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5. April 2004

Sehr fortschrittlich

Fraenger-Ausstellung im Heidelberger Kunstverein läuft bis zum 20. Mai 2004

"Drei Männer in Landschaft" von Max Zachmann

Intensiv: "Drei Männer in Landschaft" von Max Zachmann Foto: Kresin

Eine singuläre Gestalt steht im Mittelpunkt dieses vorzüglich vorbereiteten Projekts. Die gestern im Heidelberger Kunstverein eröffnete Ausstellung "Neue Kunst – Lebendige Wissenschaft – Wilhelm Fraenger und sein Heidelberger Kreis 1910 bis 1937", die vom Heidelberger Kulturamt aus Anlass von Fraengers 40. Todestag in Zusammenarbeit mit der Fraenger-Stiftung Potsdam und mit Unterstützung der Landesstiftung Baden-Württemberg veranstaltet wird, lässt nicht nur ein Stück Heidelberger Geistesgeschichte im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts wieder auferstehen. Sie leistet mehr. Sie verzweigt sich in Richtung Mannheim und Karlsruhe, stellt einige Künstler vor, die in der beachtlichen Sammlung des Kunsthistorikers stark vertreten waren und geht dazu auf das Konzept der "lebendigen Wissenschaft" ein, wie es von Fraenger in der von ihm gegründeten "Gemeinschaft", aber auch in der "Akademie für Jedermann" in Mannheim propagiert wurde.

Anhand zahlreicher Dokumente und Fotos aus Fraengers Nachlass lässt sich der Lebensweg des innovativ denkenden, humorvollen Geistesmenschen nachverfolgen. In Erlangen geboren, studierte und promovierte er in Heidelberg. Gestorben ist er in Babelsberg. Überdies schließt die von Susanne Himmelheber und Karl-Ludwig Hofmann konzipierte und von Stefan Hohenadl und Yvonne Vogel übersichtlich aufgebaute Schau auch eine Lücke in der Historie des Heidelberger Kunstvereins, dessen 2. Vorsitzender Wilhelm Fraenger von 1916-1918 war. Fraenger, der als Assistent am Kunsthistorischen Seminar angestellt war, veranstaltete zum Beispiel Ausstellungen zum Werk der damals schon akzeptierten Maler Wilhelm Steinhausen, von dem ein idyllisches Landschaftsbild gezeigt wird, oder Wilhem Trübner, der mit den Porträts seiner Eltern vertreten ist. Schwerer hatte es da der expressionistische, 1917 mit 25 Jahren in Flandern gefallene Max Zachmann, ein gebürtiger Heidelberger, dessen "Formphantasie und Künstlerschaft" Fraenger mit Nachdruck rühmte und der mit einem reichen Konvolut seiner Holzschnitte und Malereien in der Ausstellung vertreten ist, oder der "auf fortschrittliche Weise das Kindliche als Eigenwert bejahende" Kinderbuchillustrator Ernst Kreidolf.

Fraenger setzte sich mit Nachdruck für die zeitgenössische Kunst ein. Neben Arbeiten dieser und weiterer Künstler wie Werner Gothein sind auch die Ausstellungsplakate und Broschüren von Fraenger zu sehen, denn von 1922 an schrieb der Rembrandt-, Ratgeb, Bosch- und Grünewald-Forscher unter der Rubrik "Aus dem Heidelberger Kunstverein" Rezensionen in der "Heidelberger Zeitung", die dann als Sonderdruck herausgebracht wurden. Auch diese Archivalien verdienen Aufmerksamkeit neben vielen privaten Fotos des homoerotisch veranlagten Bohemiens – 1920 hatte er dennoch Gustel Esslinger geheiratet – und seiner Freunde, darunter natürlich Heinrich George, der in schweren Zeiten treu zu ihm stand, und Carl Zuckmayer, der ebenso zur "Gemeinschaft" gehörte wie Theo Haubach, Carlo Mierendorff, Hans Prinzhorn, Hans Fehr und viele mehr.

Für Karl-May-Liebhaber wie für Zuckmayer-Kenner ist der Name der "Gruppe Rih" aus Karlsruhe leicht einzuordnen, denn Rih hieß der flinke Rappe von Kara Ben Nemsi. Zu dieser Künstlervereinigung gehörten unter anderem die Trübner-Schüler Rudolf Schlichter, Wladimir Zabotin und Walter Becker. Sie traten für die Freiheit der Kunst und die Überwindung von Konventionen ein und erkannten den genuinen Wert der vermeintlichen Kinder- und Krankenkunst.

Kuriosum aus Wilhelm Fraengers Mannheimer Zeit (er war 1927 Direktor der Mannheimer Schlossbücherei geworden) ist der Umstand, dass er seine Vorträge an der "Akademie für Jedermann" wegen regen Besucherzustroms zweimal abhalten musste, je einen Termin für Zuhörer mit Namen von A bis K, dann von L bis Z. Über die Vielfalt der Themen informieren die Plakate von damals. In dieser Zeit wurde der bis dahin so nonkonformistisch gesonnene Fraenger Rotarier, Mitglied des PEN und der Freunde der Sowjetunion. 1933 entließ man ihn aus seinem Dienst. Er verdiente seinen Unterhalt zunächst beim Rundfunk, freundete sich mit Wolfgang Frommel an und zog von Käfertal wieder nach Heidelberg in die Kußmaulstraße 10. Seine Versuche, beim Kurpfälzischen Museum oder am Frankfurter Städel angestellt zu werden, schlugen fehl.

Über 80 Prozent der präsentierten Objekte stammen aus Fraengers Nachlass, darunter als wertvollste Objekte zwei frühe Zeichnungen von Wölfli, die bisher als verschollen galten. Zehn Prozent wurden aus Museen oder von Privatleuten entliehen, hervorragende Blätter von Rembrandt, Callot, Hogarth, Goya, Ensor, Beckmann usw. Da man es bei diesem Ausstellungsprojekt beim bloßen Schauen nicht bewenden lassen sollte, sei ausdrücklich der informationsreiche Katalog empfohlen (18 Euro).

Bei der bestens besuchten Vernissage, bei der die Geigerinnen Saskia Hirschel und Maria Lomonosova eine Komposition des Fraenger-Freundes Ernst-Lothar von Knorr vorführten und an der auch einige Gäste aus Potsdam teilnahmen, sprachen Kunstvereinsvorsitzender Hans Gercke, Bürgermeister Jürgen Beß und Kulturamtsleiter Hans-Martin Mumm und beleuchteten aus unterschiedlichem Blickwinkel die schillernde Persönlichkeit des Kunsthistorikers und Kunstsammlers, der es verdient, in der Stadt, in der er eine entscheidende Periode seines Lebens verbrachte, wieder mehr ins öffentliche Bewusstsein zu gelangen. (Bis 20. Mai.)

Heide Seele

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
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und
Irene Thewalt
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