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16 Februar 2004

"Geh dorthin, wo der Fluss seine Füße hat!"

Der Ethnologe Jürg Wassmann forscht in Papua-Neuguinea – Professor Wassmann fragt: "Wie nimmt der Mensch seine Welt überhaupt wahr?"

Der Ethnologe Jürg Wassmann

Vom Dschungel an den Schreibtisch – ein Ethnologe muss sich in allen Umgebungen zu recht finden. Foto : Schnurr

Gar nichts ist selbstverständlich auf der Welt. Noch nicht einmal, dass links dort ist, wo der Daumen rechts ist. Oder etwa – dass Dinge existieren, bloß weil wir sie sehen! "Die Menschen in Ozeanien begreifen die Welt nach ganz anderen Maßstäben", ist sich Professor Jürg Wassmann sicher. Seit vielen Jahren schon erforscht der Heidelberger Ethnologe in der Südsee Sprache und Wahrnehmung verschiedener Völker. Die besondere Herausforderung einer Umgebung ist seiner Ansicht nach dafür mitverantwortlich, welche Fähigkeiten, die in ihr lebenden Menschen entwickeln. "Wenn eine Gemeinschaft immer im dichten Regenwald lebt, dann haben die Einheimischen ein ausgezeichnetes Gehör. Ob ein Objekt da ist oder nicht, entscheiden sie nach Klang und Geräusch. Ob sie es mit den Augen wahrnehmen, ist dagegen eher zweitrangig."

Diese Erkenntnis rüttelt an den Grundfesten unserer Alltagswahrnehmung. Links und rechts sind für uns unerschütterliche Maßstäbe. So wie oben und unten, vorne und hinten. Doch dies liegt daran, dass in der deutschen Sprache die Wahrnehmung des Äußeren vom ‚Ich' ausgeht. Es ist der Mittelpunkt unserer Welt, der umgebende Raum orientiert sich immer auf dieses Zentrum hin. "Egozentrisch" nennen die Wissenschaftler diese Wahrnehmung. Aber weder ein australischer Ureinwohner noch ein Balinese können mit dieser Perspektive etwas anfangen. Auch die Yupno in Papua-Neuguinea empfinden sich als Teil der Landschaft und gliedern so ihre räumlichen Angaben. Ihr Weltbild ist "geozentrisch", also an der Erde orientiert. Die Quelle des Flusses ist sein Kopf, seine Mündung sind die Füße. Wenn ein Eingeborener seinem Gast den Weg weisen will, dann sagt er beispielsweise "geh hin zum Berg, wo der Kopf des Flusses ist." Auf Deutsch: "Halte dich Richtung Nordosten".

Doch aufwändiger ethnologischer Studien vor Ort bedarf es, bis solche Feinheiten für den Beobachter klar werden – die aber von großer philosophischer Relevanz sind. Wassmann selbst lebte lange Jahre in der Südsee, bevor er Direktor des hiesigen Instituts für Ethnologie wurde. Und auch von seinem Doktoranden erwartet er, dass sie mindestens ein ganzes Jahr in einem Dorf leben und forschen, bevor sie bei ihm eine Doktorarbeit einreichen dürfen. "Das kann eine große psychische Belastung werden. Nicht jeder ist für einen solch extremen Forschungseinsatz geeignet. Die Hitze, die hohe Luftfeuchtigkeit, aber auch die Einsamkeit ist für viele einfach zu belastend." Zu allem Überfluss gibt es auch noch Spinnen, Skorpione und Schlangen. Doch wer mit all dem einigermaßen fertig wird – der muss dann auch noch in der Lage sein, wissenschaftlich gründlich zu arbeiten.

Regelmäßig lädt Wassmann deshalb seine Studenten und Doktoranden zu sich nach Hause ein. Alle drei Wochen, immer dienstags um 18 Uhr. Zu Gast ist meist ein internationaler Wissenschaftler, der von seinen Erfahrungen im Feld berichtet. Welche Lektüre er mitnimmt, wie das Verhältnis zu den Dorfbewohnern war, wie es sich ohne Radio und Handy lebt. "Es sind gerade diese Kleinigkeiten, die im Alltag ungeheuer wichtig werden können. Nur aus erster Hand können meine Studenten anschaulich erfahren, was da auf sie zukommt", weiß Wassmann. Doch seine Arbeit findet Anerkennung: Die Volkswagen-Stiftung hat ihm soeben 250.000 Euro für ein dreijähriges Forschungsprojekt bewilligt. Acht seiner Doktoranden werden nun ab August für ein Jahr in die Südsee fliegen. Im Anschluss stoßen dann Heidelberger Psychologen und Geografen dazu, um die Forschungsergebnisse interdisziplinär auszuwerten. "Die Frage, was ist das Wesen des Menschen, was macht ihn zu einer sozialen Person, wie nimmt er die Welt überhaupt wahr, sie beschäftigt uns vor allem. Und ich denke, wir werden durch dieses Projekt einige sehr interessante Antworten erhalten!", freut sich Wassmann schon jetzt.

Dr. Johannes Schnurr

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
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