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19. April 2004

Ein Forscher im lyrischen Laboratorium

Der Schweizer Lyriker Raphael Urweider erhält den Brentano-Preis der Stadt Heidelberg

Der Jüngste hat sich durchgesetzt: Lang und produktiv wurde in der Jury des Heidelberger Clemens Brentano Förderpreises für Literatur über die nominierten Lyrikbände diskutiert, bis schließlich eine Mehrheit für den 1974 in Bern geborenen Raphael Urweider feststand. Musikalität und analytische Präzision zeichnen seine in dem bei DuMont erschienenen Buch "Das Gegenteil von Fleisch" versammelten Gedichte aus. Wie bereits gemeldet, erhält der Schweizer dafür die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung.

Mit den Versen "da kehrt er kräftig der föhn / in böen wischt er diese tage weg / wirbelt sie auf wie unewigen schnee" beginnt Urweiders erster Zyklus "Faltenwürfe", der bereits den Tenor sämtlicher Texte vorgibt. Sein Gedankenkosmos wird bestimmt von den Kontrasten "aus stechendem weiß" und den schwarzen "abschreckenden vogelsilhouetten" auf Krankenhausfenstern. Zwischen diesen beiden Farb-Extremen oszilliert Urweiders Hang zur Morbidität. Ganz ohne Larmoyanz umkreist er mit seiner Dichtung die Themen Sterben und Tod, schließt darin den Mythos der singenden Euridice ein und verbeugt sich mit seinem "Epitaph" zugleich vor seinem großen Landsmann H. C. Artmann: "danke trage lieber schwarz / trage grau trage farben / der trauer blau und blau / wünschle dir aber helles / helleres als spitalweiß".

Die Schweizer sprechen normalerweise nicht von Krankenhäusern, sondern von Spitälern, und solch ein Spital ist auch der Ort, in dem Urweiders halb prosaisches, halb lyrisches Gedankenprotokoll "Steine" über einen sterbenden Geologen lokalisiert ist. Für diesen Text wurde der Schriftsteller bereits vor zwei Jahren mit dem 3sat-Preis des Klagenfurter Bachmann-Wettbewerbs ausgezeichnet. Der Geologe, der sich zeitlebens mit Steinen beschäftigt hat, begreift seinen Forschungsschwerpunkt als "das gegenteil von fleisch". Hier die Materie, die Wärme speichern kann und von der beim "zerschlagen, zerreiben, zerschleifen" immer noch "sand" übrigbleibt, während das eigene "wissen" durch den Hirntumor, den der Forscher in Analogie zu "nierensteinen" und "gallensteinen" als "hirnstein" bezeichnet, ausgelöscht wird.

Wie in seinem ebenfalls preisgekrönten Debüt "Lichter in Menlo Park" (2000) rückt Urweider mit der Figur des Geologen wieder die Faszination für das naturwissenschaftliche Denken und den menschlichen Erfindungsgeist in den Mittelpunkt seines Interesses. Insofern darf man seine Gedichtsammlung als lyrisches Laboratorium interpretieren, in dem manches zwar etwas aseptisch und weiß gekachelt erscheinen mag, diese klinische Atmosphäre dient aber nur einem Ziel: Sie soll den Erkenntnisprozess fördern. Nicht durch abstrakte Formeln, sondern durch wohl kalkulierte Formulierungen, Sprachbilder und -experimente.

Dass der Brentano-Preis in diesem Jahr überhaupt vergeben werden kann, ist einer Spende der Heidelberger Versorgungs- und Verkehrsbetriebe (HVV) zu verdanken. Nachdem der Gemeinderat die Verleihung wegen der prekären Haushaltslage für ein Jahr ausgesetzt hatte, mehrten sich in der Kulturszene Appelle zur Rettung des Preises.

Oberbürgermeisterin Beate Weber setzte sich daraufhin in einem Gespräch mit der HVV-Spitze für das Sponsoring ein, um einen Imageschaden für Heidelberg zu verhindern. Ab 2005 sind für die Vergabe wieder entsprechende Mittel im städtischen Haushalt vorgesehen.

Ganz ohne Blessuren verlief das Ganze dennoch nicht, da der renommierte Schriftsteller Wilhelm Genazino aus Protest über die Aussetzung des Preises aus der kurz zuvor für vier Jahre berufenen Jury austrat. Nach den Statuten waren die verbliebenen Juroren dennoch beschlussfähig.

Zum Gremium gehören die Heidelberger Germanistik-Studenten Clémentine Abel, Robert Bernath und Martin Endres, die Kölner Kritikerin Sabine Küchler (DeutschlandRadio), der Göttinger Verleger Thedel von Wallmoden (Wallstein-Verlag) sowie als Moderator der Jury Volker Oesterreich (Feuilleton-Chef der RNZ). Für das kommende Jahr soll die Jury wieder komplettiert werden. Dann stehen Erzählungen zu Auswahl, gefolgt von Romanen (2006) und Essays (2007). Nahziel ist jedoch die Preisverleihung an Raphael Urweider am 30. Juni sowie seine Lesung aus dem prämierten Buch in der Heidelberger Stadtbibliothek am 1. Juli (19.30 Uhr).

Raphael Urweider: "Das Gegenteil von Fleisch". Gedichte. DuMont Verlag, Köln 2003. 90 Seiten, Leinen, geb., 17,90 Euro.

Volker Oesterreich

Rückfragen von Journalisten bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
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