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21. April 2004

Gelehrter Führer und Schlüssel

Zum Katalog der deutschen medizinischen Handschriften unter Ludwig VI. – Basis war die Dissertation von Ulrike Schofe bei W.-D. Müller-Jahncke

Porträt Kurfürst Ludwigs VI.

Porträt Kurfürst Ludwigs VI. (1539-1583), eingefügt in ein Exemplar der berühmten lutherischen Feyerabend-Bibel mit den kolorierten Holzschnittillustrationen von Virgil Solis, Frankfurt 1560. Ludwig ist von weiblichen Personifikationen herrscherlicher Tugenden (Gerechtigkeit zwischen den Tafeln von Lex divina und lex naturae; Klugheit und Stärke) umgeben und präsentiert sich als Friedensfürst (pax) und Garant des Wohlstands (ubertas); unten schließen sich an: pfälzisch-wittelsbachisches Wappen, emblematische Denkbilder und Devise. Foto: Katalog der Bibliotheca Palatina (1986)

Die von der Universität und den Heidelberger Kurfürsten seit Gründung der Universität 1386 gesammelten und gepflegten Handschriften und Bücher, nach 1550 als Bibliotheca Palatina als bedeutendster und bester Schatz des gelehrten Deutschlands (optimus Germaniae literatae thesaurus) empfunden und auch nach der beispiellosen Deportation von Tausenden von Handschriften und Drucken nach Rom 1623 in der Biblioteca Apostolica Vaticana als hoch geschätzter Pfälzer Fonds verwahrt, sind seit mehr als hundert Jahren sukzessiv wissenschaftlich beschrieben worden. Die Universitätsjubiläen 1886 und 1986 gaben die Impulse zur Katalogisierung der griechischen, lateinischen und altdeutschen (altfranzösischen 1916, hebräischen 1935) sowie in dieser Generation, nun professioneller und nach den Richtlinien der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der lateinischen medizinischen, naturwissenschaftlichen, historisch-philosophischen und humanistisch-reformatorischen Handschriften.

Dass es sinnvoll und lehrreich ist, nicht nur nach Fonds und Nummern die Bestände der Universitätsbibliothek zu beschreiben, sondern ein thematisches und zeitlich begrenztes, etwa von der geistigen Statur eines Kurfürsten geprägtes Handschriften-Panorama zu entwerfen, zeigt der anzuzeigende Band. Aus einer bei W.-D. Müller-Jahncke entstandenen Dissertation legt Ulrike Schofer (Leimen) die Frucht ihrer langjährigen Studien zur kurpfälzischen Medizin-, speziell Pharmaziehistorie vor, einen Katalog nämlich der deutschen medizinischen Handschriften aus dem Besitz des Kurfürsten Ludwig VI.

Der Lutheraner Ludwig (1539-1583), Sohn des reformierten Friedrichs III. und Vater Friedrichs IV., seit 1560 mit Elisabeth, Tochter des Landgrafen Philipp I. von Hessen verheiratet und ab 1563 Regent im oberpfälzischen Amberg, machte die durch den Heidelberger Katechismus 1563 europaweit offenkundig gewordene Entscheidung des Pfälzer Kurfürstentums für ein reformiertes Bekenntnis mit großem Ernst und Druck rückgängig, indem er Hof, Beamtenschaft, Prediger und den Lehrkörper der Universität auf eine dezidiert lutherische Konfession verpflichtete. Den erzwungenen Exodus der reformierten Prediger und Gelehrten (nach Neustadt oder in die Heimatländer) versuchte nach dem frühen Tod des Kurfürsten 1583 sein wiederum reformierter Bruder Johann Casimir als Administrator für den noch unmündigen Erbprinzen Friedrich IV. rückgängig zu machen.

"Alle ding zergenglich" war die Devise Ludwigs VI.; etwas Dauer sollte sein frühes und lebenslanges Interesse an allem Medizinischen garantieren. Krankheiten waren allgegenwärtig; dazu erregte der Paradigmenstreit Schulmedizin/Paracelsus die Zeitgenossen. Wie der Kurfürst sich eine Lutherbibel mit Leerseiten durchschießen ließ und ihn anrührende Gedanken niederschrieb, so interessierte er sich schon in Amberg für medizinische Literatur und Rezepte, sorgte sich um Ärzte und Apotheker und gab ihnen Ordnungen. Die Amberger Bibliothek ist hier rekonstruiert, abgedruckt auch das Inventar der medizinischen und alchemistischen Bücher in der Schlossbibliothek von 1584. Die Ärzte der Amberger und Heidelberger Jahre werden vorgestellt. Auf rund 150 Seiten werden die Interessen des Kurfürsten beschrieben; interessant die Erinnerung an den als spektakulär einzuschätzenden mehrtägigen Besuch des berühmten Botanikers Clusius im Spätjahr 1579 in Heidelberg. Der eigentliche Katalog verzeichnet und beschreibt 80 deutsche Handschriften (die zu den 1816 von Rom nach Heidelberg zurückgegebenen gehören) "aus dem Besitz" des Kurfürsten, die aufgrund verschiedener Indizien mit ihm in Verbindung stehen oder gebracht werden müssen.

Der erste Eindruck ist sehr gut, ein ausführliches Literaturverzeichnis und vor allem Personenregister sind hilfreich; ein womöglich noch hilfreicheres Sachregister und ein deutschsprachiges Glossar der medizinischen Termini wäre wohl nur mit höchstem Aufwand zu realisieren gewesen; ein Verzeichnis des guten Dutzend Abbildungen fehlt, im Text zwei Graphiken. Auch dieser Spezialband wurde "nach den Richtlinien der DFG erarbeitet", erschien aber außerhalb der Reihe der Kataloge der Universitätsbibliothek Heidelberg (Reichert Verlag, Wiesbaden) doch in fast gleichem Format und typographischer Anlage; mit ihm hat sich die Autorin und der junge Palatina Verlag (Julian Paulus) Heidelberg höchst verdient gemacht um die wissenschaftliche Erhellung eines Moments der medizinischen Verhältnisse am Hof, in der Stadt und der Universität. Für die oft genug schwer zu entziffernden 80 deutschen Sammelhandschriften von Arzneibüchern und Rezeptsammlungen aus dem Besitz von Kurfürst Ludwig VI. liegt mit dem Katalog von Ulrike Schofer ein gelehrter Führer und Schlüssel vor.

Reinhard Düchting

Ulrike Schofer: "Katalog der deutschen medizinischen Handschriften der Universitätsbibliothek Heidelberg aus dem Besitz von Kurfürst Ludwig VI. von der Pfalz (1539-1583)". Palatina Verlag, Heidelberg 2003. 496 S., 170 Euro.

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
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und
Irene Thewalt
Pressestelle der Universität
Tel. 542311
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