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17. Dezember 2003

Tiefer Einschnitt in der deutschen Geschichte

Der Begleitband zur Heidelberger Ausstellung "... so geht hervor ein' neue Zeit: Die Kurpfalz im Übergang an Baden 1803"

Friedrich Rottmanns "Bestürmung der Heidelberger Brücke"

Friedrich Rottmanns "Bestürmung der Heidelberger Brücke". Unsere Abbildung ist dem hier besprochenen Band entnommen.

Hinter dem Titel verbirgt sich ein wissenschaftlicher Begleitband mit Beiträgen verschiedener Autoren und zugleich der Katalog zu der gleichnamigen Ausstellung, die gegenwärtig im Kurpfälzischen Museum der Stadt Heidelberg zu besichtigen ist. Anlass der Ausstellung wie der vorliegenden Publikation ist die zweihundertste Wiederkehr des Endes der Kurpfalz, reichsrechtlich besiegelt im Reichsdeputationshauptschluss vom 25. Februar 1803, der kurz darauf als letztes Reichsgrundgesetz vom Reichstag in Regensburg verabschiedet wurde. Dieses Gesetz, welches die geistlichen Territorien des Reiches säkularisierte und die Reichsstädte und Reichsritterschaften mediatisierte, bildet einen tiefen Einschnitt in der deutschen Geschichte, der im Bewusstsein der Nachlebenden allerdings dadurch in den Hintergrund gerückt wurde, dass das Heilige Römische Reich deutscher Nation drei Jahre später mit der Niederlegung der Kaiserkrone durch Franz II. selbst sein Ende fand.

Aus der Perspektive des Jahres 1806 erscheint der Reichsdeputationshauptschluss lediglich als Etappe in einem Prozess, der bereits in den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts eingesetzt hatte und erst nach der Niederwerfung Napoleons mit der Neuordnung Deutschlands und Europas auf dem Wiener Kongress 1814/15 seinen Abschluss finden sollte. Diesen größeren Zusammenhängen geht Eike Wolgast mit seinem Beitrag nach, während Armin Kohnle sich auf das Ende der Kurpfalz konzentriert.

Die Kurpfalz war der einzige weltliche Reichsstand von Rang, der 1803 aufgelöst wurde. Was damals dem Markgrafen von Baden zufiel, war allerdings nur ein Teil dieses ehemals mächtigen und weitverzweigten Territoriums. Die linksrheinischen Gebiete der Pfalz waren im Frieden von Lunéville 1801 an Frankreich abgetreten worden, und von der Liquidation des rechtsrheinischen Rests profitierten außer Baden auch Hessen-Darmstadt, Nassau und Leiningen. Der badische Zugewinn war schon deshalb von besonderem Gewicht, weil er die beiden Residenzstädte Heidelberg und Mannheim einschloss.

Dass der Kurfürst von der Pfalz, seit 1777 zugleich Kurfürst von Bayern, auf seine Stammlande an Neckar und Rhein verzichtete, lässt sich aus dem Zusammenwirken übergeordneter Interessen im Streben nach Erlangung einer vorteilhaften Gesamtlage im Zuge der territorialen Neuordnung Deutschlands erklären. Gleichwohl suchte Bayern nach dem Wiener Kongress viele Jahre lang nach Wegen, um die rechtsrheinische Kurpfalz zurückzugewinnen (Wolfgang Piereth).

Der Umbruch von 1803 setzte einem jahrhundertealten Rechtszustand ein Ende. Damit stellt sich die Frage nach Verlust und Gewinn. Offenkundig war die Kurpfalz nach der Übersiedlung des Kurfürsten Karl Theodor nach München 1778 ein vernachlässigter Außenposten geworden; die Revolutionskriege hatten das Land seit 1792 stark in Mitleidenschaft gezogen (Cornelia Knab); die napoleonische Kontinentalsperre verstärkte noch die Not der kleinen Leute und trieb den Odenwälder Räuberbanden neue Mitstreiter zu (Frieder Hepp). In einer wirtschaftlichen Notlage befand sich auch Mannheim vor dem Übergang an Baden (Wilhelm Kreutz).

In welchem Maße die Kurpfalz immer wieder zum Kriegstheater wurde, wird unter anderem an der zeitgenössischen Graphik erkennbar (Eva Maria Werner). Infolge der Kriegsanleihen, seit 1794 auch durch den Verlust der Einkunftsquellen auf dem linken Rheinufer war das Land 1802 hoch verschuldet (Armin Kohnle). Vielleicht hängt es damit zusammen, dass sich gegen die Inbesitznahme durch Markgraf Karl Friedrich bei allen Schwierigkeiten und Befürchtungen im einzelnen kein nennenswerter Widerstand regte (Fred Raithel), ja, dass sich an den neuen Landesherrn vielfach große Hoffnungen knüpften, wie es die Herausgeber aus gutem Grund mit dem Vers aus Clemens Brentano im Titel des Bandes zum Ausdruck gebracht haben (Hans-Martin Mumm).

In der Tat bot der Übergang an Baden Chancen für einen neuen Aufschwung. Das gilt um so mehr, als das Land durch die zahlreichen territorialen Zugewinne zwischen Konstanz und Weinheim das Gebiet der alten Markgrafschaften um ein Vielfaches hatte vergrößern können, so dass es zu einer Modernisierung und administrativen Neuordnung geradezu gezwungen war, wenn die neu erworbenen Gebiete und Untertanen in ein Ganzes integriert werden sollten (Frank Engehausen), wobei allerdings nicht alle Bereiche des politischen Lebens gleichmäßig berücksichtigt wurden, wie an der Auseinandersetzung über die Heidelberger Stadtverfassung erkennbar wird (Andreas Cser).

Der Umbruch spiegelt sich auch in der Staatssymbolik, vor allem im Bereich der Wappen (Harald Drös). Unter den Staatsmännern, die den Reformprozess gestalteten, ragte in Baden neben Brauer vor allem Sigismund von Reitzenstein hervor, das badische Gegenstück zu Maximilian von Montgelas in Bayern (Jörn Leonhard). Die Gegensätze zwischen der pfälzisch-reformierten und der badisch-lutherischen Kirche mündeten 1821 in die Gründung der evangelisch-unierten Landeskirche (Udo Wennemuth). Der Geist der Erneuerung kam nicht zuletzt der Universität Heidelberg zugute, die im 18. Jahrhundert wenig Ruhm hatte ernten können, dank der Reformen Brauers und Reitzensteins nach 1803 jedoch einen gewaltigen Aufschwung erlebte (Dorothee Mußgnug).

Die Universitätsbibliothek gewann im Zuge der Klostersäkularisationen (Markus A. Maesel) die Bücherbestände von etwa einem Dutzend aufgehobener Klöster hinzu (Armin Schlechter). Das mag daran erinnern, dass die rechtsrheinische Pfalz und Heidelberg um 1800 ein Zentrum der bildenden Kunst gewesen sind, das sich in vielen Ansichten von Stadt und Schloss aus dieser Zeit ein bleibendes Zeugnis gesetzt hat (Gabriele Thölken).

Im letzten Aufsatz verfolgt Andrea Hoffend die Anläufe der letzten zweihundert Jahre, die zwischen 1803 und 1815 gezogenen Grenzen im Bereich des sogenannten Rhein-Neckar-Dreiecks zu überwinden und dabei an die ehemalige Verbindung links- und rechtsrheinischer Gebiete unter dem Dach des pfälzischen Kurstaats anzuknüpfen.

Den Schlussteil des reich ausgestatteten Bandes bildet der im wesentlichen von Carl-Ludwig Fuchs verfasste Katalogteil, in dem die Exponate der Ausstellung kundig erläutert werden. In einer Lasche auf der Innenseite des hinteren Buchdeckels befindet sich eine von Joachim Dahlhaus erarbeitete Karte der Kurpfalz 1789 und ihrer Nachfolgestaaten 1817, auf der die Zersplitterung des Kurstaats und die Neuordnung im Zeitalter Napoleons dargestellt sind. Das Buch ist eine der wichtigsten Veröffentlichungen zur Geschichte der Kurpfalz und Heidelbergs, die in den letzten zehn Jahren erschienen sind.

Volker Sellin

Kohnle, F. Engehausen, F. Hepp, C.-L. Fuchs (Hg.): "...so geht hervor ein' neue Zeit: Die Kurpfalz im Übergang an Baden 1803". Verlag Regionalkultur, Heidelberg 2003. 360 S., 25 Euro.

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
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und
Irene Thewalt
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