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30. März 2004

Wer war Wilhelm Fraenger?

Ab nächstem Sonntag stellt eine Ausstellung unveröffentlichte Blätter aus dem Nachlass des Kunsthistorikers und Direktors des Kunsthistorischen Museums der Universität Heidelberg von 1920 bis 1927 vor

Schlag nach bei Zuckmayer: Wer sich über den Kulturhistoriker Wilhelm Fraenger (1890-1964) informieren will, wird in den Memoiren des Literaten fündig. In dem Buch "Als wär's ein Stück von mir" (erste Auflage von 1966, Seite 329ff) geht's los. In seiner sinnlich-saftigen Prosa gelingt es dem Rheinhessen, die einzigartige Persönlichkeit des "ebenso singulären wie sonderlichen, veritablen Magus" lebendig zu machen, der "und allen an universalem Wissen, geistiger Frequenz und geformter Persönlichkeit um viele Spannen überlegen war". Für Zuckmayer und seine Gefährten war Wilhem Fraenger, der auch große Verdienste als Bildner seiner jüngeren Freunde, vor allem auf dem Sektor des lebendigen Dialogs aufwies, der stärkste Anziehungspunkt der Stadt.

Der Leser taucht während der Lektüre dieser "Horen der Freundschaft" tief ein in die zwanziger Jahre in Heidelberg, dessen Universität Carl Zuckmayer als "die fortschrittlichste und geistig anspruchsvollste in Deutschland" lobt. In ausführlichen Beschreibungen schildert er die Treffen des Fraenger-Kreises im Café Wachter auf der Hauptstraße (später Palmbräuhaus), "ein anziehender, wenn auch damals etwas verrufener Ort". Hier hauste der Direktor des Kunsthistorischen Instituts von 1920 bis 1927 im dritten Stock, "mit seinen vielen Bildern und Büchern wie in einem verwunschenen Schloss".

Nach Kriegsende hatte der promovierte Kunsthistoriker die "Gemeinschaft" als Zusammenschluss aller geistig Gerichteten in Stadt und Universität gegründet, und Zuckmayer rühmt die Meriten des geistvollen und mit einer sprühenden Phantasie begabten Gelehrten, der es verstand, Dichter wie Klabund oder Hans Schiebelhuth, Otto Flake oder Theodor Däubler anzuziehen, aber auch den damals jungen Paul Hindemith, den seine Freunde auf ihren Schultern durch die Hauptstraße zu ihrem Stammlokal, dem "Goldenen Hecht", trugen. Auch Hans Prinzhorn, Ernst Lothar von Knorr, der Rechts-Professor Hans Fehr oder Marie Luise Gothein gehörten dem Kreis an.

Der gebürtige Erlanger Wilhelm Fraenger, der 1910 zum Studium nach Heidelberg gekommen war, begann schon kurz nach seiner Ankunft unter der Rubrik "Aus dem Kunstverein" in der "Heidelberger Zeitung" über Ausstellungen zu berichten. Diese Kritiken dokumentieren sein frühes Interesse an der zeitgenössischen Kunst, zugleich auch seine literarischen Qualitäten, die schon zu seinen Lebzeiten Anklang fanden. In seiner "Gemeinschaft" veranstalteten die Mitglieder Ausstellungen (auch von "Irrenzeichnungen"), Vortragszyklen, Konzerte moderner Musik und legendäre Theateraufführungen, die im Sommer im "Wolfsbrunnen" stattfanden, und die – wie Zuckmayer erzählt – oft in wahren Bacchanalen endeten.

Fraenger war während des Ersten Weltkrieges 2. Vorsitzender des Kunstvereins und wurde 1927 Direktor der angesehenen Mannheimer Schlossbibliothek. Dieses Amt verlor er 1933. Die Machthaber warfen ihm – wie auch Kunsthallen-Direktor Gustav Hartlaub – "Kulturbolschewismus" vor. Es war der Schauspieler Heinrich George – mit ihm war der Kunsthistoriker seit dessen Heidelberger Zeit eng befreundet –, der ihm half, die Jahre des Nationalsozialismus in Berlin zu überleben. Nach dem Krieg schrieb Wilhelm Fraenger seine großen Monographien über Hieronymos Bosch, Jörg Ratgeb, Matthias Grünewald und wirkte als stellvertretender Direktor des Berliner Völkerkundemuseums. In dieser Zeit gründete er in Amsterdam die Schriftenreihe "Castrum Peregrini" gemeinsam mit seinem Freund Wolfgang Frommel. Fraenger starb 1964 in Babelsberg.

Im Nachlass des genialischen Gelehrten fanden sich neben wertvollen Archivalien viele bisher unveröffentlichte Arbeiten namhafter Künstler wie Adolf Wölfli, Alfred Kubin, Rudolf Schlichter, Max Zachmann und anderen. Dieser Fundus unbekannter "neuer Kunst" wird vom kommenden Sonntag an aus Anlass von Fraengers 40. Todestag in einer Ausstellung des Heidelberger Kulturamtes in Zusammenarbeit mit der Wilhelm-Fraenger-Stiftung Potsdam in den Räumen des Kunstvereins der Öffentlichkeit vorgestellt. Susanne Himmelheber und Karl Ludwig Hofmann sind die Initiatoren des Projekts, und es ist ihr Ziel, neben den interessanten Exponaten auch das Konzept einer "lebendigen Wissenschaft", wie es vor allem in den 20er Jahren in der "Gemeinschaft", in der Mannheimer "Akademie für Jedermann", in Volkshochschulen, aber auch von Mitgliedern der Universität propagiert wurde, darzustellen.

Seltene Blätter, von großen Museen (Germanische Nationalmuseum Nürnberg, Kunsthalle Karlsruhe, Kunsthalle Mannheim usw.) ausgeliehen, sind in der Präsentation zu sehen, darunter Arbeiten von Rembrandt, Callot, Daumier, Goya, Ensor usw. Mit der Schau "Wilhelm Fraenger und sein Heidelberger Kreis 1910-1937" wollen die zwei Organisatoren die von dem Kunstvermittler und Kunstsammler intendierte "tiefe geistige Verknüpfung des Werkes der Vergangenheit mit Zielen der Gegenwartsgestaltung" anschaulich machen.

Heide Seele

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
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und
Irene Thewalt
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