnitte bearbeitete sie mit Bleistift und Farbkreide. Die Isoliertheit der einzelnen Partikel spiegelt die Weltfremdheit der Patientin wider, das Ausgeschlossensein vom Weltgeschehen, das nur noch bruchstückhaft zu ihr durchzudringen vermag. Der Versuch, die Collage in der Kunstgeschichte zu verorten, macht deutlich, dass "Frau St." eine erst mit den Kubisten populär gewordene Arbeitsweise vorwegnimmt, ohne aber damit bewusst mit künstlerischen Traditionen brechen zu wollen.

Die Ausstellung der Sammlung Prinzhorn erhebt den Anspruch, den künstlerischen Arbeiten ihre Autorinnen und damit ihre Geschichte wieder zu geben. Die ausgestellten Objekte sind daher durch Dokumentationsmaterial sinnvoll ergänzt, ohne dass Aussagekraft und Eigenleben der Bilder, Stickarbeiten, Collagen und Schriftstücke hinter Fotos und Erläuterungen zurückgedrängt würden. Die Einbettung in ihren originalen Kontext macht die Objekte zu lebendigen Zeugnissen der tragischen Existenz der in die Anstalt eingelieferten und ihrem Schicksal hilflos ausgelieferten Frauen.

Ausstellungseröffnung ist heute, 19.30 Uhr, in der Sammlung Prinzhorn Heidelberg, Voßstraße 2. Die Ausstellung ist bis zum 25. September zu sehen.

Gudrun Bergmann

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
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und
Irene Thewalt
Pressestelle der Universität
Tel. 542311
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