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22. März 2004

Aus der Kinderstube der Nobelpreisträger

Heidelberger Professor Jürgen Wolfrum über Chancen der Spitzenforschung in Deutschland: "Wir können den Trend umkehren, wenn wir es wollen!"

Professor Jürgen Wolfrum

Professor Jürgen Wolfrum fordert ein Umdenken beim Einzelnen wie bei der Gesellschaft: Spitzenforschung entspringt individueller Leistung – braucht aber auch bessere Rahmenbedingungen

"Send more!", zu deutsch "Schick uns mehr!", so kommentierten Forscherkollegen aus den USA die Qualität der Doktoranden von Professor Jürgen Wolfrum. Fleißig seien sie, gut ausgebildet und was das selbstständige Arbeiten anbetreffe, oft sogar noch besser als ihre amerikanischen Altersgenossen. Auf der einen Seite ist das ein Kompliment für das deutsche Universitätssystem. Auf der anderen Seite stellt es eine Gefahr dar. Denn vielen der jungen Forscher gefällt es jenseits des großen Teiches so gut, dass sie gar nicht mehr zurück wollen. Die Deutschen haben die universitäre Ausbildung geschultert, die USA holen sich die besten Forscher – und damit auch ein enormes wissenschaftliches Potenzial für die Zukunft. "Es sind viele Faktoren, die zu dieser Entwicklung geführt haben", so Professor Jürgen Wolfrum, Ordinarius für Physikalische Chemie an der Universität Heidelberg. "Und wir werden gewaltige Anstrengungen unternehmen müssen, diesen Trend wieder umzukehren. Aber", ist Wolfrum optimistisch "wir können das, wenn wir es wollen!"

Wolfrum hat in den letzten 20 Jahren rund 150 Doktoranden ausgebildet und ist zu der Überzeugung gelangt, dass die deutsche Forscher-Misere nicht aus einem Punkt zu kurieren ist. Vielmehr müssen sich staatliche, universitäre, gesellschaftliche aber auch individuelle Einstellungen verändern, um in Zukunft wieder Spitzenforschung in großem Umfang betreiben zu können. "Eines ist sicher: Elite kann nicht einfach verordnet werden. Die gegenwärtige Diskussion ist im Kern falsch angelegt." Einer der prominentesten Schüler Wolfrums ist Wolfgang Ketterle, der für seine Arbeiten über das Bose-Einstein-Kondensat den Physik-Nobelpreis erhielt. Ketterle war von 1988 bis 1990 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Physikalisch-Chemischen Institut in Heidelberg tätig und führte hier die weltweit ersten Experimente zur Visualisierung von Schadstoffbildung im laufenden Motor durch. Heute unterrichtet er am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA. "Ketterle ist ein gutes Beispiel dafür, welche persönlichen Eigenschaften zum Erfolg führen", so Wolfrum. Neben der Bereitschaft zum Transferdenken zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen, sei er in hohem Maße fähig, ein komplexes Problem in kleinen, wohlüberlegten Schritten anzugehen. Auch habe er es verstanden, hervorragende Doktoranden um sich zu scharen und sie für das gemeinsame Forschungsziel zu begeistern. "Enthusiasmus und unbedingter Leistungswille sind notwendig, wenn ein Jungforscher etwas erreichen will. Mit einer 35-Stundenwoche kann man sich nicht an der Weltspitze halten. Hier brauchen wir in Deutschland ganz klar einen Mentalitätswandel."

Enger und effektiver müssten Staat und Universität zusammenarbeiten, wenn es darum gehe, die äußeren Rahmenbedingungen für Spitzenforschung zu schaffen. Drei Faktoren seien dabei entscheidend: Die wissenschaftliche Ausrüstung, das Gehalt und das Lebensumfeld. "Ein Spitzenforscher darf nicht mit Bürokratie überlastet werden. Er will forschen, das ist definitiv sein Hauptantrieb. Er muss die Räume, die Ausstattung und die Mitarbeiter bekommen, die er braucht – und zwar zügig", betont Wolfrum. So wird im Moment in gemeinsamer Anstrengung versucht, Joachim Spatz, Professor für Biophysikalische Chemie, trotz mehrerer Rufe ins Ausland in Heidelberg zu halten. Ein ganz wichtiger Faktor, der für Deutschland spreche sei das kulturelle Umfeld. "Dieser weiche Faktor ist nicht zu quantifizieren, aber doch oft ausschlaggebend!" So hat Christof Schulz Angebote der Stanford University abgelehnt und einen Ruf an die Universität Duisburg-Essen angenommen. In Düsseldorf hat Claus Seidel als Professor für Physikalische Chemie und in Bielefeld Markus Sauer als Professor für Experimentale Physik einen Ruf angenommen. Diese beiden ehemaligen Mitarbeiter Wolfrums erhielten den mit 3 Millionen Mark dotierten BioFuture-Nachwuchspreis des Bundesforschungsministeriums. Die rasche und unbürokratische Verwendung der Mittel nach eigenem Gutdünken habe beider Forschungsprojekte gut vorangebracht und sie in Deutschland gehalten.

Dies müsse ein weiterer wichtiger Standortfaktor werden: Gut dotierte Preise. So könnten Forscher Gelder auch für ambitionierte Projekte verwenden, bei denen es keine Garantie auf Erfolg gebe. Allzu viele innovative Forschungsvorhaben scheiterten in Deutschland an Bedenkenträgern. Würde in all diesen Bereichen umgedacht, so könne Deutschland endlich wieder eine gute Kinderstube für Nobelpreisträger sein: "Gute Professoren sind Multiplikatoren, sie ziehen die engagiertesten Doktoranden an und diese Teams erzielen wiederum die besten Forschungsergebnisse. Diesen Prozess müssen wir jetzt anstoßen", so Wolfrum.

Dr. Johannes Schnurr

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