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10. März 2004

Rektor: "Universitäre Eliteförderung tut not"

Der Rektor der Universität Heidelberg, Prof. Dr. Peter Hommelhoff, kritisiert das Eliteförderungskonzept der Kultusminister

I.
In der deutschen Wirtschaft haben sich Großunternehmen und Konzerne in den letzten Jahren auf den Weg gemacht, die vielfältig intransparent verflochtene "Deutschland AG" mit dem Ziel aufzulösen, die deutschen Unternehmen für den globalen und immer intensiveren Wettbewerb zu stärken. Ganz im Gegensatz hierzu will die Konferenz der Länderkultusminister für einen ihrer Verantwortungsbereiche, die Wissenschaft, die weithin abgewickelte "Deutschland AG" im jüngst publizierten "Netzwerk der Exzellenz" unter der Firma "Elite-Campus Deutschland" wiederbeleben. Wenn das wirklich die Antwort der Länder auf die Bundesinitiative "Elite-Universitäten" sein sollte, mit der sie deutsche Hochschulen für den Wettbewerb mit Harvard, Stanford, Oxford und Cambridge ertüchtigen wollen, dann birgt dieser Ländervorstoß von Anbeginn den Keim des Scheiterns in sich. Für die Engländer wäre es gewiss ebenso undenkbar, Cambridge mit Oxford und London zu einem Britisch Network zu verbinden, wie für die Amerikaner, aus Harvard, Yale, Princeton und Stanford in der "Ivy League" ein "United Universities of America" zu bilden. Und wenn die Kultusministerkonferenz "ausgewählten Bereichen" in Aussicht stellt, in (besser wohl: auf) den Elite-Campus Deutschland aufgenommen zu werden, dann mag sich wohl mancher Universitätsangehörige verwundert die Augen reiben und fragen, ob das vor bald zweihundert Jahren überwundene Zunftwesen mit seinem konstitutiven Meisterschlag fröhliche Urstände in der Wissenschaft feiern soll. Über Exzellenz und Elite befinden auf offenen (Wissenschafts-)Märkten keine "Schiedsrichter", sondern Marktakteure und -teilnehmer. Auf den "Elite Campus Deutschland" führt ganz offensichtlich ein Holzweg.

II.
Um für den internationalen Wettbewerb auch in Deutschland die Leuchttürme zu befeuern, genügt es nicht, bloß die tief im Wasser liegenden Ansteuerungstonnen anzumalen und zu putzen. Das aber will die Kultusministerkonferenz, wenn sie für den Wettbewerb nicht auf die Universitäten setzt, sondern kleinteilig auf Fakultäten und Wissenschaftsbereiche. Wenn die Minister diesen Ebenenwechsel damit begründen, dass Wettbewerb nicht zwischen ganzen Hochschulen stattfindet, dann ist das (zumindest bei globaler Betrachtung) schlicht falsch. Harvard wird insgesamt als führende Einheit im Wettbewerb wahrgenommen und tritt auch so auf. Gewiss – die Harvard Medical School, die Harvard Law School, die Kennedy School for Government und andere Einrichtungen mehr wetteifern auf ihren Gebieten und tragen so zu Ansehen und Anerkennung ihrer Universität bei; aber internationaler Respekt wird der Universität Harvard insgesamt entgegengebracht.

Dagegen haben einzelne Fakultäten und Wissenschaftsbereiche gar nicht die Masse, um im globalen Wettbewerb den Schwung und jene Schubkraft zu generieren, die internationale Spitzenpositionen benötigen. Exzellente Forscher brauchen ein kongeniales Umfeld; sie brauchen aber auch eine stabile Plattform: ihre Universität – es sei denn, sie agieren auf einer der anderen großen Plattformen wie Max-Planck-Gesellschaft, Helmholtz-, Leibniz- oder Fraunhofer-Gemeinschaft. Erst solche Plattformen vermitteln der Leistungsfähigkeit und -kraft einzelner Forscher im weltweiten Wettbewerb jene letztlich unmessbare Glaubwürdigkeit und Ausstrahlung, die den einen und anderen von ihnen Nobelpreisträger werden lässt. Ob Wolfgang Ketterle, deutscher Nobelpreisträger für Physik mit Sitz in den USA, diesen Preis im Ausstrahlungs-schwachen Deutschland bekommen hätte, ist zu bezweifeln. Hierzulande müssen deshalb betont die Universitäten gestärkt werden, um global zu den führenden Universitäten in den USA, Großbritannien und anderswo noch enger aufzuschließen.

Darüber hinaus gibt die Förderung von Fach- und Wissenschaftsbereichen die Universität als solche auf, die universitas literarum. Das ist in einer Zeit schlicht anachronistisch, da Medizin, Biologie und andere Naturwissenschaften erneut in ihren Erkenntnissen mit einer Fülle von Folgefragen voranstürmen, an deren Beantwortung auch die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften zu beteiligen sind. Viel zu lange schon werden die Probleme der Stammzellenforschung ausschließlich außerhalb der Universitäten interdisziplinär behandelt; sie müssen schon deshalb aus dem arcanum der Akademien und außeruniversitären Wissenschaftsverbünde herausgelöst und auf der agora der Universitäten traktiert werden, weil nur so der wissenschaftliche Nachwuchs und die Studierenden an den interdisziplinären Wissenschaftsdialog herangeführt, für ihn aufgeschlossen und befähigt werden können. Der Bereichs-bezogene Förderansatz der Kultusministerkonferenz atomisiert die Universitäten, zerlegt sie in ein zusammengewürfeltes Konglomerat aus Spezialdisziplinen und droht, Universitäten letztlich überflüssig zu machen.

Eine solche Perspektive und Entwicklung sollten vor allem jene Landesregierungen mit größter Sorge betrachten, die bisher weit überdurchschnittlich in ihre Hochschulen aus der Überzeugung investiert haben, auf den Feldern der Schul- und Hochschulpolitik Länder-individuell politisch gestalten zu können und zu wollen. Andere haben stattdessen in alte Wirtschafts- und Industriestrukturen ihr Geld gesteckt. Dagegen hat das Engagement für die Hochschulen reiche und erkennbare Früchte insbesondere bei den Universitäten mancher Bundesländer getragen. Daraus ist diesen Ländern ein Wettbewerbsvorsprung erwachsen, der mit dem auf Fach- und Wissenschaftsbereiche bezogenen Förderansatz nicht leichter Hand aufs Spiel gesetzt werden sollte.

III.
Bei Lichte besehen geht es der Kultusministerkonferenz auch gar nicht um den internationalen Wettbewerb und mitnichten darum, deutsche Universitäten für ihn zu ertüchtigen. Das kommt zwar in den Leitgedanken ihres "Netzwerk der Exzellenz" nicht sonderlich deutlich zum Ausdruck, sehr wohl aber in der Erläuterung, die der rheinland-pfälzische Wissenschaftsminister Zöllner unlängst in der Presse gegeben hat. Er plädiert für mehr Wettbewerb in der deutschen Wissenschaft und stellt als erste Spielregel hierfür auf, man müsse die richtigen Wettbewerbsteilnehmer gegeneinander antreten lassen; das seien die einzelnen Wissenschaftsbereiche. Im Klartext also: Die Informatik in Kaiserslautern soll ihre Kräfte mit der in Saarbrücken messen. Von Stanford oder dem MIT ist somit keine Rede.

Das "Netzwerk der Exzellenz" – ein Gedankenkonstrukt von krähwinkeliger Provinzialität? Das beileibe nicht: Die Wissenschaftsminister in der Kultusministerkonferenz tragen nicht bloß Verantwortung für die Spitzenuniversitäten in Deutschland, sondern für alle mehr als 90 Universitäten in einer Wissenschaftslandschaft, die durch ihr insgesamt sehr gutes Leistungsspektrum auch und gerade im internationalen Vergleich gekennzeichnet ist. Tausende von deutschen Nachwuchswissenschaftlern allein in den USA stellen allen Universitäten in Deutschland ein unübersehbar gutes Zeugnis aus. Deshalb ist ohne jeden Vorbehalt zu begrüßen, wenn die Bundesländer den Elite-Vorstoß der Bundesregierung zum Anlass nehmen, ihrer aus Zuständigkeit erwachsenden Verantwortung nachzukommen, um ihrerseits über Förderungsmöglichkeiten für Eliten zu reflektieren.

Indes – zur Provinzposse würde das "Netzwerk der Exzellenz" degenerieren, falls es das Bundeskonzept der Elite-Universitäten vollständig ersetzen wollte. Wäre das tatsächlich so, dann könnten wir vom Ziel eines attraktiven "Wissenschaftsstandortes Deutschland" im europa- und weltweiten Wettbewerb der Universitäten für längere Zeit Abschied nehmen. Wettbewerbsfähig blieben dann allenfalls die außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Deutschland.

Deshalb kann es nur eine Lösung geben: Das Länder-Netzwerk der Exzellenz muss neben dem Bundeskonzept der Elite-Universitäten in sinnvoller Verknüpfung beider Ansätze verwirklicht werden; kurzum: zusammen, nicht gegeneinander. Denn diese Forderung der Länderminister ist zweifellos richtig: Zusätzliche Mittel für universitäre Spitzenförderung dürfen nicht zu Lasten der Breitenförderung gehen. Deshalb muss die Zahl förderungswürdiger Elite-Universitäten auf gegen 10 erhöht werden, damit den realen Verhältnissen in Deutschland kompetetiv Rechnung getragen werden kann.

Freilich richtet sich diese Länderforderung nicht bloß an den Bund, sondern an die Länder gleichermaßen. Die Bundesregierung darf ihre Finanzmittel für die Hochschulbauförderung nicht weiter reduzieren, muss sie vielmehr zumindest auf den alten Stand aufstocken; dies ist überaus vernünftig in diesen Tagen geschehen. Und die Länderwissenschaftsminister müssen gegenüber ihren Finanzministern dafür kämpfen, dass die unerträglichen, weil partiell Existenz-vernichtenden Kürzungen im Hochschulbereich ihr Ende finden. Mittel für die Hochschulen finanzieren Zukunftsinvestitionen. Aber damit nicht genug: Das "Netzwerk der Exzellenz" benötigt zusätzliches Ländergeld, viel Geld. Insoweit ist der Unterabschnitt "Finanzierung" im Netzwerkkonzept der Länder von enttäuschender Kargheit: Eine Selbstbeteiligung der Länder bei den Graduiertenschulen und Exzellenzzentren bleibt so lange ein unverbindliches Lippenbekenntnis, wie der Bundeszahl 250 Mio. Euro keine klare Länderzahl an die Seite gestellt wird; auf wenigstens 200 Mio. Euro sollte sich der Länderbeitrag schon belaufen. Zugegeben – das wäre immer noch deutlich weniger als der Jahreshaushalt der ETH Zürich; aber gute Breitenförderung wäre damit in der deutschen Universitätslandschaft schon auf den Weg zu bringen. Denn das haben durchweg alle deutschen Universitäten in der Vergangenheit stets aufs Neue bewiesen: In sie investiertes Geld wird gut verzinst; mit ihrem return of investment können sich die deutschen Universitäten weltweit sehen lassen.

IV.
Für die anstehenden Verhandlungen zwischen Bund und Ländern ist nach allem die Linie aus universitärer Sicht klar: Das Spitzenkonzept des Bundes und das Breitenkonzept der Länder, beide sind im Interesse des "Wissenschaftsstandort Deutschland" zu einem in sich stimmigen Gesamtkonzept zusammenzufügen; begleitet werden muss dies Gesamtkonzept von einem einheitlichen Finanzierungskonzept samt Zuströmen und Verteilung auf die einzelnen Aktivitätsfelder.

Mit Blick auf ein solches Gesamtkonzept ist vieles aus dem Länder-Netzwerkkonzept auf das Bundeskonzept "Elite-Universitäten" harmonisch erstreckbar; so etwa: die Kooperation zwischen Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen (die um die mit exzellenten Fachhochschulen ergänzt werden sollte); die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses durch vermehrte Einrichtung von Promotions- und Graduiertenkollegs, auch und insbesondere gemeinsam mit research schools außeruniversitärer Forschungseinrichtungen; die Auswahl exzellenter Universitäten, Fakultäten und Wissenschaftsbereiche durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die allerdings hierfür noch stärker ausländische Wissenschaftler in ihre Gutachterkommissionen berufen müsste; vor allem: die Nachhaltigkeit der Förderung über fünf und fünf Jahre hinaus. Denn Eliteförderung darf sich nicht in Anschüben erschöpfen; sie muss langfristig gewährleistet bleiben.

Unabhängig von der Abstimmung mit dem Bund können die Bundesländer sogleich jedes für sich zeigen, dass es ihnen um die breite Förderung universitärer Eliten ernst ist: bei der Beförderung des eigenständigen einheitlichen Wissenschaftstarifvertrages und vor allem anderen bei der Entfesselung (nicht bloß: Lockerung) des Kapazitätsrechts zu definierten Bedingungen. Das Kapazitätsrecht hat Deutschlands Universitäten zu profillosen Masseneinrichtungen verkommen lassen und sie im internationalen Wettbewerb mit Bleistricken gefesselt. Wenn der Elitewettbewerb nach Ländervorstellung, was Beifalls-würdig ist, auch auf die Lehre erstreckt werden soll, dann muss dies mit einer fundamentalen Veränderung des universitären Kapazitätsrechts einhergehen – nicht bloß, damit in Heidelberg kleine "Klassen" wie in Harvard oder Oxford gebildet werden können, sondern auch wie in der Fachhochschule Pforzheim. In diesem Zusammenhang verbesserter Lehre, aber auch nur in diesem muss dann auch über Universitäts-individuelle und Studiengangs-bezogene Ausbildungsbeiträge der Studierenden nachgedacht und politisch diskutiert werden.

V.
Für die Universitäten und für die Wissenschaft insgesamt ist die politische Großwetterlage durch den Vorstoß der Bundesregierung sonnig und heiter geworden. Wir können nur hoffen, dass sie sich nicht in den Auseinandersetzungen zwischen Bund und Ländern nachhaltig eintrübt und die Universitäts-freundlichen Impulse folgenlos verpuffen. Ein Gesamtkonzept des Bundes und der Länder zu einer breit umfassenden und dennoch gezielten Eliteförderung in Deutschland werden die Universitäten gern mittragen. Um so wichtiger ist es in diesen Tagen, sie an der Entwicklung eines solchen Konzeptes zu beteiligen. Die Zeiten des preußischen Kultuspolitikers Althoff mit seinen einsamen Entscheidungen zum vermeintlichen Wohl der Universitäten sind vorbei. Deshalb sollten auch die Ministerien heute keine abgeschotteten Geheimverhandlungen führen, sondern das Gesamtkonzept im offenen Diskurs entwickeln; umso größer und breiter wird die Akzeptanz bei den Universitäten sein.

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
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