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28. Januar 2004

Grundstein für neue Partnerschaft

Reise nach Nordkorea – Seminarreihe "Angewandte Physik und Mathematik"

Noch immer herrscht an der Grenze von Nord- zu Südkorea Eiszeit. Noch immer sind die Drohgebärden des Kalten Krieges allgegenwärtig, stehen sich hier gewaltige Militärmaschinerien gegenüber. Doch der Wunsch nach Aussöhnung zwischen beiden Ländern ist groß, wie verfahren die Situation sich auf den ersten Blick auch zeigt. Und hinter der harschen Kulisse beginnt tatsächlich das Tauwetter, gleichwohl das an der politischen Rhetorik noch nicht zu erkennen ist.

Im Straßenbild der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang sind die Veränderungen allerdings nicht mehr zu übersehen. Wo noch vor zwei Jahren das Einheitsgrau der Uniformen die Szenerie beherrschte, tauchen nun die ersten Farbtupfer auf. Rote Anoraks und gelbe Windjacken blähen sich im Winterwind, blaue Schals und wiesengrüne Hosen scheint die Jugend für entschieden kleidsamer zu befinden als die schlichte Arbeitsmontur mit ihrem strengen nüchternen Zuschnitt. Der Autokonzern Hyundai lässt auch schon im Lande produzieren, 100 Quadratmeter Landbesitz sind dem Bürger mittlerweile erlaubt, ja sogar der private Kleinhandel mit selbstgezogenem Gemüse wurde in bescheidenem Umfang wieder zugelassen. Die wirtschaftliche Lage entspannt sich infolge dessen zusehends. Seit den Hungerjahren 1995 und 1996 ist die Versorgungssituation, vor allem auf dem Land und in der Hauptstadt, besser geworden. Dennoch fällt das Bruttosozialprodukt Nordkoreas noch immer mehr als bescheiden aus: Mit rund 1000 Dollar pro Kopf und Jahr entspricht es in etwa einem Zehntel der Wirtschaftsleistung, die der kapitalistische Bruder im Süden vorweisen kann.

Auch was den wissenschaftlichen Austausch zwischen Nordkorea und Deutschland angeht, soll nun eine neue Ära anbrechen. Kürzlich besuchte eine achtköpfige Delegation deutscher Forscher Pjöngjang. Der Kontakt geht zurück auf eine Initiative der Gottlieb Daimler- und Karl Benz-Stiftung. Die Ladenburger Stiftung unterstützt schon seit Jahren weltweit Nachwuchsforscher. Mit ihrem Stipendienprogramm fördert sie nicht nur deutsche Jungforscher im Ausland, sondern ermöglicht auch ausländischen Studenten an deutschen Universitäten, Projekte durchzuführen.

Einer der geografischen Schwerpunkte dieses Programms ist derzeit Südostasien. "Die beteiligten Wissenschaftler sehen in dem Seminar einen Schritt, die internationale Isolierung des Landes zu durchbrechen", so Prof. Freiherr Gisbert zu Putlitz, Vorstandsvorsitzender der Stiftung. "Nach meinen Erfahrungen mit der Sowjetunion in den 1970er Jahren ist der völkerverbindende Charakter der Wissenschaft oft sehr viel früher als Politik und Wirtschaft geeignet, ein Vertrauen zwischen den Eliten der Länder zu schaffen. Sobald als möglich möchten wir dann auch mit einem regelmäßigen Austausch von Nachwuchswissenschaftlern beginnen."

Mit ins Boot holten sich die Ladenburger die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die sich finanziell an der Reise beteiligte. Als Gastgeberin vor Ort trat die Akademie der Wissenschaften Nordkoreas auf. Sie organisierte nicht nur das wissenschaftliche Haupt-, sondern auch ein kulturelles Rahmenprogramm.

Auf nordkoreanischer Seite nahmen rund 50 Wissenschaftler teil. Das Seminar bildet den Auftakt für eine ganze Seminarreihe mit dem Titel "Angewandte Physik und Mathematik", die in den nächsten Jahren regelmäßig Forscher beider Nationen zusammenführen soll. Die Bandbreite der Vorträge reichte von der Keramik- und Metallforschung über Halbleiter und bis zu amorphen Festkörper. Aus Heidelberg nahm Prof. Jürgen Warnatz an der Reise teil. Warnatz ist Direktor des Interdisziplinären Zentrums für Wissenschaftliches Rechnen (IWR) und referierte über die Simulation heterogener katalytischer Reaktionen.

"Selbstverständlich sind die Arbeitsbedingungen in Korea völlig andere als bei uns, gerade was die technische Ausrüstung anbetrifft. In den Instituten, die wir besucht haben, stehen keine Supercomputer. Üblich sind kleinere Rechner älterer Bauart, eben die typischen Modelle, wie man sie in Singapur für rund 500 Doller kaufen kann", so Warnatz. Dürftig ist auch die Ausstattung der Einrichtungen mit moderner Fachliteratur, insgesamt hinkt die nordkoreanische Forschung damit dem aktuellen Forschungsstand rund 15 Jahre hinterher. Doch diametral zu den technischen Gegebenheiten steht das Bemühen der Forscher, den internationalen Standard zu erreichen.

"Das Engagement und das Fachwissen der nordkoreanischen Kollegen waren sehr gut und die präsentierten Vorträge überzeugend", so Warnatz. Vor allem die jungen Koreaner erstaunten die Deutschen mit ihren PowerPoint-Präsentationen. Warnatz ist überzeugt, mit am IWR ausrangiertem technischem Gerät bei der Ausstattung nordkoreanischer Institute helfen zu können. "Selbstverständlich achten wir dabei streng auf die Ausfuhrbestimmungen. Mit den vielzitierten Waffenprogrammen hat unser Austausch nun wirklich nicht das Geringste zu tun. Alle behandelten Themen wie auch die Ergebnisse unserer wissenschaftlichen Zusammenarbeit werden publiziert und sind in Fachzeitschriften en detail nachzulesen."

Die deutsche Sprache in Korea

Die Kommunikation zwischen den Wissenschaftlern fand mehrheitlich auf Englisch statt, doch auch Deutsch wurde immer wieder gesprochen. Durch die langen Jahre intensiver Kontakte Nordkoreas mit der DDR sind viele Forscher mit der deutschen Sprache vertraut. Als außergewöhnlich gut beurteilten die deutschen Wissenschaftler die Gesprächsatmosphäre. "Wenn Wissenschaftler sich noch nicht persönlich kennen, dann dauert es in der Diskussion oft etwas länger, bis das Eis gebrochen ist", erklärt Warnatz. "Doch in Pjöngjang war das ganz anders, das ging ruckzuck!" Die Treffen fanden im "Kulturpalast des Volkes" statt, besichtigt wurden das "Institute of Mathematics of Academy of Sciences", an der "University of Sciences" sowie am "Center for Experimental Analysis".

Auch das kulturelle Rahmenprogramm war breit gefächert, so wurden neben der "International Friendship Exhibition" das "Kumsusan Memorial Palace" besucht. Für die westlichen Besucher dabei befremdend war vor allem die omnipräsente ideologische Überhöhung von Staatsgründer Kim Il Sung. Das monumentale Bildnis ist ganz in weiß gehalten, umstrahlt wird es von orangerotem Licht, welches einen Sonnenaufgang, ergo die politische Morgenröte des Landes, symbolisiert. Von getragener Musik begleitet gelangen die Gäste weiter in das abgedunkelte Allerheiligste des Mausoleums, wo Kim Il Sung aufgebahrt ist.

Unter Tränen verlassen viele Koreaner das Gebäude schließlich wieder. Seine Leistungen als Führer des Volkes werden auf Wandgemälden hymnisch gepriesen, sein Konterfei beherrscht die öffentlichen Plätze, seine Statue weist allerorten und nach wie vor mit heroischer Geste den Weg in eine goldene Zukunft. Die sogenannte "Juche-Ideologie" betont dabei nicht nur den Sozialismus als den politisch einzig rechten Weg, sondern trägt auch eindeutig nationalistische sowie religiöse Züge, die das koreanische Volk als das auserwählte deuten.

Regelmäßiger Austausch beginnt

Nach dem erfolgreichen Verlauf des ersten Treffens soll im September 2004 die Fortsetzung folgen. Das nächste Seminar wird am Heidelberger IWR abgehalten, 15 nordkoreanische Forscher werden dann als Gäste erwartet, Koordinator vor Ort wird Warnatz sein. Danach soll der regelmäßige Austausch auch von Studenten beginnen. Wie groß das Interesse der deutschen Jungforscher an Nordkorea sein wird, ist vorab noch nicht einzuschätzen, doch liegt die Vermutung nahe, das für die meisten das westliche Ausland, vor allem die USA, attraktiver sind. Bei den koreanischen Nachwuchsforschern ist ein Aufenthalt in Deutschland dagegen als Karrieresprungbrett heiß begehrt.

Johannes Schnurr

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
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und
Irene Thewalt
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