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6. Dezember 2003

Verleihung der Ruprecht-Karls-Preise, des Fritz-Grunebaum-Preises und des Umwelt-Preises der Viktor und Sigrid Dulger Stiftung – Laudationes durch Prof. Härle

Laudationes anlässlich der Verleihung der Ruprecht-Karls-Preise, des Fritz-Grunebaum-Preises und des Umwelt-Preises der Viktor und Sigrid Dulger Stiftung von Professor Dr. Wilfried Härle, Theologische Fakultät der Universität Heidelberg

Magnifizenz, meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Preisträgerinnen und Preisträger!
In der Jury, die die Aufgabe hat, die Preisträger für die Ruprecht-Karls-Preise, den Fritz-Grunebaum-Preis und den Umwelt-Preis der Viktor und Sigrid Dulger Stiftung auszuwählen, taucht meiner Erinnerung nach ein Satz mit verlässlicher Regelmäßigkeit auf: "Wir haben aus den besten Qualifikationsarbeiten die allerbesten und deswegen preiswürdigen Arbeiten auszuwählen". Dieser Satz fällt regelmäßig, wenn einer der Juroren die Auffassung vertritt, es gebe unter den eingereichten Arbeiten doch auch noch andere, die eigentlich einen Preis verdienten. Und wenn diese Meinung geäußert wird – was durchaus nicht selten der Fall ist -, dann wird sie eben beantwortet mit dem Satz: "Wir müssen uns klarmachen, dass wir aus den besten Qualifikationsarbeiten der Universität allerbesten und deshalb die preiswürdigen auszuwählen haben".

In einer hier in Heidelberg inzwischen relativ gut eingeführten Semantik könnte man sagen: Mit den Preisen, die wir heute verleihen, zeichnen wir die Gipfel der Exzellenz aus, die sich auf den Inseln der Exzellenz erheben. Tatsächlich ist es von Jahr zu Jahr beeindruckend, welche Fülle an herausragenden Arbeiten junger Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler unsere Universität hervorbringt.

Die Rede von "Gipfeln der Exzellenz" ist freilich in gewisser Hinsicht missverständlich. Sie könnte den Eindruck erwecken, hier handle es sich um besonders "abgehobene" Formen und Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit, dem Himmel der reinen Forschung nah, aber der Erde unserer Lebenswelt fern.

Dass es sich dabei um ein gravierendes Missverständnis handeln würde, belegen gerade in diesem Jahr die Themen und Inhalte der zur Preisverleihung ausgewählten Arbeiten in beeindruckender Intensität. Wir haben es durchweg mit Arbeiten zu tun, in denen sich die wissenschaftliche Qualität nicht zuletzt dadurch ausweist, dass sie sich auf Phänomene bezieht, die wir aus unserer Lebenswelt kennen, auf die wir in unserem alltäglichen Nachdenken stoßen und deren lebenspraktische Bedeutung wir darum zumindest erahnen, wenn nicht sogar gut verstehen können.

Das kann nicht in allen Fällen hochrangiger Wissenschaft so sein, weil wissenschaftlicher Fortschritt auch von Formen der Grundlagenforschung lebt, deren Praxisrelevanz oftmals für lange Zeit unerkennbar oder unsicher bleibt. Aber wenn beides zusammentrifft – die hochrangige Forschungsqualität und der unmittelbare lebenspraktische Bezug -, dann zeigt sich besonders eindrücklich, in welchem Maße die Gesellschaft im Ganzen und damit auch ihre einzelnen Mitglieder von den wissenschaftlichen Leistungen der Universität abhängig sind und profitieren.

Lassen Sie mich Ihnen in diesem Sinne zunächst die fünf Arbeiten vorstellen, die von der Jury für die Verleihung der Ruprecht-Karls-Preise ausgewählt wurden:

Der "Hermeneutik des Erinnerns bei Hugo von Hofmannsthal" widmet sich die unter der Betreuung von Prof. Borchmeyer angefertigte literaturwissenschaftliche Dissertation von Frau Dr. Heike Grundmann. Sie greift damit ein Thema auf, das in Form literarischer Erinnerungskultur vielfältig beschworen, zitiert und kommuniziert wird, aber damit noch nicht notwendigerweise greifbare Gestalt und klaren Sinn bekommen hat. Einen Beitrag dazu zu leisten, unternimmt Frau Grundmann mit ihrer Arbeit über den Österreichischen Dichter an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, indem sie dessen subtile und facettenreiche Beiträge zum Phänomen des Erinnerns behutsam erhebt und zu gleichzeitigen oder späteren Theorien, wie denen von Edmund Husserl, Sigmund Freud oder Jacques Derrida in Beziehung setzt. Dabei lässt sich der spezifische Beitrag, den Hugo von Hofmannsthal zu diesem sowohl gesellschaftlich wie individuell wichtigen Thema geleistet hat, gut bündeln und veranschaulichen in einem Bild bzw. in einer Metapher, die er selbst gebraucht hat. Es ist die alte Metapher vom Leben als einem Buch, in dem es immer wieder zu lesen, aber auch zu über-lesen gilt. Denn unsere Erinnerung ist nicht nur – was wir wohl alle gelegentlich erleiden – durchs Vergessen bedroht, sondern sie kann ebenso bedroht sein durch ein grenzenloses Überschwemmtwerden mit Bildern und Eindrücken, die uns als Erinnerungen begleiten oder verfolgen, deren wir nicht mehr Herr werden können. Dabei gibt von Hofmannsthal der Metapher des Lebensbuches insofern eine spezifische Bedeutung, als er dieses Buch versteht wie ein Palimpsest, also wie eine alte Handschrift, die z. B. aus Sparsamkeitsgründen – unter Umständen mehrfach – abgeschabt und wieder überschrieben wurde, um neue Botschaften festzuhalten und weiterzugeben. So erweist sich die Hermeneutik des Erinnerns einerseits als eine archäologische Restituierung der vergessenen und verdrängten Anteile aus der Geschichte des Subjekts, andererseits aber auch als die Wahrnehmung der Präsenz überindividueller kultureller Traditionen, die in unserem Bewusstsein wie in einem Traum redigiert und komponiert werden. Hugo von Hofmannsthal schrieb einmal: "Die Geste unserer Zeit ist der Mensch mit einem Buch in der Hand". Ach, wenn das doch auch heute noch gälte, möchte man mit wehmütigem Seitenblick auf die PISA-Ergebnisse hinzufügen und damit der Hoffnung Ausdruck geben, dass die Literaturwissenschaft durch Arbeiten wie die von Frau Dr. Grundmann einen Beitrag dazu leisten können, die Kultur des Erinnerns auch durch eine Kultur des Lesens zu beleben und zu fördern. In einen ganz anderen Bereich der Freizeitbeschäftigung führt uns die – ich nenne es einmal so – sport- und religionssoziologische Dissertation von Herrn Dr. Peter Dewald über "Baseball als heiliges Symbol". Diese Dissertation wurde von Prof. Bette betreut. Als "ganz anders" bezeichne ich diesen Bereich nicht nur wegen der Unvereinbarkeit von Lektüre mit gleichzeitiger sportlicher Betätigung, sondern vor allem deswegen, weil Baseball das darstellt, was Herr Dewald zurecht als "amerikanische Besonderheit" bezeichnet. Wir begegnen hier einem – wenn nicht sogar dem – US-amerikanischen Nationalsport, dessen Regelsystem, vor allem aber dessen Faszination sich uns Europäern und Angehörigen anderer Weltgegenden nicht auf Anhieb und nicht ohne weiteres erschließt. Herr Dewald zeigt, welche Bemühungen es schon im 19. Jahrhundert gab, den genuinen amerikanischen Ursprung dieses Spiels nachzuweisen und es als ein getreues Abbild der amerikanischen Demokratie, seiner Fortschrittsorientierung und geistigen und körperlichen Lebendigkeit und Leistungsbereitschaft zu preisen. Eine solche Sportart als "heiliges Symbol" zu kennzeichnen und zu analysieren, wie Herr Dewald das tut, ist im säkularisierten europäischen Kontext dazu angetan, ein Missverständnis auszulösen, für das freilich der Autor dieser Arbeit keinerlei Verantwortung trägt. Man könnte meinen, Baseball sei so etwas wie Religionsersatz oder Ersatzreligion, also ein Surrogat für das verloren gegangene oder abhanden gekommene Heilige. In seiner informativen Arbeit zeigt Herr Dewald, dass das Gegenteil der Fall ist: Diese Sportart partizipiert selbst an der tief verwurzelten amerikanischen Religiosität, sie ersetzt sie also nicht, sondern hat an ihr Anteil. Das Scharnier, durch das dieser Zusammenhang hergestellt wird, entdeckt Herr Dewald – m. E. ganz zurecht – in den puritanischen Tugenden, die vor allem im Baseball-Spiel zum Ausdruck kommen. So erschließt diese Arbeit nicht nur einen neuen, phänomengerechten Zugang zu einer uns relativ fremden Sportart und zu ihrem geschichtlichen Hintergrund, ihrer für das weiße Amerika symbolischen Bedeutung sowie zu dem Denken und Fühlen, in dem sie beheimatet ist, sondern sie leistet eben damit zugleich einen Beitrag zum Verständnis US-amerikanischer Mentalität, was sich nach den Verstimmungen im Umfeld des Irakkriegs auch als ein Beitrag zur dringend nötigen Verbesserung des deutsch-amerikanischen Verständnisses und Verhältnisses erweisen könnte.

Dass Herr Dr. Claus Wendt mit seiner von Prof. Jürgen Kohl betreuten Dissertation über "Krankenversicherung oder Gesundheitsversorgung?", in der er die Gesundheitssysteme von vier europäischen Staaten hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit miteinander vergleicht, einen Beitrag zu einer hochaktuellen Thematik leistet, bedarf keiner Begründung. Wohl aber ist es sinnvoll und angemessen, etwas zur Fragestellung, Methode und zu den Ergebnissen dieser soziologischen Dissertation zu sagen. Herr Wendt hat zwei unterschiedliche Typen von Gesundheitssystemen untersucht, um sie miteinander zu vergleichen: einerseits den Typ des überwiegend durch Beiträge finanzierten gesetzlichen Krankenversicherungssystems, für das in seiner Arbeit Deutschland und Österreich stehen, andererseits den Typus des steuerfinanzierten nationalen Gesundheitsversorgungssystems, das anhand von Dänemark und Großbritannien analysiert wird. Dass Herr Wendt für jeden dieser beiden Systemtypen zwei Beispiele auswählt und präsentiert, hat den Sinn – und Vorteil – dass damit differenzierte Varianten in den Blick kommen, nämlich jeweils eine mit einer eher dezentralen und eine mit einer eher zentralisierten Organisationsstruktur. Anhand einer Vielzahl von Kriterien unternimmt Herr Wendt es, diese vier verschiedenen Gesundheitssysteme zu analysieren und miteinander zu vergleichen. Dabei verdient es besondere Beachtung, dass nicht nur sogenannte "harte", gut messbare Faktoren in die Untersuchung einbezogen werden, sondern auch "weichere" wie etwa das Solidaritätsprinzip, das Vertrauen und die Zufriedenheit der betroffenen Bürger. Dabei schneidet aus der Sicht von Herrn Wendt Dänemark besonders gut ab. Aber diese Dissertation erhebt nicht den Anspruch, die Arbeit der Rürup-Kommission oder die der Herzog-Kommission überflüssig zu machen oder deren politische Umsetzung zu präjudizieren. Wohl aber liegt hier ein Beitrag vor, der dazu helfen kann, dass die anstehenden politischen Entscheidungen auf noch besserer empirischer und argumentativer Grundlage gefällt werden können. Und genau das ist ja eine der Funktionen, die die wissenschaftliche Arbeit für Politik und Gesellschaft erfüllen kann und soll: nicht die dort anstehenden Entscheidungen zu ersetzen, wohl aber sie mit vorzubereiten und so zu ihrer Optimierung beizutragen. Und dazu leistet die Arbeit von Herrn Dr. Wendt einen beachtlichen Beitrag.

Die im Fach anorganische Chemie unter der Betreuung von Prof. Siebert verfasste Dissertation von Herrn Dr. Andre Weiß trägt den Titel: "Synthesen, Strukturen und Reaktivität von Imidazolyl- und Imidazolboranen sowie von Diboryl- und Diboranyl(4)porphyrinen". Dem Nicht-Naturwissenschaftler erschließt sich das, was sich hinter diesem ansprechenden Titel eher verbirgt als zeigt, nicht auf den ersten, sondern wohl erst auf den zweiten Blick, um was für ein faszinierendes, praxisrelevantes und möglicherweise sogar therapeutisch innovatives Projekt es sich hier handelt. Herr Weiß beschäftigt sich in seiner Doktorarbeit nämlich mit neuartigen Molekülen, deren Gerüst in abgewandelter Form sowohl in unserem roten Blutfarbstoff als auch im grünen Chlorophyll der Blätter unserer Bäume sowie schließlich im berühmten Vitamin B12 als Baustein enthalten ist. Er hat diese Moleküle durch den Einbau von Boratomen an Stelle von Kohlenstoffatomen so modifiziert, dass sich dadurch hochinteressante Perspektiven in Richtung auf die Entwicklung neuer Materialien und Werkstoffe ebenso auftun wie im Blick auf die Möglichkeit, den das kranke Gewebe zerstörenden Neutroneneinfang bei der Tumorbestrahlung effizienter zu machen. Diese neuen therapeutischen Perspektiven verdanken sich der Tatsache, dass das Element Bor im Vergleich zu Kohlenstoff, Stickstoff und Wasserstoff wesentlich besser in der Lage ist, langsame Neutronen einzufangen. Die kleinen Molekülbausteine, die Herr Weiß entwickelt hat, sind aber auch in sich außerordentlich interessant, denn sie vermögen nicht nur die unterschiedlichsten Metallatome an sich zu binden und deren Eigenschaften zu modifizieren, sondern von ihnen her lassen sich auch – wie die Arbeit von Herrn Weiß zeigt – grundlegende Fragen zur Bindungstheorie und Elektronenverteilung in borhaltigen Porphyringerüsten mathematisch exakt beantworten.

Die fünfte und letzte Arbeit, der in diesem Jahr der Ruprecht-Karls-Preis verliehen werden soll, stammt aus dem Bereich der theoretischen Physik und wurde unter der Betreuung von Prof. Wetterich von Herrn Dr. Michael Doran verfasst. Sie trägt den Titel: "Theory and Phenomenology of Quintessence". Der Begriff "Quintessenz" weckt vermutlich bei den meisten fachlich nicht vorgebildeten Rezipienten eher irreführende Assoziationen – nämlich an alchimistische Vorstellungen oder an die alte Idee vom Äther als einem fünften Element. Quintessenz bezeichnet hier jedoch kein Element und keine Substanz, sondern eine Energie. Den besten Zugang zur Thematik dieser Arbeit bietet wohl die Erinnerung an die 1929 durch Hubble entdeckte Rotverschiebung der Spektren ferner Galaxien, durch die eine Expansionsbewegung dieser Galaxien und damit eine Expansion des Universums belegt ist. Dieser sogenannte Hubble-Effekt ist eine der wesentlichen Begründungen für die Urknall-Theorie. Aufgrund dieser Theorie müsste man eigentlich erwarten, dass sich die Expansion des Universums allmählich verlangsamt. Vor wenigen Jahren konnte jedoch gezeigt werden, dass sich diese Expansion überraschenderweise sondern sogar beschleunigt. Zur Erklärung diese Phänomens wurde die Existenz einer bis dahin unbekannten Energie postuliert, die etwa die Hälfte der Gesamtenergie des Universums ausmacht und gewissermaßen eine Sogwirkung auf die Expansion hervorruft. Diese negative Energie ist aber in Laborexperimenten bisher nicht nachweisbar. Zu ihrer Beschreibung wurden sogenannte skalare Felder bzw. "die dunkle Energie" vorgeschlagen, die den Namen "Quintessenz" tragen. Und es gibt verschiedene derartige Modelle, die jeweils von unterschiedlichen Annahmen ausgehen. Herr Doran hat in seiner Arbeit versucht, Kriterien für die Tauglichkeit dieser Modelle zu entwickeln. Dabei hat er die Schwankungen der kosmischen Hintergrundstrahlung untersucht und mit Vorhersagen aus verschiedenen Modellen der Quintessenz verglichen. Einige dieser Modelle konnten dabei von ihm ausgeschlossen werden, andere liefern jedoch Ergebnisse, die jedenfalls mit gegenwärtigen Messungen verträglich sind – möglicherweise jedoch nicht mit zukünftigen Messungen mit verbesserter Genauigkeit. Auch wenn ein mögliches Ende unseres Universums zweifellos jenseits dessen liegt, was in unserer Lebenszeit zu erwarten ist, haben wir es hier doch mit einer technisch aufwendigen Arbeit zu tun, die das Gesamtverständnis unseres Universums betrifft und deshalb von großer Bedeutung und Reichweite ist.

Der Fritz-Grunebaum-Preis wird in diesem Jahr verliehen an Frau Dr. Nicole Sommerschuh für ihre unter der Betreuung unseres Rektors, Prof. Hommelhoff verfasste Dissertation über die Regelungen der Berufshaftung und der Berufsaufsicht bei Wirtschaftsprüfern im Vergleich mit Rechtsanwälten und Notaren. Diese drei Berufsgruppen sind dadurch untereinander verbunden, dass sie in Lebensbereichen tätig werden, die sich durch große rechtliche und ökonomische Sensibilität auszeichnen und auf deren Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit die einzelnen Bürger, aber auch ganze Wirtschaftsunternehmen angewiesen sind, um sowohl gegenüber Irrtümern oder Fahrlässigkeiten, als auch gegenüber kriminellen Machenschaften geschützt zu sein. Frau Sommerschuh richtet in ihrer Arbeit ihr besonderes Augenmerk auf die präventive Wirkung des Berufshaftungsrechts und der Berufsaufsicht. Im Blick auf die Berufsgruppen der Rechtsanwälte und Notare, mit denen wir als sogenannte normale Bürger eher zu tun haben, kommt sie erfreulicherweise zu dem beruhigenden Ergebnis, dass sowohl die Berufsaufsicht, die vor allem durch die Berufsstände wahrgenommen wird, im Großen und Ganzen gut geregelt ist und zufriedenstellend funktioniert, als auch die Berufshaftung grundsätzlich gegeben ist und insofern weder zu Besorgnissen noch zu Veränderungen Anlass gibt. Anders sieht Frau Sommerschuh hingegen die Lage im Blick auf Wirtschaftsprüfer. Zwar ist auch hier die Berufshaftung gegenüber dem jeweils zu prüfenden Unternehmen gegeben, sie fehlt jedoch völlig im Blick auf Dritte, z. B. Gläubiger oder Anteilseigner, die von einer solchen Prüfung betroffen sein könnten. Auch die Berufsaufsicht bei Wirtschaftsprüfern ist nach Ansicht von Frau Sommerschuh zur Zeit nur unzureichend gewährleistet, und deshalb hält sie es für geboten, dass es hier zu veränderten Einstellungen der Aufsichtsgremien und Gerichte und auch zu veränderten gesetzlichen Regelungen kommen müsse, durch die zum mindesten stichprobenartige Überprüfungen von Jahresabschlüssen eingeführt würden. Der Fritz-Grunebaum-Preis wird damit für eine Arbeit verliehen, die in ganz konkreter Form Vorschläge für gesetzliche Veränderungen im Interesse potentieller Schadensopfer unterbreitet.

Ich komme schließlich zu der Arbeit, die in diesem Jahr mit dem Umwelt-Preis der Viktor und Sigrid Dulger Stiftung ausgezeichnet werden soll, der unter der Betreuung von Prof. Platt angefertigten physikalischen Dissertation von Herrn Dr. Gerd Hönninger mit einem Titel, dessen Verlesung und Rezeption wieder etwas höhere Ansprüche stellt. Er lautet: "Halogen Oxide Studies in the Boundary Layer by Multi Axis Differential Optical Absorption Spectroscopy and Active Longpath-DOAS". Diese Arbeit beschäftigt sich gleichwohl mit einem uns allen vertrauten, höchst brisanten Phänomen: dem Ozon und dem sogenannten Ozonloch. Ozon spielt in unserer Atmosphäre bekanntlich eine vielfältig wichtige Rolle. Es filtert in der Stratosphäre schädliche Anteile der Ultraviolett-Strahlung der Sonne heraus, und in den vergangenen Jahren musste ein bedenklicher Abbau der Ozonschicht in der Antarktis, eben das sogenannte Ozonloch, beobachtet werden. Aber auch in der unteren Atmosphäre spielt Ozon in Form von Smog im Sommer in Ballungsgebieten eine bedenkliche Rolle. Ein Verständnis dieser – und anderer – Ozonprobleme verlangt zunächst genaue Messungen der reaktiven Spurengase und Aerosole, die sowohl für eine Zunahme wie auch für eine Abnahme der Ozonkonzentration in der Atmosphäre verantwortlich sind – auch für den Abbau bodennahen Ozons. Herr Hönninger hat im Rahmen seiner Dissertation diese Nachweismethoden entscheidend verbessert. Dabei konzentriert er sich auf das Streulicht der Sonne kurz vor Sonnenaufgang und kurz nach Sonnenuntergang. Durch gleichzeitige Beobachtung unter verschiedenen Winkeln konnte er den Anteil der Streuung aus verschiedenen Höhen der Atmosphäre identifizieren. Mit dieser Methode hat Herr Hönninger an verschiedenen Orten – auf der Zugspitze, am Indischen Ozean, an der Hudson Bay und in Kreta – die für das Verständnis der Ozonchemie in der Atmosphäre wichtigen Halogenradikale nachweisen können und damit einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des Abbaus von bodennahem Ozon geleistet. Die von ihm entwickelte Meßmethode kann aber auch für andere Fragestellungen verwendet werden, etwa zur Untersuchung von Luftverschmutzungen oder bei der Bestimmung von Spurengasemissionen nach Vulkanausbrüchen oder Waldbränden. Macht man sich bewusst, welch große Bedeutung das Ozon und sein Abbau für unser Klima und damit für unsere Gesundheit und für die künftiger Generationen hat, so wird wohl gut nachvollziehbar, dass auch mit dieser hochqualifizierten Arbeit ein wesentlicher wissenschaftlicher Beitrag für eine verantwortliche Gestaltung unserer gesellschaftlichen Gegenwart und Zukunft geleistet wird.

Solche Arbeiten auszuzeichnen, ehrt vor allem die Preisträgerinnen und Preisträger. Es ehrt aber auch die Stifterinnen und Stifter solcher Preise und es dient – und das ist das Wichtigste – dem Gemeinwohl und d. h. letztlich uns allen.

Prof. Dr. Wilfried Härle, Heidelberg

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
http://www.uni-heidelberg.de/presse

und
Irene Thewalt
Pressestelle der Universität
Tel. 542311
presse@rektorat.uni-heidelberg.de


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